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Chrysostomus († 407) - Homilien über den I. Brief an Timotheus

Vierte Homilie.

I.

15. Glaubwürdig ist das Wort und aller Annahme werth, daß Christus Jesus in die Welt gekommen ist, um die Sünder selig zu machen, deren erster ich bin.
16. Aber deßhalb habe ich Erbarmen gefunden, damit an mir zuerst Christus seine ganze Langmuth offenbare, zum Vorbild für Die, welche an ihn glauben werden zum ewigen Leben.

I. So groß sind die Wohlthaten Gottes und so sehr übersteigen sie alle menschliche Erwartung und Hoffnung, daß man oft gar nicht daran glauben will. Was der menschliche Verstand nicht begriffen und nicht erwartet hat, Das hat Gott uns verliehen. Darum sprechen die Apostel oft über diesen Punkt, daß man glauben solle an das Gute, das Gott uns gespendet. Denn wie uns Das bei einem großen Glücke begegnet, — „Ist es denn kein Traum?“ fragen wir ungläubig, — so auch bei den Gaben Gottes. Worin bestand denn also das Unglaubliche? Darin, daß Feinde und Sünder, daß Menschen, die weder durch das Gesetz [S. 53] noch durch gute Werke gerechtfertigt waren, plötzlich bloß auf Grund des Glaubens der höchsten Güter theilhaftig werden sollten. Über diesen wichtigen Punkt verbreitet sich Paulus im Briefe an die Römer sowie an dieser Stelle: „Glaubwürdig,“ sagt er, „ist das Wort und aller Annahme werth, daß Christus Jesus in die Welt gekommen ist, um die Sünder selig zu machen, deren erster ich bin.“ Da nämlich die Juden zumeist auf diese Weise sich gewinnen ließen, so redet er ihnen zu, sich um das Gesetz nicht zu kümmern, da es nicht möglich sei durch dasselbe ohne den Glauben das Heil zu erlangen. In diesem Sinne polemisirt er hier. Es schien nämlich unglaublich zu sein, daß ein Mensch, der sein ganzes früheres Leben leichtfertig vergeudete und nutzlos mit bösen Handlungen hinbrachte, später einzig und allein durch den Glauben das Heil erlangen sollte. Deßhalb heißt es: „Glaubwürdig ist das Wort.“ Aber Einige glaubten nicht bloß nicht, sondern sie schmähten auch, wie es jetzt noch die Heiden machen, indem sie sagen: „Laßt uns Böses thun, damit Gutes daraus erfolge!“1 Da sie nämlich das Wort des Apostels vernommen: „Wo die Sünde überschwänglich war, da war die Gnade noch überschwänglicher,“2 so zogen sie unsere Lehre in’s Lächerliche durch jenen Satz. So ist’s auch, wenn wir ihnen von der Hölle sprechen. „Wie würde Das der Idee von Gott entsprechen,“ sagen sie, „da doch schon ein Mensch, der seinen Diener auf einer Menge von Vergehen ertappt hat, ihn frei läßt und ihm Verzeihung gewährt? Und Gott sollte ewige Strafen verhängen?“ Und wenn wir hinwiederum vom Taufbad mit ihnen reden und von der durch dasselbe bewirkten Nachlassung der Sünden, dann sagen sie: „Wie entspricht Das der Vorstellung von Gott, daß er einem Menschen, der zahllose Sünden begangen, dieselben nachläßt?“ Siehst du den verkehrten Sinn (dieser Leute)? [S. 54] Siehst du, wie überall ihre Rechthaberei zu Tage tritt? Einmal ist die Verzeihung der Sünden nicht recht, wohl aber die Strafe; das andere Mal ist die Strafe nicht recht, wohl aber die Verzeihung. So ist’s in ihrem Sinn; nach unserem Sinne ist ja Beides recht. Wie so? Das werde ich ein andermal beweisen. Für heute geht es nicht. Denn da dieser Punkt tiefer geht und einer genaueren Erörterung bedürftig ist, so muß ich ihn Euer Lieb (und Andacht) bei passender Gelegenheit einmal vortragen.3 Für heute wollen wir uns an unsern Text halten.

„Ein glaubwürdiges Wort“ heißt es. Warum „glaubwürdig“? Sowohl mit Bezug auf das Vorhergehende als auch auf das Nachfolgende. Man sehe, wie der Apostel einmal den Gedanken einleitet und dann bei demselben länger verweilt! In der Äusserung, daß Gott sich des Lästerers und Verfolgers erbarmte, liegt der vorbereitende Gedanke. Und er hat sich nicht nur erbarmt, will er sagen, sondern er hat ihm auch „Treue“ verliehen. So wenig, meint er, dürfe man sich ungläubig verhalten dagegen, daß Gott sich seiner erbarmt habe. Sieht man einen ehemaligen Gefangenen im Palast des Königs frei herumgehen, so bezweifelt Niemand, daß er begnadigt worden. Und so war es bei Paulus. An seiner eigenen Person liefert er den Beweis und schämt sich nicht, sich als Sünder zu bezeichnen, im Gegentheil, er thut es mit Freunden. Denn auf diese Weise kann er am besten das große Wunder der göttlichen Barmherzigkeit zeigen und beweisen, daß er eines so großen Erbarmens gewürdigt wurde. Und wie ist es erklärlich, daß er, der anderwärts von sich sagt: „Nach der Gerechtigkeit, die dem Gesetze entspricht, war ich tadellos,“4 an dieser Stelle sich für einen Sünder erklärt und zwar für „den ersten der Sünder“? [S. 55] Weil im Verhältniß zu der Gerechtigkeit, welche Gott verlieh, und die in der That verlangt wird, auch die Anhänger des Gesetzes Sünder sind. „Alle haben ja gesündigt und ermangeln des Ruhmes vor Gott.“5 Daher spricht er nicht von der Gerechtigkeit schlechthin, sondern von einer „Gerechtigkeit, die dem Gesetze entspricht“. Gleichwie Jemand, der viel Geld hat, an und für sich als reich gilt, aber im Vergleiche zu den Schätzen eines Königs so arm erscheint, wieder erste beste Arme: so ist’s auch hier. Im Vergleich zu den Engeln sind die Menschen Sünder, auch wenn sie gerecht sind. Wenn aber Paulus, welcher die im Gesetze geforderte Gerechtigkeit übte, der „erste Sünder“ war, welcher von den Andern dürfte sich dann noch einen Gerechten nennen? Indem er gegen sein früheres Leben die Anklage erhebt, bezeichnet er es ja nicht als ein sündhaftes im eigentlichen Sinne, bewahre, sondern er vergleicht nur die frühere Gerechtigkeit mit der jetzigen und zeigt, daß sie Nichts ist, ja noch mehr, er beweist, daß die Besitzer derselben Sünder sind.

„Aber darum fand ich Erbarmen, damit Christus an mir zuerst seine ganze Langmuth offenbare, zum Vorbild für Jene, welche an ihn glauben sollen, zum ewigen Leben.“

1: Röm. 3, 8.
2: Röm. 5, 20.
3: Προθεῖμαι ἐπὶ τῆς ὑμετέρας ἀγάπης.
4: Philipp. 3, 6.
5: Röm. 3, 23.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger