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Chrysostomus († 407) - Homilien über den I. Brief an Timotheus

Zweite Homilie.

I.

5. Das Ziel aber der Ermahnung ist Liebe aus reinem Herzen und gutem Gewissen und ungeheucheltem Glauben.
6. 7. Weil Einige hierin das Ziel verfehlten, sind sie auf eitles Gerede verfallen, indem sie Gesetzeslehrer sein wollen, ohne zu verstehen, was sie sagen und wofür sie Beweise beibringen.

I. Nichts bildet einen so dunklen Fleck am Menschengeschlechte wie die Mißachtung der brüderlichen Liebe und der Mangel an dem eifrigen Bestreben, sie lebendig zu erhalten, wie im Gegentheil Nichts eine so schöne Zierde ist als die Bruderliebe mit aller Kraft zu erstreben. Und Das will Christus sagen mit den Worten: „Wenn Zwei in Bezug auf das Nämliche mit einander übereinstimmen, dann werden sie Alles erhalten, um was sie bitten;“ und wiederum: „Wenn die Schlechtigkeit überhand nimmt, wird die Liebe erkalten.“1 Dieses Erkalten ist die Mutter aller [S. 27] Häresien. Die mangelnde Bruderliebe erzeugte den Neid gegen Diejenigen, welche mehr Auszeichnungen genoßen, der Neid die Herrschsucht, und die Herrschsucht wurde die Mutter der Häresien. Deßhalb hat auch Paulus nach den Worten: „Daß du Einigen befehlest, nicht anders zu lehren,“ die Art und Weise erörtert, wornach Das geschehen kann. Welches ist nun diese Art und Weise? Die Liebe. Gleichwie also in der Stelle: „Christus ist das Ziel des Gesetzes“2 die volle Erfüllung des Gesetzes gemeint ist und das Gebundensein des Gesetzes an Christus, so ist auch hier die Ermahnung an die Liebe gebunden. Das Ziel der Heilkunst ist die Gesundheit. Ist diese vorhanden, dann bedarf es keiner ärztlichen Hilfe. Und ist die Liebe vorhanden, dann bedarf es keiner Ermahnung. Von was für einer Liebe spricht aber der Apostel? Von der ächten, nicht von der, welche bloß bis zu Worten geht, sondern die aus dem Gemüthe, der Gesinnung, aus dem Mitgefühle kommt. „Aus reinem Herzen“ sagt er. Entweder vom guten Lebenswandel, meint er, oder von der ächten Liebe. Ein schlechter Lebenswandel nämlich ruft Zwistigkeiten hervor. „Ein Jeder, der Böses thut, hasset das Licht.“3

Es gibt allerdings auch eine Liebe unter schlechten Menschen. Ein Räuber z. B. ist der Freund des andern, ein Mörder der Freund des andern. Aber das ist keine Liebe „aus einem guten Gewissen“, sondern aus einem schlechten, keine aus einem „reinen Herzen“, sondern aus einem unreinen, keine aus „ungeheucheltem Glauben“, sondern aus einem fingirten und erheuchelten. Der Glaube ist ein Spiegel der Wahrheit; der ächte Glaube ist der Vater der Liebe. Wer wirklich an Gott glaubt, der bringt es niemals über sich, von der Liebe zu lassen.

Weil Einige hierin das Ziel verfehlten, sind sie auf eitles Gerede verfallen.“ Trefflich [S. 28] ist der Ausdruck „das Ziel verfehlen“ (ἀστοσχήσαντες). Denn es gehört eine Kunst dazu, richtig zu treffen und nicht neben das Ziel zu schießen. Man muß vom heiligen Geiste dirigirt werden. Es gibt nämlich gar viele Dinge, die von der rechten Richtung ablenken, und man muß das Auge auf einen einzigen Punkt gerichtet haben.

„Indem sie Gesetzeslehrer sein wollen.“ Da sieht man eine weitere Anschuldigung: die der Herrschsucht. Deßhalb sagte auch Christus: „Ihr sollt Niemanden Rabbi nennen.“4 Und wiederum der Apostel: „Denn nicht einmal sie selber beobachten das Gesetz, sondern damit sie sich rühmen in euerem Fleische.“5 Sie streben nach Würden, will der Apostel sagen, und deßhalb haben sie ihr Auge nicht auf die Wahrheit gerichtet.

„Ohne zu verstehen, was sie sagen und wofür sie Beweise beibringen.“ Hier macht er ihnen den Vorwurf, daß sie das Ziel des Gesetzes nicht kennen und den Zeitpunkt, bis zu welchem dessen Herrschaft reichen sollte. Warum bezeichnest du also, Paulus, Das als eine Sünde, wenn es in der Unwissenheit wurzelt? Es ist ihnen Das begegnet, nicht bloß weil sie Gesetzeslehrer sein wollten, sondern auch weil sie an der Liebe nicht festhielten. Auch sonst entsteht die Unwissenheit aus solchen Dingen. Wenn nämlich die Seele sich fleischlichem Thun hingibt, dann stumpft sich ihr scharfer Blick ab. Und wenn sie von der Liebe läßt, geräth sie in Streitsucht, und das Auge des Verstandes wird geblendet. Denn wer von irgend einer Begierde nach diesen irdischen Dingen befallen wird, ist be- [S. 29] rauscht von der Leidenschaft und kann kein unbestochener Richter über die Wahrheit sein.

„Sie wissen nicht, wofür sie Beweise bringen.“ Wahrscheinlich haben sie über das Gesetz groß gesprochen und viel daher geredet über Reinigungen und die sonstigen körperlichen Vorschriften.

Der Apostel verschmäht es übrigens, über diese Dinge sich weiter auszulassen, da sie ja doch Nichts sind als ein Schattenbild von Ideen, und befaßt sich mit einem dankbareren Gegenstande. Was ist das für einer? Er preist das Gesetz, versteht aber hier unter dem Gesetze den Dekalog. Von diesem aus aber verwirft er auch das mosaische Gesetz. Denn wenn selbst dieses die Übertreter straft und für uns unnütz wird, um wie viel mehr dann das erstere!

8. Wir wissen aber, daß das Gesetz gut ist, falls Jemand dasselbe gesetzmäßig gebraucht,
9. Indem wir wissen, daß für den Gerechten das Gesetz nicht vorhanden ist.

Es ist gut, sagt er, und es ist nicht gut. Wie so? frägt man; wenn Jemand es nicht gesetzmäßig gebraucht, ist es dann nicht gut? Gut ist es auch so. Aber was der Apostel sagen will, ist Dieses: wenn er es (das Gesetz) in Werken erfüllt. Das will er hier ausdrücken in den Worten: „Wenn Jemand dasselbe gesetzmäßig gebraucht.“ Wenn man es zwar in Worten hochhält, durch Thaten aber übertritt, das heißt einen ungesetzlichen Gebrauch davon machen. Auch ein solcher Mensch macht einen Gebrauch davon, aber nicht zu seinem eigenen Vortheil.

Es läßt sich noch eine andere Erklärung geben. Welche ist das? Etwa folgende: Wenn du das Gesetz gesetzmäßig [S. 30] gebrauchst, dann verweist es dich an Christus. Denn da sein Zweck in der Rechtfertigung des Menschen besteht, diese aber nicht im Bereiche seiner Macht liegt, so verweist es an Den, der sie zu bewirken vermag.

Eine andere Art von „gesetzmäßigem Gebrauch des Gesetzes“ besteht darin, wenn man es so beobachtet, daß es überflüssig wird. Was will Das sagen? Gleichwie ein Pferd vom Zügel einen guten Gebrauch macht, nicht wenn es sich bäumt und knirscht, sondern wenn es denselben einfach gleich einem Schmuck umhängen hat: so macht auch vom Gesetze einen gesetzmäßigen Gebrauch Derjenige, welcher nicht als Sklave von dessen Buchstaben recht handelt, sondern wer macht einen gesetzmäßigen Gebrauch davon? Derjenige, der sich bewußt ist, daß er desselben gar nicht bedarf. Wer es nämlich in der Tugend soweit gebracht hat, daß er das Gesetz beobachtet nicht aus Furcht vor demselben, sondern aus reinem Pflichtgefühl, der macht einen gesetzmäßigen und richtigen Gebrauch davon. Wenn Jemand einen solchen Gebrauch davon macht, daß er nicht das Gesetz fürchtet, sondern die Verurtheilung zu der darin ausgesprochenen Strafe vor Augen hat.6

1: Matth. 18, 19; 24, 13.
2: Röm. 10, 4.
3: Joh. 3, 20.
4: Matth. 23, 8. Die Stelle ist ungenau citirt. Sie heißt: „Laßt euch nicht Rabbi nennen!“ (ὑμεῖς δὲ μὴ κληθῆτε ῥαββί.)
5: Gal. 6, 13.
6: Zu ergänzen ist: dann macht er keinen gesetzlichen Gebrauch davon, wie das unten folgende beweist.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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