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Chrysostomus († 407) - Homilien über den zweiten Brief an die Korinther

Zwölfte Homilie.

I.

Kap. VI.

Mitwirkend aber ermahnen wir auch, daß ihr nicht vergeblich die Gnade Gottes empfanget. Denn es heißt: Zur genehmen Zeit hab’ ich dich erhört und am Tage des Heiles dir geholfen.

Nachdem der Apostel gesagt hat: Gott ermahnt, und wir sind Gottes Gesandte und flehen. „Versöhnet euch mit Gott,“ so fürchtet er, die Korinther möchten sich saumselig erweisen; darum sucht er jetzt wieder durch die Furcht ihren Eifer zu beleben, indem er sagt: „Wir ermahnen, daß ihr nicht vergeblich die Gnade Gottes empfanget.“ Hüten wir uns, will er sagen, aus dem Grunde, weil Gott ermahnt und weil er Gesandte geschickt hat, sorglos und gleichgiltig zu werden; ja gerade darum sollen wir uns beeilen, Gott zu gefallen und geistige Schätze zu sammeln — wie er auch vorher sprach: „Die Liebe Gottes drängt uns,“ d. h. treibt uns zur Eile; — sonst möchten [S. 210] wir, wenn so liebevolle Sorge uns nachlässig und um das Gute unbekümmert machte, der hohen Güter verlustig gehen. Denn wenn Gott jetzt durch Gesandte euch mahnen läßt, so dürft ihr nicht glauben, Das werde immer so sein; Das geschieht nur bis zu seiner zweiten Ankunft; nur so lange dauert das Mahnen fort, als wir hier auf Erden sind, hernach kommt Gericht und Strafe. Darum sagt Paulus: Es drängt uns. Denn ausser der Größe der Güter und der Liebe Gottes ist es immer auch die Kürze der Zeit, durch die er die Seinigen zur Eile mahnt. So sagt er auch an anderer Stelle: „Jetzt ist näher unser Heil;“1 und wiederum: „Der Herr ist nahe.“2 Aber hier noch mehr. Denn nicht allein weil die noch übrige Weile kurz und klein ist, sondern auch weil Dieß allein die geeignete Zeit zum Heile ist, soll sie eifrig benützt werden. „Siehe, jetzt,“ sagt er, „ist die wohlgenehme Zeit, siehe, der Tag des Heiles!“ Lassen wir darum die gute Gelegenheit nicht vorübergehen, sondern zeigen wir einen der Gnade würdigen Eifer! Denn darum, sagt Paulus, beeilen auch wir uns, weil wir wissen, daß die Zeit kurz und daß sie allein die geeignete ist; daher sagt er: „Mitwirkend ermahnen wir,“ und zwar mitwirkend mit euch; denn euch sind wir eigentlich mehr behilflich als Gott, dessen Gesandte wir sind. Gott bedarf ja Nichts, sondern die ganze Frucht des Heiles kommt euch zu Gute. Läßt man aber den Apostel sagen, er wirke mit Gott mit, so lehnt er auch diese Auffassung nicht ab; denn anderswo sagt er ebenfalls: „Gottes Mitarbeiter sind wir.“3 Das ist, will Paulus sagen, wieder ein anderer Weg, die Menschen zum Heile zu führen, daß Gott sie durch uns ermahnen läßt. Wenn nämlich Gott selbst ermahnt, so ist das nicht bloße Ermahnung, sondern auch [S. 211] Berufung auf die Ansprüche, die er hat: daß er den Sohn hingegeben, den gerechten, der Sünde nicht kannte, daß er ihn zur Sünde gemacht hat für uns Sünder, damit wir gerecht würden; mit solchen Gründen brauchte Gott eigentlich gar nicht zu bitten und zu mahnen, zumal Menschen, die ihn noch dazu beleidigt haben; er sollte vielmehr täglich sich bitten und mahnen lassen; aber dennoch mahnt er. Anders ist es bei uns. Wenn wir ermahnen, so können wir uns auf kein eigenes Verdienst, auf keine Wohlthat berufen, nur daß wir statt Gottes, der solche Gnade erzeigt hat, ermahnen. Wir ermahnen euch aber, die Wohlthat anzunehmen und das Geschenk nicht zu verschmähen. So folget uns denn und empfanget nicht vergeblich die Gnade! Die Korinther sollten nämlich nicht wähnen, im bloßen Glauben an Den, der sie ruft, bestehe allein schon die Versöhnung; darum verlangt hiemit der Apostel ausdrücklich die Rechtschaffenheit des Lebens. Denn von Sünden befreit und zur Freundschaft gelangt sein und dann wieder im alten Schmutz sich wälzen, Das heißt zur Feindschaft zurückkehren und in Bezug auf das Leben vergeblich die Gnade empfangen haben.

Denn gar wenig nützt uns die Gnade zum Heile, wenn wir unlauter leben; ja Das vermehrt noch den Schaden, wie es auch die Sünden erschwert, wenn wir nach solcher Erkenntniß, nach solchem Geschenke wieder zum alten Bösen zurückkehren. Doch läßt hier Paulus Das noch bei Seite, um nicht allzu streng zu werden; er sagt bloß, daß wir keinen Nutzen davon haben. Dann erinnert er an ein prophetisches Wort, um sie dringend zu mahnen, aufzustehen und das Heil zu erfassen. „Denn es heißt,“ sagt er: „Zur genehmen Zeit hab ich dich erhört und am Tage des Heiles dir geholfen. Siehe, jetzt ist die wohlgenehme Zeit, siehe, jetzt der Tag des Heiles!“ Welches ist denn diese „wohlgenehme Zeit“? Es ist die Zeit des Geschenkes, der Gnade, die Zeit, in der es für die Sünden nicht Verant- [S. 212] wortung noch Strafe gibt, in der man nebst der Befreiung von Sünde auch in den Besitz unzähliger Güter kommt, wie der Gerechtigkeit, der Heiligkeit und aller übrigen Geschenke. Welcher Mühen hätte es sich nicht verlohnt, diese Zeit zu sehen. Aber siehe, ohne all’ unsere Mühe ist sie da und bringt uns Nachlassung alles Vergangenen. Darum nennt Paulus sie „wohlgenehm“, weil Gott auch Die, deren Sünden ohne Zahl waren, gnadenvoll aufgenommen und nicht bloß aufgenommen, sondern auch zur höchsten Ehre erhoben hat; gleichwie wenn ein König kommt, dann nicht die Zeit des Gerichtes ist, sondern die Zeit der Gnade und des Heiles. Darum heißt sie „wohlgenehm“, solange wir nämlich noch auf dem Kampfplatze stehen, solange wir noch im Weinberge arbeiten, solange noch die eilfte Stunde währt.

1: Röm. 13, 11.
2: Phil. 4, 5.
3: I. Kor. 3, 9.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger