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Chrysostomus († 407) - Homilien über den zweiten Brief an die Korinther

Neunte Homilie.

I.

8. In Allem sind wir bedrängt, aber nicht gelähmt, behindert, aber nicht verhindert, verfolgt, aber nicht verlassen.

Der Apostel bleibt noch immer beim Nachweise, daß die ganze Befähigung zum apostolischen Amte ein Werk der Macht Gottes ist, um so den Stolz Jener zu beschämen, die mit der eigenen Kraft zu prahlen pflegten. Denn nicht Das allein ist wunderbar, sagt er, daß wir diesen Schatz in irdenen Gefäßen tragen, sondern daß wir trotz allen Ungemachs, das über uns kommt, trotz aller Unbilden, die wir erleiden, denselben bewahren und nicht verlieren. Ja, wäre das Gefäß von Diamant, es vermöchte nicht solchen Schatz zu tragen, es würde gegen solche Angriffe nicht ausreichen; nun aber ist es von Thon, und doch trägt es den Schatz und erleidet keinerlei Beschädigung, auf Grund der Gnade Gottes. Denn „in Allem sind wir bedrängt, aber nicht gelähmt.“ Was heißt denn „in Allem“? In Gegnern und Freunden, in nöthigen und in den übrigen Dingen, von Seite der Feinde und der Angehörigen. „Aber nicht gelähmt.“ Beachte die Gegensätze, die Paulus anführt, um gerade daraus die [S. 166] Kraft Gottes zu erweisen! Denn „also bedrängt werden wir nicht gelähmt,“ sagt er; „als behindert werden wir nicht verhindert,“ d. h. wir verlieren nicht völlig unsern Zweck. In Kummer sind wir zwar oftmals und sehen unser Ziel nicht erreicht, aber nicht in dem Grade, daß wir unserer Absichten gänzlich verlustig gingen; denn zu unserer Übung, nicht zur Niederlage ist Dieses von Gott zugelassen.

9. Verfolgt, aber nicht verlassen, niedergeworfen, aber nicht verloren.

Denn die Bedrängnisse kommen wohl über uns, der schlimme Ausgang der Bedrängnisse nicht mehr; verhindert die göttliche Macht und Gnade. Anderswo sagt Paulus, diese Drangsale seien zugelassen um der eigenen Demuth willen und zur Sicherheit Anderer. „Damit ich mich nicht überhebe,“ versichert er, „ward mir ein Stachel gegeben;“1 und wiederum: „Damit nicht Jemand mehr von mir halte, als was er sieht und hört von mir;“ und an anderer Stelle: „Damit wir nicht auf uns selbst vertrauen;“2 hier jedoch: Damit sich offenbare die Macht Gottes.

Siehst du, wie groß der Nutzen der Drangsale ist? Sie erweisen die Macht Gottes und enthüllen deutlicher seine Gnade; denn „es genügt dir meine Gnade,“ heißt es; sie bestärken in der Demuth, dienen dazu, den Stolz Anderer zu beschämen, und vermehren die Ausdauer; denn „das geduldige Ertragen wirkt Bewährung, die Bewährung aber Hoffnung.“3 Wer nämlich in tausend Gefahren gerathen und daraus wieder entkommen ist, weil er aus Gott gehofft hat, der lernt sich in Allem nur um so mehr an diese Hoffnung halten.

[S. 167] 10. Immerdar tragen wir das Sterben Jesu am Leibe umher, damit auch das Leben Jesu offenbar werde an unserem Leibe.

Und was ist denn dieses „Sterben“ des Herrn Jesus, das der Apostel umherträgt? Es sind die täglichen Todesgefahren, die auch die Auferstehung des Herrn erweisen. Denn wenn Einer nicht glaubt, will Paulus sagen, daß Jesus gestorben und auferstanden ist, so braucht er bloß uns anzusehen, die wir täglich sterben und auferstehen, und dann möge er fernerhin an die Auferstehung glauben! Und siehst du, wie der Apostel noch einen weiteren Zweck der Drangsale gefunden hat? Welcher Art ist nun dieser? „Damit das Leben Jesu offenbar werde an unserem Leibe,“ indem er nämlich den Gefahren uns entreißt. So muß denn Das, was eine Folge der Schwäche und Verlassenheit zu sein scheint, dazu dienen, die Auferstehung des Herrn zu verkünden. Denn würde uns nichts Widriges begegnen, so könnte die Macht Christi nicht in dem Grade sich offenbaren, wie sie gegenwärtig sich zeigt, wo wir zwar leiden, aber nicht unterliegen.

Denn wir, die wir leben, werden in den Tod gegeben um Jesu willen, damit auch das Leben Jesu an uns offenbar werde in unserem sterblichen Fleische.

Der Apostel pflegt sich überall, wenn er etwas Dunkles gesagt hat, wieder näher zu erklären; so thut er es nun auch hier, indem er Das, was er eben gesagt hat, deutlich erklärt. Denn darum, spricht er, werden wir in den Tod gegeben, d. h. wir tragen das Sterben umher, damit die Macht des Lebens Christi offenbar werde, indem er das sterbliche Fleisch, das so Schweres duldet, der Übermacht der Leiden nicht unterliegen läßt. Doch könnte man Das [S. 168] auch anders erklären, und zwar so, wie Paulus an einer anderen Stelle sagt: „Wenn wir mitgestorben sind, werden wir auch mitleben.“4 Denn wie wir jetzt Christi Tod erdulden und lebend das Sterben wählen um seinetwillen, so wird auch er, wenn wir gestorben sind, dann wieder gnädig uns zum Leben erwecken. Ja, wenn wir vom Leben zum Tode gehen, so wird auch er uns vom Tode zum Lebens führen.

12. Demnach ist der Tod wirksam in uns, das Leben aber in euch.

Hier redet Paulus nicht mehr vom eigentlichen Tode, sondern von Bedrängniß und Erquickung. Denn wir, sagt er, leben in Gefahren und Drangsalen, ihr im Zustand der Ruhe; euch fällt die Frucht unserer Bedrängnisse, das Leben, zu; was mit Gefahr verbunden ist, Das haben wir auf uns, das Leichte und Angenehme genießt ihr; denn ihr habt keine so schweren Prüfungen zu bestehen.

13. 14. Da wir aber denselben Geist des Glaubens haben, wie geschrieben steht: „Ich habe geglaubt, darum habe ich geredet;“ so glauben auch wir, weßhalb wir auch reden: daß Der, welcher den Herrn Jesus auferweckt hat, auch uns durch Jesus auferwecken wird.

Der Apostel gedenkt eines Psalmes, der voll tiefer Weisheit und vorzüglich geeignet ist, in bedrängter Lage zu stärken. Denn diese Worte hat jener Gerechte inmitten großer Gefahren ausgesprochen, Gefahren, aus denen es weiter kein Entrinnen mehr ausser durch Gottes Hilfe gab.5

[S. 169]

1: II. Kor. 12, 7.
2: II. Kor. 1, 9.
3: Röm. 5, 4.
4: II. Tim. 2, 11.
5: Ps. 115, 1.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger