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Chrysostomus († 407) - Homilien über den zweiten Brief an die Korinther
Neunte Homilie.

III.

Wenn dich nun ein Ungläubiger fragt: Und wer ist vom Himmel gekommen und hat Das berichtet, was wirst du sagen? Woher weißt du, daß ein Gott ist? „Aus den sichtbaren Dingen, sagst du, aus der guten Ordnung in der ganzen Schöpfung und aus der allgemeinen Überzeugung der Menschen.“ So empfange denn auf diesem Wege auch die Lehre vom Gerichte! Auf welchem? frägst du. Ich will dich fragen; du aber antworte mir. Ist dieser Gott gerecht und theilt nach Verdienst einem Jeden zu? oder im Gegentheil, will er, daß die Ungerechten in Glück und Genuß leben und die Guten in Unglück und Entbehrung? „Gewiß nicht; denn nicht einmal ein Mensch würde Das so machen.“ Wo sollen nun Die, welche hienieden rechtschaffen gelebt haben, das Glück genießen? Wo soll den Bösen das Gegentheil werden, wenn es nicht irgend ein Leben nach diesem und eine Vergeltung geben würde? Siehst du, wie bereits Eins gegen Eins steht und nicht Zwei gegen Eins? Ich aber will dir weiterhin zeigen, daß auch nicht Eins gegen Eins, sondern Zwei gegen Eins stehen für die Gerechten, für die Sünder aber und Die, welche hier im Genusse leben, in Allem das Gegentheil? Denn Die, welche ihr Leben mit Schwelgen hingebracht, haben nicht einmal Eins gegen Eins empfan- [S. 173] gen, wer aber in der Tugend lebt, Zwei gegen Eins. Denn welche leben denn glücklich und zufrieden, die das gegenwärtige Leben mißbrauchen, oder die der Tugend sich befleissen? Du wirst mir vielleicht die ersteren nennen, ich aber zeige die letzteren, und ich rufe gerade Jene zu Zeugen auf, die das gegenwärtige Leben genossen haben; und sie werden nicht so unverschämt sein, meine Worte Lügen strafen zu wollen. Wie oft haben sie nicht die Vermittlerinen der Ehe verwünscht und den Tag, an dem ihnen das Brautlager gebreitet wurde, wie oft haben sie nicht die Unvermählten glücklich gepriesen! Ja Viele, die jung und in der Lage sind, sich zu vermählen, lehnen es ab aus keinem anderen Grunde als wegen des Lästigen der Sache. Und Das sage ich nicht, um die Ehe herabzusetzen, — denn sie ist ehrwürdig — sondern zum Tadel für Jene, die sie schlecht gebrauchen. Wenn aber Die, welche den ehelichen Stand gewählt haben, oft das Leben unleidlich finden, sollen wir erst von Denen sagen, die sich in die Abgründe der Unzucht gestürzt und ärmer und jämmerlicher daran sind der ärmste Sklave? was von Jenen, die in Schwelgerei hinfaulen und ein Heer von Krankheiten über den Leib bringen? „Aber der Ruhm ist doch süß.“ Das ist erst die ärgste von allen Arten der Knechtschaft. Denn der elendeste von allen Sklaven ist der Ruhmsüchtige, der Allen gefallen will; wer aber den Ruhm mit Füßen tritt und sich nicht bekümmert um die Ehre der Menschen, der ist über Alle erhaben. „Aber der Besitz von Vermögen ist doch sehr begehrenswerth.“ Wir haben schon oft gezeigt, daß Die, welche davon befreit sind und Nichts haben, reicher und glücklicher sind. „Aber sich mit Wein zu berauschen ist doch süß?“ Und wer möchte Das behaupten?

Wenn es demnach angenehmer ist, nicht reich zu sein, sich nicht zu vermählen, nicht nach Ruhm zu verlangen, nicht zu schwelgen, als das Gegentheil von diesem Dingen, so sind also hier schon Diejenigen im Vortheile, die nicht an’s Irdische gefesselt sind. Und ich rede [S. 174] nicht davon, daß der Gerechte, mag er auch auf tausend Foltern gespannt werden, doch die frohe Hoffnung hat, die ihn aufrecht hält, während der Sünder inmitten aller denkbaren Genüsse der Furcht vor der Zukunft nicht los wird, die ihm seine Freude stört und verbittert. Auch Das ist keine geringe Art der Qual, gleichwie das Gegentheil keine geringe Wonne und Erquickung. Und noch eine dritte Art gibt es ausser diesen. Welches ist diese? Weil die Genüsse des Lebens nicht einmal, so lange sie währen, als ächt erscheinen, indem die Natur und die Zeit sie der Richtigkeit überführt; dagegen sind jene geistigen Freuden nicht bloß wahre, sondern dauern auch unveränderlich fort. Siehst du, wie wir nicht bloß Zwei gegen Nichts, sondern Drei und Fünf und Zehn und Zwanzig, ja Unendliches gegen Nichts setzen können? Damit du aber eben Dieses an einem Beispiele ersehest, so schaue auf jenen Reichen und den Lazarus, von denen der eine die gegenwärtigen, der andere die künftigen Güter genossen hat. Scheint es dir nun Eins und Eins zu sein, in der ganzen Ewigkeit gequält zu werden, und in einer kurzen Stunde zu hungern? Krank zu sein in einem hinfälligen Leibe, und in einen unsterblichen von schrecklichen Gluthen gesengt zu werden? Eine unvergängliche Krone zu empfangen und unsterbliche Wonnen zu genießen nach jener geringen Gebrechlichkeit, und endlos gefoltert zu werden nach dem kurzen Genusse dieser Welt? Und wer möchte Das behaupten? Denn was willst du, daß wir setzen? Die Größe, die Beschaffenheit? die Anordnung Gottes, den Richterspruch über beide? Wie lange noch führt ihr eine Sprache wie Käfer, die sich beständig im Unrath walzen? Denn Das ist nicht die Weise vernünftiger Menschen, eine so kostbare Seele für Nichts hinzugeben, während es nur geringer Mühe bedürfte, den Himmel zu gewinnen.

Soll ich dich auch von anderer Seite belehren, daß es dort ein furchtbares Gericht gibt? Öffne die Thüren deines eigenen Gewissens und schaue den Richter, der in [S. 175] deinem Inneren thront! Wenn aber du schon dich verurtheilst, obschon du so blind dich liebst, wenn du es nicht ertragen würdest, den Spruch nicht nach Gerechtigkeit zu fällen, ist dann anzunehmen, daß nicht weit mehr Gott nachdrücklich für das Recht eintreten und über Alle das unbestechliche Urtheil fällen, sondern daß er Alles ohne Plan und Ziel gehen lassen werde? Und wer möchte Das sagen? Gewiß Niemand. Denn Griechen und Barbaren, Dichter und Philosophen stimmen hierin mit uns überein, wenn auch nicht auf gleiche Weise, und sie sagen, es gebe eine Art Richterstühle in der Unterwelt; so offenbar, so anerkannt ist die Thatsache. „Und warum straft denn Gott nicht hier,“ frägst du. Damit er seine Langmuth zeige und uns durch Buße den Weg zum Heile offen lasse, und weil er sonst unser Geschlecht gänzlich ausrotten und Denen, die in Folge preiswürdiger Umwandlung gerettet werden können, vorweg das Heil entreissen würde. Denn würde Gott sogleich nach den Versündigungen strafen und hinwegraffen, wie wäre wohl Paulus gerettet worden, wie Petrus, die gefeierten Lehrer der Welt? Wie hätte David die Frucht des Heiles geärntet, die aus der Buße erwächst? wie die Galater? wie andere Viele? Darum also zieht Gott weder Alle hier zur Verantwortung, sondern aus der Gesammtzahl nur Einige, noch auch dort Alle, sondern den Einen hier, den Anderen dort, damit er auch die ganz Gefühllosen aufrüttle durch Die, welche er straft, und das Künftige erwarten lasse durch Die, welche er nicht straft. Oder siehst du nicht, wie schon hier Viele gestraft werden, wie Die, welche der Thurm (in Silo) begrub, wie Jene, deren Blut Pilatus mit den Opfern vermischte, wie Manche bei den Korinthern, die eines vorzeitigen Todes starben, weil sie unwürdig sich den Geheimnissen nahten, wie den Pharao, wie jene Juden, die von den Barbaren hingeschlachtet wurden, wie andere Viele, sowohl damals als jetzt und immerfort? Und Andere wieder, die viel gesündigt, sind, ohne hier gebüßt zu haben, aus dem Leben gegangen, wie der Reiche zur Zeit des La- [S. 176] zarus und viele Andere.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger