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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus (In Matthaeum homiliae I-XC)

Siebenunddreißigste Homilie. Kap. XI, V.7-24.

1.

V.7: "Als aber jene fortgingen, begann Jesus zu der Menge von Johannes zu reden und sprach: Was wolltet ihr sehen, dass ihr in die Wüste gekommen seid? Ein Rohr, das vom Winde hin und her bewegt wird?

V.8: Oder was seid ihr gekommen zu sehen? Einen Menschen, der in weichliche Kleider gehüllt ist? Sehet, diejenigen, die weichliche Kleider tragen, sind in den Palästen der Könige.

V.9: Oder was seid ihr gekommen zu sehen? Einen Propheten? Ja, ich sage euch, noch mehr als einen Propheten."

Die Sache mit den JohannesJüngern war glücklich erledigt worden und sie gingen fort, bestärkt durch alsbald1 geschehenen Wunder. Es erübrigte noch, dass auch das Volk belehrt würde. Die Jünger hatten ja nicht geahnt, dass es sich so mit ihrem Lehrmeister verhalte. Dafür hatte die große Menge aus der Frage des Johannes allerlei ungereimte Vermutungen abgeleitet, weil sie nicht wußte, in welcher Absicht er seine Jünger gesandt hatte. So war zu erwarten, dass sie untereinander reden und sagen würden: Derjenige, der so große Dinge verkündet hatte, hat seine Meinung jetzt geändert und ist im Zweifel, ob dieser oder ein anderer es sei, der da kommen wird. Spricht er jetzt vielleicht so, um Zwietracht gegen Jesus anzustiften? Oder ist er infolge seiner Gefangenschaft schwächer und furchtsamer geworden? Oder waren ihm gar seine früheren Reden nicht ernst gewesen? Da sie also wahrscheinlich viele derartige Dinge vermuten würden, so siehe, wie der Herr ihrer Schwachheit zu Hilfe kommt und ihnen all ihren Argwohn benimmt. "Denn als die JohannesJünger weggingen, begann er zu der Menge zu sprechen." Weshalb erst:"als sie weggingen"? Damit es nicht den Anschein habe, als wolle er dem Johannes schmeicheln. Um aber das Volk auf die rechte Bahn zu bringen, vermeidet er es, von ihrem Argwohn zu reden; vielmehr gibt er ihnen die Lösung auf all die Zweifel, die ihren Geist verwirrten, und zeigt ihnen, dass er die verborgenen Gedanken aller Menschen kenne. So sagt er denn auch nicht, wie zu den Juden: "Was denkt ihr Böses2 . Denn wenn sie sich auch Gedanken machten, so taten sie dies doch nicht aus Böswilligkeit, sondern weil sie das nicht verstanden, was sie gehört hatten. Deshalb redet der Herr auch nicht hart mit ihnen, sondern lenkt nur ihre Gedanken auf den rechten Weg, verteidigt den Johannes und zeigt, dass er nicht von seiner früheren Meinung abgekommen sei und sich nicht geändert habe. Denn, sagt er, er ist ja kein leichtfertiger, unbeständiger Mensch, sondern fest und standhaft, und nicht von der Art, dass er Verrat übte an seiner Sendung.

Um ihnen dies aber begreiflich zu machen, beginnt er nicht sogleich mit seiner Aussage, sondern zuerst mit ihrem eigenen Zeugnis. Er will zeigen, dass sie nicht nur durch ihre Worte, sondern auch durch ihre Taten für des Johannes Unbeugsamkeit Zeugnis abgelegt hätten. Darum sagt er: "Was wollt ihr sehen, dass ihr in die Wüste gekommen seid?" Es ist gerade als ob er sagte: Warum habt ihr die Stadt und eure Häuser verlassen und seid alle in der Wüste zusammengekommen? Um einen armseligen, einfachen Menschen zu sehen? Das wäre doch wohl nicht ganz vernünftig. Nicht darauf weist dieser Eifer hin, und dies allgemeine Zusammenströmen in der Wüste. Es wären ja damals wohl nicht so viele Menschen und so viele Städte mit solchem Eifer in die Wüste und zum Jordan gezogen, wenn sie nicht erwartet hätten, einen großen, bewunderungswürdigen Mann zu sehen, der härter war als Stein. Also nicht um ein Rohr zu sehen, das vom Winde bewegt wird, seid ihr gekommen. Denn nur die leichtfertigen und leichtbeweglichen Menschen, die jetzt das und dann wieder etwas anderes reden, ohne bei irgend etwas zu beharren, die gleichen am ehesten solch einem Rohr. Da beachte auch, wie der Herr alle anderen Fehler übergeht und nur diesen nennt, der ihnen damals am gefährlichsten war, und wie er ihnen die Annahme der Leichtfertigkeit3 aus dem Sinn schlägt. "Oder was seid ihr herausgekommen zu sehen? Einen Menschen, der in weichlichen Kleider gehüllt ist? Sehet, diejenigen, die weichliche Kleider tragen, wohnen in den Palästen der Könige." Mit diesen Worten will er sagen: Von Natur ist Johannes nicht unbeständig und schwankend; das habt ihr selbst bezeugt durch euren Zulauf. Ja, auch das kann wohl niemand behaupten, er sei zwar fest gewesen, sei aber nachher genußsüchtig, weichlich geworden. Denn von den Menschen sind die einen von Natur so, die andern werden es erst; so ist zum Beispiel der eine von Natur zum Zorn geneigt, ein anderer zieht sich diesen Fehler erst infolge einer langen Krankheit zu. Eben so sind die einen von Charakter unbeständig und leichtsinnig, andere werden erst so infolge eines genußsüchtigen, weichlichen Lebens. Johannes dagegen, so will der Herr sagen, war auch von Natur nicht so. Ihr seid ja doch auch nicht gekommen, ein Rohr zu sehen; und ebenso hat er sich nicht einem genußsüchtigen Leben ergeben und so den früheren Vorzug verloren. Denn dass er sich keinem genußsüchtigen Leben hingab, beweisen sein Gewand, die Wüste und das Gefängnis. Hätte er weichliche Kleider tragen wollen, so hätte er seine Wohnung nicht in der Wüste gesucht und nicht im Gefängnis, sondern in den Palästen. Hätte er sich zum Schweigen verstehen wollen, so hätte er tausendfache Ehrenerweise gefunden. Denn wenn Herodes sich vor seinem Tadel schon so sehr fürchtete, während er in Fesseln lag, so kann man sich denken, wie sehr er ihm geschmeichelt hätte, wenn er hätte schweigen wollen. Nachdem also Johannes durch die Tat seine Standhaftigkeit und Festigkeit bewiesen, wie dürfte man da noch solches von ihm argwöhnen?

1: in ihrer Gegenwart
2: Mt 9,4
3: bei Johannes

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger