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Chrysostomus († 407) - Homilien über den zweiten Brief an die Korinther

Siebente Homilie.

I.

7. 8. Wenn aber der Dienst des Todes, mit Buchstaben in Steine gegraben, voll Herrlichkeit war, so daß die Söhne Israels nicht schauen konnten in das Antlitz des Moses, wegen des Glanzes seines Angesichtes, der zu verschwinden bestimmt war: wie sollte nicht um so mehr der Dienst des Geistes in Herrlichkeit sein?

Der Apostel hat den Tafeln des Moses, die aus Stein waren und Buchstaben enthielten, die lebendigen Tafeln der Apostel gegenübergestellt, die Herzen, beschrieben mit dem Geiste; er hat hervorgehoben, wie der Buchstabe tödtet, der Geist aber lebendig macht. Es erübrigt nun zu der bisherigen Vergleichung noch einen weiteren, bedeutenden Umstand hinzuzufügen, die Herrlichkeit des Moses, eine Herrlichkeit, wie sie in der neuen Heilsordnung mit leiblichem Auge nirgends zu schauen ist. Daher schien auch jener Glanz des Moses etwas so Großes zu sein, eben weil er äusserlich wahrzunehmen war; man konnte ihn mit den Augen des Leibes schauen, wenn er auch unzugänglich blieb; dagegen kann der Glanz des neuen Bundes nur mit [S. 129] dem Geiste erfaßt werden. Das ist nun ein Vorzug, von dem es freilich den Schwächeren schwer fällt, sich eine klare Vorstellung zu verschaffen; sie fühlen sich vielmehr von jenem sichtbaren Glanze mehr eingenommen und angezogen. Aber nachdem Paulus nun einmal in einen solchen Vergleich eingetreten ist, so läßt er sich auch den Nachweis dieses Vorzuges angelegen sein trotz der Schwierigkeit, welche die Sache bei dem schweren Verständnisse seiner Zuhörer hatte. Und sehen wir nun, wie er bei diesem Erweise zu Werke geht! Zuerst legt er den Unterschied dar mit Hilfe von Folgerungen, die sich aus den vorausgehenden Erörterungen ergeben. Wenn nämlich jenes ein Dienst des Todes, dieses aber ein Dienst des Lebens ist, wer mag dann, so schließt er, bestreiten, daß die Herrlichkeit des letzteren größer als die des ersteren ist? Eben weil er dem leiblichen Auge diesen Glanz nicht zeigen kann, so sucht er durch eine Schlußfolgerung dessen Vorrang begreiflich zu machen. „Wenn schon der Dienst des Todes,“ sagt er, „voll Herrlichkeit war, wie sollte nicht um so mehr der Dienst des Geistes in Herrlichkeit sein?“ Dienst des Todes aber nennt er das Gesetz. Und beachten wir, wie vorsichtig er auch bei der Vergleichung sich ausdrückt, um ja den Irrlehrern keinen Anhalt zu geben! Er nennt das Gesetz nicht Ursache, sondern „Dienst des Todes“; denn das Gesetz leistete wohl Dienst zum Tode, aber verursachte nicht den Tod. Was eigentlich den Tod bewirkte, das war die Sünde; das Gesetz führte bloß die Strafe ein; es wies bloß die Sünde auf, aber bewirkte sie nicht; es brachte das bestehende Böse deutlicher zur Anschauung und züchtigte es, aber trieb nicht zum Bösen an. Der Dienst, den es leistete, hatte nicht Sünde und Tod zum Ziele, sondern die gebührende Bestrafung des Schuldigen; und in diesem Sinne wirkte es sogar zur Aufhebung der Sünde.

Indem nämlich das Gesetz die Sünde als furchtbar darstellt, so bewirkt es offenbar Scheu vor der Sünde. [S. 130] Ein Vergleich veranschaulicht uns das ganze Verhältniß. Bei der Ausführung eines Urtheils steht Der, welcher das Schwert führt und dem Verurteilten das Haupt abschlägt, im Dienste des Richters, der das Urtheil fällt; und nicht eigentlich er ist es, welcher tödtet, obschon er den Streich führt, aber auch Jener nicht, welcher das verdammende Urtheil spricht, sondern schuld ist einzig die Missethat des Verurteilten. So ist es auch mit dem Gesetze. Nicht das Gesetz tödtet, sondern die Sünde; diese ist es, welche sowohl tödtet als verurtheilt. Das Gesetz aber brach sogar durch Einführung der Strafe die Macht der Sünde und setzte ihrer Ausdehnung durch die Furcht Schranken.

Aber die Bezeichnung: „Dienst des Todes“ ist dem Apostel zum Erweise jenes Vorzuges noch nicht genug. Darum fügt er noch weiters bei: „Mit Buchstaben in Steine gegraben.“ Siehst du, wie er wieder dem jüdischen Stolze alle Berechtigung abspricht? Denn Buchstabe war ihr Gesetz, weiter Nichts; es ging nicht etwa von den Buchstaben eine geheimnißvolle Kraft aus und hauchte Muth in die Seele der Kämpfenden, wie Dieß bei der Taufe der Fall ist; nein, es waren kalte Tafeln und Schriften, Jeden mit dem Tode bedrohend, der die Buchstaben übertrat. So entkleidet Paulus, um der jüdischen Anmaßung Schranken zu setzen, das Gesetz schon durch die Namen, die er ihm gibt, seiner Erhabenheit. Denn er nennt es Stein und Buchstaben; er nennt es „Dienst des Todes“ und zwar, wie er noch beifügt, „in Stein gegraben“. Mit der letzteren Bezeichnung will er nämlich eigens hervorheben, entweder daß es nur einen Ort gab, wo das Gesetz aufgestellt war, während der Geist überall zugegen ist und Allen eine wundersame Kraft verleiht, oder daß die Buchstaben schwere Drohungen athmeten, und zwar Drohungen, die gar nicht ausgetilgt werden konnten, die immerfort blieben, eben weil sie in Stein gemeißelt waren.

Dann mischt Paulus selbst in die scheinbare Lobpreisung des Alten sogleich wieder einen Vorwurf gegen [S. 131] die Juden. Denn kaum hat er gesagt: „Wenn der Dienst des Todes, in Steine gegraben, voll Herrlichkeit war,“ so fährt er unmittelbar fort: „So daß die Söhne Israels nicht schauen konnten in das Antlitz des Moses.“ Das verräth aber von Seite der Juden große Schwäche und Armseligkeit. Und Schuld war nicht etwa der Glanz der Tafeln, sondern sie vermochten es nicht „wegen des Glanzes seines Angesichtes, eines Glanzes, der zu verschwinden bestimmt war.“ Nur der Träger wird verherrlicht, nicht die Tafeln. Denn Paulus sagt nicht: So daß sie nicht schauen konnten in die Tafeln, sondern: „In das Antlitz des Moses,“ und wiederum nicht: Wegen des Glanzes der Tafeln, sondern: „Wegen des Glanzes seines Angesichtes.“ Dann nachdem er so diesen Glanz groß gemacht, so macht er ihn nun wieder klein durch die Beifügung: „Der zu verschwinden bestimmt war.“ Doch ist das nicht so fast ein Vorwurf als nur Bezeichnung der minderen Würde; denn damit ist nicht gesagt, daß jener Glanz die Merkmale der Vergänglichkeit und des Verderbnisses an sich getragen, sondern nur, daß er einmal aufhören und ein Ende nehmen sollte. — „Wie sollte nicht um so mehr der Dienst des Geistes in Herrlichkeit sein?“ Mit Zuversicht geht jetzt Paulus an die Verherrlichung des neuen Bundes, weil ja Niemand mehr widersprechen kann. Und beachte, wie er es angeht! Er hat vorher den Stein dem Herzen, den Buchstaben dem Geiste gegenübergestellt und dann gezeigt, was beide wirken. Hier nun wiederholt er nicht mehr die Wirkungen beider. Er nennt nur, was vom Buchstaben kommt, nämlich Tod und Verdammniß; statt der Wirkungen des Geistes aber, die im Leben und in der Gerechtigkeit bestehen, setzt er den Geist selbst, was der Rede um so mehr Nachdruck gibt. Denn die neue Heilsordnung gewährte nicht bloß Leben, sondern stattete auch mit dem Geiste aus, dem Spender des Lebens; und Das ist noch weit mehr als [S. 132] Leben. Darum sagt Paulus: „Dienst des Geistes.“ Und in weiterer Ausführung dieses Gedankens fährt er dann fort:

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger