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Chrysostomus († 407) - Homilien über den II. Brief an Timotheus
Erste Homilie.

II.

Da haben wir ein weiteres Loh, daß nämlich Timotheus nicht von Heiden, nicht von Ungläubigen stammt, sondern einem Hause angehört, das längst Christo diente.

Welcher in deiner Großmutter Loïs und in deiner Mutter Eunice gewohnt hat.

Er war nämlich der Sohn einer gläubigen Jüdin. Wie so, einer Jüdin und einer Gläubigen? Ja, er stammt nicht von einer Heidin. Aber seines Vaters wegen, der ein Grieche war, und mit Rücksicht auf die Juden, die in jenen Gegenden wohnten, hatte ihn Paulus angenommen und zugleich beschneiden lassen. Man sieht, wie das Gesetz seiner Auflösung entgegen ging, da solche Verbindungen vorkamen.

[S. 257] Auch beachte man, wie der Apostel die Beweise dafür häufet, daß er den Timotheus nicht unterschätzt. „Ich diene Gott,“ will er sagen, „und habe ein reines Gewissen. Du bist in Thränen. Nicht bloß diese Thränen rühren mich, sondern auch dein Glaube, weil du ein Arbeiter für die Wahrheit bist, weil kein Falsch in dir ist. Wenn du dich nun meiner Zuneigung so würdig zeigst, einerseits als so zärtlicher Freund, andererseits als ein so echter Jünger Christi, und wenn auch ich nicht zu gefühllosen Menschen, sondern zu den Freunden der Wahrheit gehöre, was soll mich dann hindern, zu kommen?“

Ich bin aber überzeugt, daß er auch in dir wohnt.

Von Alters her besitzest du dieses Kleinod, von deinen Vorfahren hast du den ungeheuchelten Glauben überkommen. Das Lob, welches unseren Voreltern gespendet wird, gilt ja auch uns, wenn wir die gleiche Gesinnung haben wie sie. Ist aber dieß Letztere nicht der Fall, dann hat es für uns keine Bedeutung, im Gegentheil enthält es sogar für uns eine um so härtere Verurtheilung. Deßhalb fährt der Apostel fort: „Ich bin aber überzeugt, daß er auch in dir ist.“ Ich vermuthe es nicht bloß, sondern ich bin überzeugt und habe volle Gewißheit dafür. Wenn du also durch keine irdischen Rücksichten zum Glauben geführt worden bist, so wird auch Nichts im Stande sein, dich davon abzubringen.

6. Deßhalb ermahne ich dich, daß du die Gnadengabe Gottes wieder anfachest, welche in dir ist durch die Auflegung meiner Hände.

Man beachte, in welch großer Verzagtheit, in welch gedrückter Stimmung sich Timotheus nach der Darstellung des Apostels befunden haben muß. Er sagt ja beinahe: [S. 258] „Glaube nicht, daß ich dich gering schätze, sondern wisse, daß ich dich weder verachtet noch vergessen habe.“ Und wenn an niemand Andern, so denke wenigstens an deine Großmutter und deine Mutter! Deßhalb, weil ich weiß, daß du einen ungeheuchelten Glauben besitzest, bin ich deiner eingedenk. Du mußt die Bereitwilligkeit haben, „die Gnadengabe Gottes wieder anzufachen.“ So bedarf auch die Gnade unserer Bereitwilligkeit, um fortzuglühen, wie das Feuer des Holzes bedarf. „Ich ermahne dich, daß du die Gnadengabe Gottes wieder anfachest, welche in dir ist durch die Auflegung meiner Hände,“ d. h. die Gabe des hl. Geistes, welche du empfangen zur Regierung der Kirche, zum Wunderwirken, überhaupt zum Dienste des Altares. Es steht ja bei uns, diese Gabe auszulöschen oder anzuzünden. Deßhalb spricht der Apostel auch anderwärts: „Löschet den Geist nicht aus!“1 Sorglosigkeit und Leichtsinn löscht diese Flamme aus, Fasten und Eifer hält sie wach. Sie ist in dir, aber du mußt sie höher aufflackern machen, d. h. du mußt nachlegen mit Vertrauen, frohem Muthe, freudigem Sinne! Stehe männlich da.

7. Denn Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und Selbstbeherrschung.

D. h. nicht deßhalb haben wir den Geist empfangen, damit wir verzagt werden, sondern damit wir Vertrauen hegen. Vielen hat ja Gott den Geist der Angst gegeben, wie es z. B. den Feinden der Juden in den Büchern der Könige ergeht: „Und es fiel auf sie,“ heißt es, „der Geist der Angst,“2 d. h. Gott jagte ihnen Furcht ein. Dir dagegen hat er den Geist der Stärke und der Liebe zu ihm gegeben. Also das ist eine Wirkung der Gnade, aber nicht [S. 259] Gnade allein, sondern wir müssen vorerst auch das Unsrige dazu thun. Denn der Geist, welcher uns rufen lehrt: „Abba, Vater!“, der legt in uns auch die Liebe zu Gott und zu dem Nächsten; wir sollen ja einander lieben. Aus dem Gefühle der Kraft und des Vertrauens entspringt ja die Liebe. Nichts pflegt so zerstörend auf die Liebe zu wirken als Verzagtheit und Furcht vor Verrath. Also: „Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft, der Liebe und Selbstbeherrschung.“ Unter „Selbstbeherrschung“ (σωφρονισμός) versteht der Apostel entweder die Gesundheit des Sinnes und der Seele, oder er meint die Mäßigkeit; wir sollen mäßig sein, und ein Unglück, das uns etwa trifft, soll uns mäßig machen, soll die Üppigkeit beschneiden. Wollen wir also nicht verzagen, wenn uns ein Unglück trifft: das ist dann „Selbstbeherrschung“. „Zapple dich nicht ab,“ heißt es, „in der Zeit der Heimsuchung!“3 Viele haben Verdrießlichkeiten in ihrem Hause. Die Trübsal ist uns Allen gemeinsam, ihre Ursachen sind freilich verschieden. Bei dem Einen ist’s die Frau, bei dem Andern ein Dienstbote, bei dem Dritten ein Freund, bei dem Vierten ein Feind, bei dem Fünften ein Nachbar, bei dem Sechsten ein erlittener Schaden, kurz, viel und mannigfach sind die Ursachen der Trübsal. Es gibt überhaupt gar keinen Menschen ohne Trübsal und Elend; der Eine hat ein kleineres, der Andere ein größeres Kreuz. Also seien wir nicht kleinmüthig; glauben wir nicht, wir hätten allein Ungemach zu dulden!

1: I. Thess. 3, 19.
2: Exod. 15, 16.
3: Ekkl. 2, 2.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger