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Chrysostomus († 407) - Homilien über den I. Brief an Timotheus

Siebente Homilie.

I.

2. Damit wir ein friedliches und ruhiges Leben führen in aller Gottesfurcht und Ehrbarkeit.
3. Denn Dieß ist angenehm und wohlgefällig vor Gott, unserm Heiland,
4. welcher will, daß alle Menschen das Heil erlangen und zur Erkenntniß der Wahrheit gelangen.

I. Wenn der Apostel will, daß Kriege, Kämpfe und unruhige Zeiten ein Ende nehmen, und wenn er deßwegen den Priester auffordert, für die Herrscher Gebete zu verrichten, so sollen Das viel mehr noch die Laien thun. Es gibt nämlich drei schlimmere Formen des Krieges. Der eine ist der eben genannte, von Staatswegen geführte Krieg, wenn unsere Soldaten gegen das Ausland ziehen. Der zweite ist dann gegeben, wenn wir in sonst friedlichen Zeiten gegen einander Krieg führen; der dritte, wenn Jeder [S. 86] gegen sich selber Krieg führt. Dieser letztere ist sogar der allerschlimmste. Jener erstgenannte Krieg gegen das Ausland vermag uns nämlich nicht sonderlich zu schädigen. Wie sollte er’s denn, sage mir? Er bringt uns den Tod durch Waffen. Aber Das verletzt die Seele nicht. Aber auch der zweite kann uns keinen Schaden bringen, wenn wir es nicht wollen. Denn wenn Andere gegen uns Krieg führen, so können ja wir uns friedlich verhalten. Höre, was der Prophet sagt: „Anstatt daß sie mich liebten, haben sie mich verläumdet, ich aber betete;“1 und wiederum: „Mit Denen, welche den Frieden haßten, war ich friedfertig;“2 und abermals. „Wenn ich mit ihnen sprach, erhoben sie Streit wider mich ohne Ursache.“3 Dem dritten Krieg aber entkommt man unmöglich ohne Gefahr. Denn wenn unser Leib gegen die Seele sich empört und schlimme Begierden weckt, wenn er die Leidenschaften des Blutes bewaffnet, Zorn, Neid, dann ist es nicht möglich, falls dieser Krieg nicht beendigt wird, der verheissenen Seligkeit theilhaftig zu werden, sondern wer diese wilde Bewegung nicht unterdrückt, der fällt und erhält Wunden, die jenen schrecklichen Tod in der Hölle zur Folge haben. Es bedarf daher bei uns tagtäglich vieler Sorge und Vorsicht, daß dieser Krieg in unserm Innern nicht losbreche, und wenn er losgebrochen, daß er nicht fortbestehe, sondern zum Ende und zur Ruhe gebracht werde. Denn was würde es helfen, wenn der Erdkreis der tiefsten Ruhe genöße, du aber mit dir selber Krieg führen würdest? Mit sich selber muß man Frieden haben. Haben wir diesen, dann vermag uns von Dem, was ausser uns vor sich geht, Nichts zu schaden.

Übrigens trägt zu diesem inneren Frieden der politische nicht wenig bei. Darum sagt der Apostel: „Damit wir ein friedliches und ruhiges Leben führen.“ Wenn aber Jemand in friedlichen Zeiten keine Ruhe in sich selber [S. 87] hat, dann ist er ein sehr armer Mensch. Man sieht, der Apostel hier jenen Frieden meint, den ich als den dritten bezeichnet habe. Deßhalb bleibt er bei den Worten. „Damit wir ein friedliches und ruhiges Leben führen“ nicht stehen, sondern fügt bei: „In aller Gottesfurcht und Ehrbarkeit.“ In Gottesfurcht und Ehrbarkeit aber kann man nicht leben, wenn nicht jener Friede hergestellt ist. Denn wenn philosophische Grübeleien unsern Glauben beunruhigen, was ist das für ein Frieden? Wenn der Sturm der Wollust in uns tobt, was ist das für ein Frieden? Damit man nicht glaube, daß der Apostel das menschliche Leben im gewöhnlichen und allgemeinen Sinne meint, wenn er sagt: „Damit wir ein friedliches Leben führen,“ so setzt er bei: „in aller Gottesfurcht und Ehrbarkeit.“ Ein friedliches und ruhiges Leben führt möglicher Weise auch der Heide; auch den Unzüchtigen, den Schwelger und Wollüstling kann man ein solches Leben führen sehen. Damit man nun erfahre, daß der Apostel nicht ein derartiges Leben meint, so setzt er die Worte bei: „in aller Gottesfurcht und Ehrbarkeit.“ Jenes Leben ist ja doch voll Nachstellungen und Kämpfen, indem die Seele jeden Tag verwundet wird im Getümmel sündhafter Empfindungen. Daß aber der Apostel das letztere Leben bezeichnen will, erhellt aus dem Beisatze und weiter daraus, daß er nicht einfach sagt: „in Gottesfurcht“, sondern mit einem Beisatze: „in aller Gottesfurcht.“ Mit diesem Ausdruck scheint er nicht bloß eine gläubige Gesinnung zu verlangen, sondern auch eine solche, die im Lebenswandel sich ausprägt. In beiden muß man ja die Gottesfurcht suchen. Denn was nützt es dem frommen Glauben anzuhangen und dabei ein gottloses Leben zu führen? Daß es aber eine bloß im Lebenswandel sich ausprägende Gottlosigkeit gibt, darüber höre, was der heilige Mann anderwärts sagt: „Sie gestehen zu, Gott zu kennen, mit den Werken aber verläugnen sie ihn;“4 und [S. 88] wiederum: „Er hat den Glauben verläugnet und ist ärger als ein Ungläubiger;“5 und abermals: „Falls Einer sich Bruder nennt und ist dabei ein Hurer oder Geiziger oder Götzendiener, ein Solcher ehrt Gott nicht;“6 und weiter: „Wer seinen Bruder haßt, der kennt Gott nicht.“7 Siehst du, wie viele Sorten der Gottlosigkeit es gibt? Darum heißt es: „In aller Gottesfurcht und Ehrbarkeit.“ Gottlos ist nicht bloß der Hurer, sondern auch der Geizige verdient den Namen eines Gottlosen und Unzüchtigen. Auch der Geiz ist eine Leidenschaft gerade so gut wie die sinnlichen Begierden. Wer also dieser Leidenschaft keine Zucht zu Theil werden läßt, der heißt (mit Recht) ein Unzüchtiger. Denn die Bezeichnung „Unzüchtiger“ stammt von der mangelnden Zucht der Begierde. Daher möchte ich auch den Zornmüthigen einen Unzüchtigen nennen, ebenso den Scheelsüchtigen, den Geldnarren, den Heimtücker; jeder Sünder ist ein Unzüchtiger, ein Gottloser und ein Schwelger.

„Denn Dieß ist angenehm und wohlgefällig vor Gott, unserm Heiland.“ Was ist damit gemeint? Das Gebet für alle Menschen, das nimmt Gott wohlgefällig auf, das will er. „Er will ja, daß alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntniß der Wahrheit gelangen.“

1: Ps. 108, 4.
2: Ps. 119, 7.
3: Ebend.
4: Tit. 1, 16.
5: I. Tim. 5, 8.
6: I. Kor. 5, 11.
7: I. Joh. 2, 9.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger