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Chrysostomus († 407) - Homilien über den zweiten Brief an die Korinther

Zehnte Homilie.

I.

Kap. V.

1. Denn wir wissen, daß, wenn unsere irdische Zeltwohnung niedergelegt ist, wir ein Haus von Gott bereit haben, ein eigenes, nicht von Händen gebautes, ein ewiges in den Himmeln.

Wiederum sucht der Apostel den Muth der Korinther zu stärken, wie es nothwendig war wegen der vielen Drangsale, die über sie kamen. Denn es war leicht erklärlich, daß die Abwesenheit des Apostels etwas entmuthigend auf sie gewirkt hatte. Was sagt nun Paulus? Wir dürfen uns nicht wundern, wenn es uns übel geht, noch uns beunruhigen; denn daraus ärnten wir auch reichen Gewinn. Einiges nun davon hat er bereits aufgezählt, wie daß wir das Sterben Jesu umhertragen, daß sich an uns am schönsten die Macht Gottes zeigt; „damit die Überschwenglichkeit der Macht Gott angehöre,“ hat es geheissen. Und auch von der Auferstehung des Herrn geben wir deutlichen Beweis: „Damit das Leben Jesu,“ sagt er, [S. 180] offenbar werde in unserem sterblichen Fleische.“ Dann war ausserdem hervorgehoben, wie unser innerer Mensch auf diese Weise vollkommener werde; denn „wenn auch unser äusserer Mensch zu Grunde gerichtet wird,“ hieß es, „so wird dagegen der innere erneuert von Tag zu Tag.“ Und zum weiteren Erweise des großen Nutzens, den diese Geißelstreiche und Verfolgungen bringen, fährt Paulus jetzt fort: Wenn es einmal mit dem Leibe gänzlich zu Ende ist, dann werden die unendlichen Güter Denen erblühen, die diese Dinge geduldig ertragen haben. Du sollst dich nämlich ja nicht betrüben, wenn du hörst, daß dein äusserer Mensch hinschwindet; darum versichert Paulus: Wenn Dieses einmal vollständig geschehen ist, dann erst wirst du am meisten dich freuen und zu einem besseren Loose gelangen. Daher sollst du, statt dich über die gegenwärtige theilweise Auflösung zu betrüben, eher nach der vollständigen Auflösung verlangen, weil diese dich am ehesten zur Unverweslichkeit führt. Darum heißt es weiter: „Denn wir wissen, daß, wenn unsere irdische Zeltwohnung niedergelegt ist, wir ein Haus von Gott bereit haben, ein eigenes nicht von Händen gebautes, ein ewiges in den Himmeln.“

Wieder beschäftigt den Apostel die Lehre von der Auferstehung, in der die Korinther am schwächsten waren; und zwar legt er sie hier dar unter Berufung auf das eigene Bewußtsein der Zuhörer; er handelt nicht eigens von dieser Lehre wie früher, sondern so, als hätte ein anderer Anlaß ihn auf diesen Gegenstand geführt; denn Jene hatten sich bereits gebessert; und er sagt: „Wir wissen, daß, wenn unsere irdische Zeltwohnung niedergelegt wird, wir ein Haus von Gott bereit haben, ein eigenes nicht von Händen gebautes, ein ewiges in den Himmeln.“

Manche verstehen unter der „irdischen Wohnung“ diese Welt; ich aber möchte lieber behaupten, es sei der [S. 181] Leib gemeint. Du aber beachte mir, wie Paulus schon durch die Art der Benennung den Vorzug der künftigen Dinge vor den gegenwärtigen erweist! Der irdischen Wohnung stellt er das himmlische Haus gegenüber, dem Zelte, welcher Ausdruck auf das Hinfällige und Vergängliche weist, setzt er die ewige Wohnung entgegen; denn das Wort „Zelt“ bedeutet oftmals das Zeitweilige. Darum sagt Christus: „In dem Hause meines Vaters sind viele Wohnungen.“1 Wenn aber der Herr irgendwo die Ruheplätze der Heiligen auch Zelte nennt, so setzt er zu diesem Worte noch Etwas hinzu; so heißt es nicht: Damit sie euch aufnehmen in ihre Zelte, sondern: „In ihre ewigen Zelte.“2 Wenn aber Paulus sagt: „Nicht von Händen gebaut,“ so deutet er damit auf ein anderes Haus, das von Händen gemacht ist. Wie nun? Ist der Leib von Händen gemacht? Keineswegs; vielmehr denkt hier Paulus entweder an die Häuser, die von Händen gebaut sind; oder wenn Das nicht, so versteht er unter „Zeltwohnung“ den Leib, der nicht von Händen gemacht ist. Es soll ja dieses Beiwort nicht den Gegensatz hervorheben, sondern nur den Ruhm und Preis des Ewigen erhöhen.

2. Denn darum seufzen wir, indem wir Verlangen tragen, mit unserer Wohnung, die vom Himmel ist, überkleidet zu werden.

Mit welcher „Wohnung“ denn? Mit dem unverweslichen Leibe. Und weßhalb „seufzen“ wir gegenwärtig? Weil jener Leib weit vorzüglicher ist. „Vom Himmel“ nennt ihn Paulus wegen der Unverweslichkeit. Denn nicht etwa vom Himmel wird uns ein Leib zukommen, sondern die Gnade, die von dorther kommt, ist mit diesem Ausdrucke gemeint. Darum soll uns die Betrübniß [S. 182] über die Drangsale, die einzeln kommen, so ferne liegen, daß wir vielmehr nach allen auf einmal verlangen sollen; es ist, als ob es hieße, Du seufzest, weil du Verfolgung leidest, weil dein äusserer Mensch verfällt; du solltest vielmehr seufzen, daß Das nicht im Übermaße geschieht, daß der Leib nicht völlig vernichtet wird. So weiß Paulus die Sache in’s Gegentheil zu wenden, indem er beweist, man müsse deßhalb seufzen, weil Das nicht volständig geschieht, über dessen theilweises Geschehen man sich sonst zu betrüben pflegt. Darum ist auch hier nicht mehr von einem Zelte die Rede, sondern von einer „Wohnung“, der Sache ganz entsprechend. Denn das Zelt läßt sich leicht niederlegen, die Wohnung aber bleibt immerdar.

3. Wenn wir denn auch bekleidet, nicht entblößt werden erfunden werden.

D. h. auch nach Ablegung des Leibes werden wir dort nicht ohne Leib erscheinen, sondern angethan sein mit dem nämlichen Leibe, der unverweslich geworden. Manche aber lesen, und Das empfiehlt sich gar sehr: „Wenn anders wir bekleidet, nicht entblößt werden erfunden werden.“ Denn der Auferstehung dürfen nicht Alle zuversichtlich entgegensehen. Darum heißt es: „Wenn wir denn bekleidet,“ d. h. angethan mit Unverweslichkeit und einem verklärten Leibe, „nicht bloß erfunden werden,“ der Ehre und Zuversicht beraubt. So sagt der Apostel auch im ersten Briefe an die Korinther: „Alle werden wir zwar auferstehen, aber Jeglicher nach seiner eigenen Ordnung;“3 und wieder: „Es gibt himmlische, es gibt irdische Leiber.“ Die Auferstehung ist Allen gemeinsam, aber nicht auch die Verherrlichung, sondern die Einen werden in Ehre, die Anderen in Unehre, die Einen zum Himmelreiche, die Anderen zur Verdammniß auferstehen. Das ist es, was Paulus auch [S. 183] hier ausdrücken will mit den Worten: „Wenn wir denn bekleidet, nicht bloß werden erfunden werden.“

1: Joh. 14, 2.
2: Luk. 16, 9.
3: I. Kor. 15, 23. 40.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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