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Chrysostomus († 407) - Homilien über den zweiten Brief an die Korinther

Sechste Homilie.

I.

Kap. III.

1. Fangen wir wieder an, uns selbst zu empfehlen? Oder brauchen wir, wie Gewisse, Empfehlungsbriefe an euch oder von euch?

Mit diesen Worten sucht Paulus dem voraussichtlichen Vorwurfe zu begegnen, daß er sich selbst erhebe. Wohl hatte er sich schon vorher sorgsam gegen diese Anschuldigung verwahrt, indem er fragte: „Wer ist hiezu geeignet?“ und indem er versicherte: „Aus Lauterkeit reden wir;“ aber Das genügt ihm noch nicht. Denn so ist es nun einmal die Weise des Apostels, daß er mit einer wir möchten sagen fast übergroßen Sorgfalt sogar jeden Schein von Ruhmredigkeit zu vermeiden sucht. Wir aber müssen hier wieder seine erhabene Weisheit bewundern. Denn eine Sache von so düsterem Ansehen wie die Trübsale weiß er so in’s Licht zu stellen, mit einem so glänzenden Gewande zu umgeben, daß sogar ein solcher Einwand sich erheben konnte. Und wie hier, so verfährt er auch gegen das Ende des Schreibens. Denn dort durchgeht er zuerst alle Arten von Ge- [S. 116] fahren und Beschimpfungen, von Ängsten und Nöthen, die ihm widerfahren, und fährt dann fort: „Wir empfehlen uns nicht selbst, sondern wollen nur euch Anhalt geben, euch unser zu rühmen.“1 Der Unterschied ist nur, daß dort die Sprache entschiedener, die Entschuldigung bestimmter ist, während hier mehr die Liebe spricht, wenn er sagt: „Wir brauchen doch nicht, wie Gewisse, Empfehlungsbriefe?“ Dort spricht sich, wie es nothwendig und angemessen war, das Gefühl der eigenen Würde deutlicher aus, wenn es heißt: „Wir empfehlen uns nicht wieder selbst, sondern wollen nur euch Anhalt zum Rühmen geben;“ und weiters: „Ihr glaubt wohl schon lange, daß wir uns bei euch entschuldigen? Vor Gott in Christus reden wir. Denn ich fürchte, ich möchte etwa, wenn ich komme, euch nicht so finden, wie ich wünsche, und auch von euch nicht so erfunden werden, wie ihr es wünscht.“2 Um nämlich allen Schein zu vermeiden, als wolle er schmeicheln oder strebe er nach eitler Ehre, hat Paulus dort gesprochen: „Ich fürchte, ich möchte etwa, wenn ich komme, nicht so euch finden, wie ich wünsche, und auch von euch nicht so erfunden werden, wie ihr es wünscht.“ Das klingt freilich wie ein entschiedener Vorwurf; hier aber, weil noch am Anfange, ist die Sprache milder. — Aber was will er denn mit den obigen Worten sagen? Er hat unmittelbar vorher von Bedrängnissen und Gefahren gesprochen und von den Triumphen, zu welchen ihn Gott in Christus führt, und wie der ganzen Welt diese Triumphe bekannt sind. Ob dieses Rühmens nun macht er sich selbst einen Einwand und spricht: „Fangen wir wieder an, uns selbst zu empfehlen?“ Mit anderen Worten: Es könnte mir Einer entgegnen: Wie, o Paulus? so redest du von dir, so hoch hebst du dich hinauf? Um nun einer solchen Einwendung zu begegnen, sagt er ungefähr Dieses: Es liegt mir ferne, zu prahlen oder mich groß zu machen; im [S. 117] Gegentheile, statt daß ich eines Empfehlungsschreibens an euch bedürfte, dient ihr mir selbst statt eines solchen Briefes.

2. Denn unser Brief seid ihr.

Was heißt Das? Wenn es für mich einer Empfehlung bei Anderen bedürfte, so würde ich statt Aufzeigung eines Briefes auf euch mich berufen. Ähnlich heißt es auch im ersten Briefe: „Das Siegel meines Apostelamtes seid ihr.“3 Anders drückt Paulus sich hier aus, indem er, um sein Wort desto eindringlicher zu machen, mit einer feinen Wendung frägt: „Wir bedürfen doch keines Empfehlungsschreibens?“ Und mit einem Seitenblicke auf die falschen Apostel fährt er dann fort: „wie Gewisse“; Empfehlungsschreiben, meine ich, „an euch, oder von euch“ an Andere? Sogleich aber sucht er die Härte, die etwa in diesen Worten liegt, zu mildern, indem er beifügt: „Unser Brief seid ihr, ein Brief, eingeschrieben in unser Herz, erkannt von Allen;“

3. da es offenbar ist, daß ihr ein Brief Christi seid.

In diesen Worten versichert Paulus die Korinther seiner Liebe und gibt ihnen zugleich das Zeugniß eines tugendhaften Wandels; denn sonst könnten sie nicht als Muster dienen, um alle Menschen von der Vorzüglichkeit ihres Lehrers zu überzeugen. Das liegt nämlich in den Worten: „Unser Brief seid ihr.“ Man braucht euch nur zu sehen und zu hören, so thut ihr mir denselben Dienst wie ein Empfehlungsschreiben; ihr verschafft mir Ansehen und Achtung. Denn die Tugend der Schüler verherrlicht und empfiehlt den Lehrer mehr als irgend ein Schreiben. — [S. 118] „Eingeschrieben in unser Herz,“ d. h. Alle kennen diesen Brief; wir tragen euch nämlich mit uns, wohin wir auch gehen, und verlieren euch niemals aus dem Sinne. Es ist, als ob Paulus sagte: Ihr dient mir bei Anderen zur Empfehlung; denn euch trage ich beständig im Herzen, und bei Allen verkünde ich euere Tugenden. Weil demnach ihr selbst meine Empfehlung bei Anderen seid, so bedarf es weiter keines Schreibens von eurer Seite; und weil ich euch so innig liebe, so bedarf es für mich keiner weiteren Empfehlung an euch. Unbekannten gegenüber sind die Schreiben am Platze; ihr aber seid mir nicht unbekannt, sondern vielmehr im Innern meines Herzens. Es heißt auch nicht einfach: Ihr seid in meinem Herzen, sondern: „Ihr seid in mein Herz geschrieben,“ so daß euch Nichts daraus verdrängen kann. Denn wie man von einem Briefe abliest, so können an meinem Herzen Alle deutlich die Liebe erkennen, die ich zu euch trage.

1: II. Kor. 5, 12.
2: II. Kor. 12, 19. 20.
3: I. Kor. 9, 2.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger