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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus (In Matthaeum homiliae I-XC)

Fünfunddreißigste Homilie. Kap. X, V.34-42.

1.

V.34: "Glaube nicht, dass ich gekommen bin, den Frieden auf Erden zu bringen; ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert."

Von neuem kommt der Herr auf ernste Dinge zu sprechen und zwar tut er es mit großem Nachdrucke und zum voraus antwortet er auf die Einwände, die man ihm machen würde. Damit nämlich seine Zuhörer nicht etwa sagten: Du bist also deshalb gekommen, um auch uns ums Leben zu bringen samt denen, die auf uns hören und um die Welt mit Krieg zu erfüllen, so kommt er ihnen zuvor und sagt: "Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen auf Erden." Warum hat er aber dann den Aposteln befohlen, so oft sie ein Haus betreten, vorher den Friedensgruß zu entbieten? Und warum haben auch die Engel gesungen: "Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden sei Frieden"? Und warum haben auch die Propheten alle dasselbe verkündet? Weil der Friede hauptsächlich darin besteht, dass alles Krankhafte ausgeschieden, dass alles Widerstrebende beseitigt werde. Auf diese Weise ist es möglich, den Himmel mit der Erde zu vereinen. Auch der Arzt rettet ja sogar den Leib, indem er ein unheilbares Glied abschneidet, und der Feldherr1 , indem er die Verschwörer ausscheidet. So ging es auch bei dem bekannten biblischen Turmbau23 ; dem unheilvollen Frieden hat eine heilsame Spaltung ein Ende bereitet und so den4 Frieden bewirkt. Auch Paulus hat auf diese Weise jene auseinandergebracht, die wider ihn sich verschworen hatten5 . Bei Nabuth hatte sogar dieses gegenseitige Einvernehmen6 schlimmere Folgen als irgendein Krieg7 . Eintracht ist also nicht immer etwas Gutes. Auch Räuber sind ja unter sich eins. Nicht deshalb gibt es also Krieg, weil der Herr ihn bewirkt, sondern weil die Menschen ihn wollen. Er selbst hätte gewünscht, dass alle in frommer Gesinnung geeint wären; da aber die Menschen sich widersetzten, so entstand Krieg. Doch sprach der Herr dies nicht aus. Wie sagte er vielmehr? "Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen"; damit wollte er sie trösten. Glaubt nicht, will er sagen, ihr tragt die Schuld daran; ich bin es , der dies alles so fügt, weil sie so gesinnt sind. Laßt euch also nicht in Verwirrung bringen, als ob die Dinge einen ganz unvorhergesehenen Gang nähmen. Deshalb bin ich gekommen, um Krieg zu bringen. Das ist mein Wille. Wundert euch darum nicht, wenn es auf Erden Krieg und Feindseligkeiten gibt. Dann erst, wenn das Schlechte ausgemerzt ist, dann erst wird der Himmel sich mit den Guten berühren.

Das alles sagt aber der Herr, um seine Jünger auf die feindselige Gesinnung der großen Welt vorzubereiten. Er sagt auch nicht: den Krieg, sondern was viel schlimmer ist; "das Schwert". Wenn dieses Wort aber gar zu hart klingt und unangenehm zu hören ist, so wundere dich darüber nicht. Christus wollte durch besonders starke Ausdrücke gleichsam ihr Ohr üben, damit sie nicht nachher in der schweren Wirklichkeit sich schwach zeigten; deshalb hat er diese Bezeichnung gewählt. Es sollte niemand sagen können, er hat sie durch Schmeicheleien überredet und hat ihnen das Schwere und Harte verheimlicht; deshalb hat er auch für das, was auf andere Weise hätte gesagt werden müssen, die schlimmeren und härteren Ausdrücke gewählt. Es war ja besser, wenn die Wirklichkeit sich etwas gelinder ausnahm, als seine Worte. Deshalb hat er sich auch mit diesen allein nicht begnügt, sondern führt den Vergleich mit dem Krieg noch weiter aus und zeigt, dass dieser sogar noch viel härter sei als ein Bruderkrieg. Er sagt:

V.35: "Ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien, die Tochter mit ihrer Mutter und die Braut mit der Schwiegermutter."

Denn nicht bloß Feinde, so will er sagen, nicht bloß Mitbürger, nein, selbst Familienangehörige werden sich widereinander erheben und die Natur wird mit sich selbst in Zwiespalt liegen. "Denn ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien und die Tochter mit ihrer Mutter und die Braut mit ihrer Schwiegermutter." Der Krieg wird eben nicht bloß unter Hausgenossen wüten, sondern auch unter den Verwandten und nächsten Angehörigen. Damit beweist aber der Herr am meisten seine Macht, dass die Jünger trotz dieser Worte sich bereit zeigten und auch andere zu deren Annahme bewogen. Allerdings war nicht der Herr an diesen Leiden schuld, sondern der Menschen eigene Schlechtigkeit. Gleichwohl sagt er, dass er es sei, der dies alles bewirke. Das ist nämlich der Sprachgebrauch der Hl. Schrift. So heißt es auch an einer anderen Stelle:"Gott gab ihnen Augen, damit sie nicht sehen"8 . Im gleichen Sinn drückt sich der Herr auch hier aus. Er will, wie ich schon gesagt habe, dass seine Jünger diese Worte beherzigen, und nicht in Verwirrung kämen, wenn sie getadelt und geschmäht würden. Wenn aber manche glauben, diese Worte seien zu hart, so mögen sie sich an die Geschichte des Alten Testamentes erinnern. Auch in früheren Zeiten kamen ja Dinge vor, die in hervorragendem Maße die Verwandtschaft zwischen dem Alten und Neuen Testament bekunden, und die beweisen, dass derjenige, der dieses sagte, derselbe ist wie der, der jenes anbefahl. Denn auch zur Zeit der Juden ließ der Herr einmal erst dann von seinem Zorne ab, als ein jeder seinen Nächsten umgebracht hatte, ebenso, da sie das goldene Kalb gegessen9 und dem Beelphegor sich geweiht10 . Wo bleiben also diejenigen, die da sagen, der Gott des Alten Bundes sei böse, der des Neuen dagegen gut? Sieh nur, er hat zwar die Welt mit dem Blute von Stammesgenossen erfüllt; aber gleichwohl behaupte ich, auch das war ein Werk seiner großen Liebe zu den Menschen. Deshalb will der Herr also zeigen, dass er derselbe sei wie der, der jenes gut geheißen; darum erinnert er an die Prophetie, die, wenn auch nicht gerade mit Bezug auf unseren Fall, aber doch tatsächlich dasselbe besagt. Und wie lautet diese Prophetie?

V.36: "Die Feinde des Menschen sind seine Hausgenossen"11 .

Auch bei den Juden kam ja Derartiges vor. Es gab bei ihnen Propheten und Pseudopropheten; das Volk entzweite sich; Familien wurden auseinandergerissen, und die einen hingen diesen an, die anderen jenen. Deshalb gibt der Prophet die Ermahnung und sagt: Vertrauet nicht auf Freunde und hoffet nicht auf eure Anführer; im Gegenteil, hüte dich sogar vor deiner eigenen Frau und vertraue dich ihr nicht an, denn die Feinde des Menschen sind die Leute, die mit ihm im selben Hause wohnen"12 . Das sagte der Herr, um jene, die bereit wären, seine Worte anzunehmen, von allem Irdischen loszuschälen. Denn nicht der Tod ist schlimm, sondern ein schlimmer Tod. Deshalb hat er auch gesagt: "Ich bin gekommen. Feuer auf Erden zu senden"13 .Mit diesen Worten wollte er offenbar zeigen, wie heftig und heiß die Liebe sein muß, die er von uns verlangt. Weil nämlich er selbst uns überaus liebte, so will er auch in gleicher Weise von uns geliebt sein. Mit diesen Worten hat er aber auch seine Jünger ermutigt und emporgehoben. Denn, will er sagen, wenn jene14 bereit sind, ihre Kinder und Eltern zu verlassen, so bedenke, wie ihr, deren Lehrer, gesinnt sein müßt! Kreuz und Leiden wird ja nicht bloß euch heimsuchen, sondern auch die anderen. Und da ich gekommen bin, große Gnadenschätze zu bringen, so verlange ich auch dafür großen Gehorsam und bereitwillige Gesinnung.

V.37: "Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert, und wer den Sohn oder die Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert.

V.38: Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert."

Siehst du da, wie der Meister denkt? Siehst du, wie er sich als den ebenbürtigen Sohn seines Vaters hinstellt und uns heißt, alles Irdische zu verlassen und seine Liebe allem vorzuziehen? Un d was nenne ich bloß Freunde und Verwandte? Wenn due selbst deine eigene Seele der Liebe zu mir vorzögest, so wärest du weit entfernt, mein Schüler zu sein. Steht nun aber das nicht im Widerspruch mit dem Alten Testament? Durchaus nicht; es stimmt im Gegenteil vorzüglich mit ihm überein. Auch dort befahl ja Gott, die Götzendiener nicht nur zu hassen, sondern sogar zu steinigen. Ja, im Deuteronomium findet dies sogar seine Bewunderung ; denn dort heißt es: "Wer zu Vater und Mutter spricht: Ich kenne dich nicht, und wer seine Brüder nicht kennt und sie sogar verleugnet, der hat deine Worte bewahrt"15 . Wenn aber Paulus viele Vorschriften betreffs der Eltern gibt und sagt, man müsse ihnen in allem gehorchen, so wundere dich darüber nicht. Denn nur in den Dingen befiehlt er ihnen zu gehorchen, die der Gottesfurcht nicht zuwider sind. Sonst ist es eine heilige Pflicht, ihnen jegliche Ehre zu erweisen. Wenn sie aber mehr verlangen, als erlaubt ist, so darf man ihnen nicht gehorchen. Deshalb heißt es bei Lukas: "Wenn jemand zu mir kommt und nicht haßt seinen Vater, seine Mutter, sein Weib, seine Kinder und seinen Bruder, ja selbst seine eigene Seele, so kann er nicht mein Schüler sein"16 . Damit befahl der Herr nicht, so ohne weiteres zu hassen; denn das wäre durchaus gegen das Gesetz, sondern nur: wenn eines von jenen mehr geliebt sein will als ich, so hasse ihn insoweit. Sonst stürzt der Geliebte und der Liebende ins Verderben.

1: sein Heer
2: von Babel
3: Gen 11,19
4: wahren
5: Apg 23,610
6: zwischen Achab und Jezabel
7: 1 Kön 21,114
8: Jes 6,9
9: Ex 32,2630
10: Num 25
11: Mich 7.6
12: Mich 7,56
13: Lk 12,49
14: eure Schüler
15: Dtn 33,9
16: Lk 14,26

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger