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Chrysostomus († 407) - Homilien über den zweiten Brief an die Korinther

Fünfte Homilie.

I.

12. 13. Als ich aber nach Troas kam um des Evangeliums Christi willen und eine Thüre mir geöffnet war in dem Herrn, da hatte ich keine Ruhe in meinem Geiste, weil ich Titus, meinen Bruder, nicht fand.

Diese Worte scheinen eines Paulus unwürdig zu sein, wenn er sich wegen der Abwesenheit eines Bruders eine so günstige Gelegenheit zu evangelischer Wirksamkeit hat entgehen lassen; und ausserdem scheinen sie nicht in den Zusammenhang zu passen. Wie nun? Soll ich zuerst beweisen, daß sie ganz gut an das Vorausgehende sich anschließen, oder daß Paulus Nichts seiner Unwürdiges gesagt hat? Ich denke, wir suchen zuerst den Zusammenhang, dann wird sich uns auch die Frage von der Angemessenheit leichter erledigen. Wie hängen nun diese Worte mit dem Vorhergehenden zusammen? Rufen wir uns Dieses in’s Gedächtniß zurück, so wird es sich uns von selbst ergeben. Was ist denn vorausgegangen? Das, was Paulus Eingangs behandelt hat, indem er schrieb. „Ich will nicht, daß euch unbekannt sei die Drangsal, die wir in Asien hatten, wie wir über die Maßen beschwert wurden, über Ver- [S. 100] mögen.“ Dann hatte er gezeigt, wie er gerettet worden; und nachdem er Das, was weiter folgt, eingeschaltet, so kommt er jetzt folgerichtig auf eine neue Art von Bedrängniß zu sprechen. Und worin besteht diese? Darin, daß er den Titus nicht fand. Denn schwer genug ist es schon und wohl hinreichend, eine Seele niederzubeugen, wenn man überhaupt Drangsale ertragen muß; wenn aber erst noch Niemand da ist, der trösten und die Last mittragen könnte, so wird der Aufruhr um so größer. Titus aber ist es eben, den Paulus nach Korinth gesendet hatte, von dem er weiter unten sagt, er sei wieder zurückgekehrt, und dem er so hohe Lobsprüche spendet. Und so will denn Paulus mit diesen Worten zeigen, daß auch diese innere Beklommenheit in der Liebe und Sorge für die Korinther ihren Grund gehabt habe.

Hiemit haben wir nun den Zusammenhang deutlich genug gezeigt. Daß aber diese Worte auch Nichts enthalten, was eines Paulus unwürdig wäre, Das will ich jetzt versuchen, euch klar zu machen. Der Apostel sagt ja nicht, daß die Abwesenheit des Titus für Diejenigen, die sich dem Heile zuwenden wollten, ein Hinderniß der Bekehrung gewesen, oder daß er aus diesem Grunde eine Pflicht gegen die bereits gläubig Gewordenen verabsäumt habe, sondern nur, daß er keine Ruhe gefunden, daß nämlich das Ausbleiben des Bruders ihm Kummer und Schmerz gemacht habe. Damit läßt er uns erkennen, was es um das Fernsein eines Bruders ist; und aus dieser Ursache ging er von Troas wieder fort. — Was heißt denn aber: „Als ich nach Troas kam um des Evangeliums willen?“ Ich bin nicht zwecklos, will er sagen, dorthin gegangen, sondern um das Wort Gottes zu verkünden. In dieser Absicht war ich gekommen und hatte ein reiches Feld gefunden; denn „eine Thüre war mir geöffnet in dem Herrn“ aber gleichwohl, versichert er, „hatte ich in meinem Geiste.“ Doch hemmte [S. 101] Das nicht den Fortgang des Heilswerkes. Wie kann er nun sagen: „Ich verabschiedete mich von ihnen und zog weiter?“ Das heißt nur: Ich habe nicht allzu lange dort mich aufgehalten, aus Beängstigung und peinlicher Unruhe. Möglicher Weise erlitt freilich auch das Heilswerk durch die Abwesenheit des Titus einige Beeinträchtigung. Aber gerade Das mußte den Korinthern zu nicht geringer Beruhigung dienen. Denn Paulus war um des Evangeliums willen nach Troas gekommen und fand dort ein reiches Arbeitsfeld; weil er aber den Bruder nicht traf, so ging er rasch wieder fort. Um so mehr, will er sagen, müßt ihr Korinther mir verzeihen, wenn der Drang der Verhältnisse mich gehindert hat, zu euch zu kommen; denn dieser Macht unterliegen alle meine apostolischen Wanderungen, und es ist mir nicht gestattet, hinzugehen, wohin ich will, oder da länger zu verweilen, wo ich es gerne wünschte. Darum bezeichnet er auch wie vorher den Geist so jetzt Gott als den Urheber seiner Wanderungen und sagt:

14. Gott aber sei Dank, der immerdar uns zum Triumphe führt in Christus und den Geruch seiner Erkenntniß durch uns offenbart an jedem Orte.

Es könnte scheinen, als wolle Paulus seine Lage bejammern und beklagen; darum dieses Dankgebet zu Gott. Seine vorigen Worte drücken ungefähr aus: Überall Bedrängniß, überall Beängstigung. Ich kam nach Kleinasien und ward über die Maßen beschwert; ich kam nach Troas und fand den Bruder nicht; ich konnte nicht nach Korinth gehen; und auch Das drückte mich schmerzlich, weil Manche bei euch gesündigt hatten und ich euch aus diesem Grunde nicht besuchen konnte. Denn „aus Schonung für euch bin ich nicht nach Korinth gekommen,“ versichert er. Das konnte aber als Klage aufgefaßt werden; darum fügt Paulus bei: Nicht zur Trauer stimmen uns die gegenwärtigen Trüb- [S. 102] sale, sondern sogar zur Freude, und zwar, was noch mehr sagen will, nicht bloß wegen der Erwartung der künftigen Belohnungen, sondern sogar auch wegen ihrer Wirkung für das gegenwärtige Leben; denn schon hier auf Erden verschaffen sie uns Glanz und Ruhm. Statt darum zu klagen, reden wir sogar vom Triumphe und rühmen uns dessen, was uns begegnet. Das will Paulus ausdrücken, wenn er sagt: „Gott sei Dank, der uns immerdar zum Triumphe führt,“ der uns nämlich vor allen Menschen berühmt macht. Sonst mag es für eine Schande gelten, von einem Orte zum anderen getrieben zu werden, an uns erweist es sich als die größte Ehre. Darum heißt es nicht: Gott macht uns Allen offenkundig, sondern: „Gott führt uns zum Triumphe,“ welches so viel bedeutet, als daß diese Verfolgungen überall in der Welt ununterbrochene Siegeszeichen über den Satan aufrichten. Und weiters gibt Paulus auch den Grund an, warum ihn Gott zum Triumphe führt, um auch so die Gemüther zu erheben. Wir werden, sagt er, von Gott zum Triumphe geführt „in Christus“, das ist wegen Christus und der Predigt. Denn wenn es sich einmal um den Triumphzug handelt, so müssen nothwendig auch wir, die wir das Siegeszeichen tragen, Allen bemerklich sein. Dadurch wenden sich Aller Augen auf uns und es verbreitet sich unser Ruhm. — „Und den Geruch seiner Erkenntniß durch uns offenbart an jedem Orte.“

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger