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Chrysostomus († 407) - Homilien über den I. Brief an Timotheus

Achte Homilie.

I.

8. Ich will nun, daß die Männer an jeglichem Orte beten, heilige Hände emporhebend, ohne Zorn und Mißtrauen;
9. ebenso auch die Frauen; sie sollen sich schmücken mit anständigem Gewande in Schamhaftigkeit und Mäßigung, nicht mit Haarflechten oder Gold oder Perlen oder kostbarem Kleide,
10. sondern (was sich ziemt für Frauen, welche sich zur Gottseligkeit bekennen) durch gute Werke.

I. „Wenn ihr betet,“ sagt Christus, „so werdet nicht wie die Heuchler, welche mit Vorliebe in den Synagogen und an den Ecken der Straßen stehend beten, damit sie von den Menschen gesehen werden. Wahrlich, sage ich euch, sie haben ihren Lohn schon empfangen. Du aber, wenn du betest, geh’ in dein Kämmerlein, schließ’ die Thüre zu und [S. 98] bete zu deinem Vater im Verborgenen, und er wird dir öffentlich vergelten.“1 Und was sagt Paulus? „Ich will, daß die Männer an jeglichem Orte beten, heilige Hände emporhebend, ohne Zorn und Streit.“ Aber steht Das nicht im Widerspruch zu jenen Worten Christi? Gott bewahre! Es stimmt vielmehr trefflich dazu. Wie so? Man muß nur vorher erklären, was die Worte bedeuten: „Geh’ in dein Kämmerlein!“ und was es denn mit diesem Gebote auf sich hat, wenn man einerseits an jedem Orte beten, und wenn man andererseits in der Kirche nicht beten soll und an keinem anderen Orte des Hauses als im „Kämmerlein“. Wie ist also diese Stelle zu verstehen? Christus will vor eitler Ehrsucht warnen und sagt deßhalb, daß man nicht nur nicht in der Öffentlichkeit, sondern im verborgensten Winkel sein Gebet verrichten solle. Gleichwie er mit den Worten: „Deine Linke soll nicht wissen, was deine Rechte thut,“2 nicht im materiellen Sinne von den Händen spricht, sondern die sorgfältige Vermeidung eitler Sucht an’s Herz legt, so ist auch die citirte Stelle in diesem Sinne gemeint. Nicht auf einen bestimmten Raum grenzte Christus den Gebetsakt ab, sondern nur das Eine befiehlt er, daß man damit nicht Eitelkeit treibe. Paulus aber stellt sich mit seinem Ausspruche in Gegensatz zum Gebete der Juden. Man betrachte nur seine Worte: „An jedem Orte heilige Hände emporhebend.“ Das war bei den Juden nicht Rechtens. Sie durften nämlich sich Gott nicht allerorten nähern, nicht überall Opfer darbringen und ihre Religion ausüben, sondern an einem Orte mußten sie sich von allen Punkten des Erdkreises sammeln und alle ihre Reinigungen im Tempel vornehmen. Diesen Vorschriften tritt der Apostel mit seiner Mahnung entgegen. Er befreit die Christen von diesem Zwange und sagt: Bei uns ist es nicht so wie bei den Juden. Gleichwie er befiehlt, für alle Men- [S. 99] schen Gebete zu verrichten, — für alle Menschen, sagt er, ist Christus gestorben und in Bezug auf Alle gebe ich dieses Gebot, so ist es auch in der Ordnung, an allen Orten zu beten. Es handelt sich für die Folge nicht mehr um den Ort (τόπος), sondern um die Art (τρόπος) des Gebetes. Überall soll man beten, überall aber „heilige Hände emporheben“. Das ist’s, was verlangt wird. „Heilige Hände,“ was heißt Das? „Reine Hände.“ Rein nicht im Sinne von „gewaschen“, sondern rein von Habsucht, Mord, Raub, Mißhandlung. „Ohne Zorn und Mißtrauen.“ Was will Das sagen? Welcher Betende wäre in zorniger Stimmung? Das will sagen: „Ohne Erinnerung an erlittenes Unrecht.“ Rein sei das Herz des Betenden, frei von jeder leidenschaftlichen Regung. Niemand trete mit feindseliger Gesinnung vor Gott hin, Niemand mit Bitterkeit und „Mißtrauen“! Was heißt „Mißtrauen“? Laßt uns hören! Man darf nicht den geringsten Zweifel hegen, daß man Erhörung finden werde. „Um was ihr vertrauensvoll bitten werdet,“ heißt es, „Das werdet ihr erhalten;“3 und wiederum: „Wenn ihr vor Gott stehet im Gebete, so vergebet, wenn ihr Etwas gegen Jemanden habt!“4 Das heißt „ohne Zorn und Mißtrauen“. Und wie kann ich das Vertrauen hegen, daß meine Bitte erfüllt wird? Wenn du nicht das Gegentheil von Dem verlangst, was Gott bereit ist zu geben; wenn du Nichts verlangst, was seiner Hoheit unwürdig ist, nichts Weltliches, sondern Geistliches; wenn du ohne Zorn vor Gott hintrittst, mit reinen, heiligen Händen. Heilig sind sie, wenn sie Almosen spenden. Wenn du also hintrittst, dann wirst du auf jeden Fall deine Bitte erfüllt sehen. „Wenn ihr,“ heißt es, „die ihr böse seid, eueren Kindern gute Gaben zu geben wißt, um wie viel mehr euer Vater, der im Himmel ist?“5 Unter „Mißtrauen“ versteht der Apostel das Zweifeln.

[S. 100] In derselben Weise, sagt der Apostel, will ich, auch die Frauen vor Gott hintreten, ohne Zorn, ohne Mißtrauen, daß sie heilige Hände haben, ihren Leidenschaften nicht fröhnen, nicht rauben, nicht habgierig seien. Von den Frauen aber verlangt Paulus noch mehr. Was denn? „Daß sie sich schmücken mit anständigem Gewande in Schamhaftigkeit und Mäßigung, nicht mit Haargeflechten oder Gold oder Perlen, sondern (was sich ziemt für Frauen, welche sich zur Gottseligkeit bekennen) durch gute Werke.“ Was meint der Apostel mit dem „Gewand“? Ein Kleid, das den Körper rings bedeckt, zierlich, aber nicht überladen. Jenes ist ein Schmuck, das letztere wäre das Gegentheil. Wie? Du trittst mit einer Bitte vor Gott hin und hast Goldschmuck und Haargeflechte an dir hängen? Du kommst doch nicht zum Tanz? zu einer Hochzeit? Du willst doch nicht an einem öffentlichen Aufzug Theil nehmen? Da ist Goldschmuck und Haargeflecht, da ist ein Prunkkleid am Platze. Jetzt aber brauchst du Nichts dergleichen. Du bist gekommen, um Mitleid zu erregen, um wegen der Sünden abzubitten, um Verzeihung für deine Fehltritte zu erwirken, um zu dem Herrn zu flehen und ihn gnädig gesinnt zu machen. Was behängst du dich mit Schmuck? Das ist nicht das äussere einer Bittenden. Wie vermagst du zu seufzen, zu weinen, inbrünstig zu bitten, wenn du in diesem Aufzug erscheinst? Wenn du weinst, so müssen deine Thränen auf die Zuschauer komisch wirken. Eine Weinende darf nicht mit Gold beladen sein. Das ist eine Komödie und Heuchelei. Ist es nicht eine Komödie, wenn aus demselben Herzen, aus dem so viel Pracht und Eitelkeit entsprungen, auch Thränen hervorbrechen? Weg mit dieser ganzen Heuchelei! Gott läßt nicht mit sich scherzen. Das schickt sich für Schauspieler und Tänzer, die sich den ganzen Tag auf der Bühne herumtreiben. Einer anständigen Frau aber steht es schlecht an. „Mit Schamhaftigkeit und Mäßigung,“ sagt der Apostel.

[S. 101]

1: Matth. 6, 5—6.
2: Matth. 6, 3.
3: Matth. 21, 22.
4: Mark. 11, 25.
5: Matth. 7, 11.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger