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Chrysostomus († 407) - Homilien über den zweiten Brief an die Korinther

Vierte Homilie.

I.

23. Ich aber rufe Gott zum Zeugen an über meine Seele, daß ich aus Schonung für euch nicht wieder nach Korinth gekommen bin.

Was sagst du, heiliger Paulus? Aus „Schonung“ willst du nicht nach Korinth gekommen sein? Das steht doch zum Vorhergehenden in offenem Widerspruche. Denn vorher hast du versichert: Ich bin darum nicht gekommen, weil ich meine Entschlüsse nicht nach dem Fleische fasse, weil ich nicht frei über mich verfügen kann, sondern lediglich vom heiligen Geiste bestimmen lasse, wohin ich gehen soll; und auch die Drangsale hast du als Grund angegeben. Hier aber sagst du, aus eigenem Ermessen, nicht auf Antrieb des Geistes seiest du nicht gekommen. Denn „aus Schonung für euch,“ heißt es, „bin ich nicht nach Korinth gekommen.“ Was ist nun da zu erwidern? Entweder kam auch eben dieser Gedanke vom Geiste, so daß Paulus für seine Person zwar kommen wollte, aber der heilige Geist ihm eingab, nicht hinzugehen, eben aus Schonung für die Korinther; [S. 78] oder der Apostel hat hier einen anderen Besuch im Auge, vielleicht daß er vor Abfassung des ersten Briefes nach Korinth kommen wollte, aber aus Liebe sich zurückgehalten habe, um sie nicht ungebessert zu überraschen. Doch bleibt es wahrscheinlich, daß Paulus nach dem zweiten Briefe auch dann noch, als der Geist ihn nicht mehr abhielt, aus diesem Grunde freiwillig mit dem Kommen gezögert habe. Und diese letztere Annahme empfiehlt sich am meisten, nämlich daß Anfangs zwar der heilige Geist ihm hinderlich gewesen, hernach aber auch die eigene Erwägung ein längeres Fernbleiben habe räthlich erscheinen lassen.

Sehen wir nun wieder die Art und Weise, wie Paulus von sich selbst Erwähnung thut, wie er nämlich — und Dieses werde ich immer wieder hervorheben — Das, was dem Anscheine nach gegen ihn spricht, zu seinen Gunsten zu wenden weiß. Denn die Korinther mochten wohl bei sich denken: Darum hast du nicht kommen wollen, weil du uns nicht lieb hast. Paulus dagegen zeigt ihnen, es sei gerade die Liebe gewesen, die ihn gehindert habe, zu kommen. — Was meint er denn aber unter dieser „Schonung“? Ich hatte gehört, will er sagen, daß Einige von euch in die Sünde der Unzucht gefallen sind; ich wollte also nicht kommen und euch betrüben. Denn einmal anwesend hätte ich die Sache untersuchen, mit Strafen vorgehen und von Vielen Genugthuung verlangen müssen. Da hielt ich es nun für gerathener, fern zu bleiben und Zeit zur Buße zu lassen, als sogleich zu kommen und strafend einzuschreiten und so meine eigene Bitterkeit zu vermehren. Daß Paulus Das wirklich meint, Das ersehen wir deutlich aus der Stelle am Ende dieses Briefes, wo er sagt: „Ich fürchte, es möchte etwa, wenn ich komme, Gott mich demüthigen vor euch und ich Solche viele betrauern müssen, die vorher gesündigt und nicht Buße gethan haben wegen der Unlauterkeit und Unzucht, die sie begangen haben.“1 [S. 79] Das will er ihnen nun auch hier zu bedenken geben, und so hat seine Rede zwar den Schein der eigenen Rechtfertigung, im Grunde aber ist sie für die Korinther ein herber Tadel und eine nachdrückliche Drohung. Denn Paulus läßt durchblicken, daß sie Strafe verdient hätten und ihr auch sicherlich nicht entgehen würden, wenn sie sich nicht ungesäumt besserten. Auch Das finden wir ausgesprochen am Schlusse des Schreibens, wenn es heißt: „Sobald ich wieder komme, werde ich nicht schonen.“2 Der Unterschied ist nur, daß dort die Sprache entschiedener, hier aber, weil noch am Anfange des Briefes, mehr zurückhaltend ist. Aber auch so, wie er es sagt, ist es ihm noch zu hart, darum sucht er es durch nähere Erklärung wieder zu mildern. Denn weil seine Sprache als die eines Mannes erscheinen mochte, dem große Macht zur Verfügung steht — man redet ja füglich nur dann von Schonung, wenn man die Macht hat, zu strafen — so bestrebt er sich, die Härte wieder zu mildern und die rauhe Seite zu verhüllen, indem er fortfährt: „Nicht als wollten wir eine Herrschaft über euren Glauben üben;“ das heißt: Nicht darum habe ich gesagt, ich sei aus Schonung für euch nicht gekommen, als wollte ich eine herrische Gewalt über euch üben. Doch heißt es nicht: Über euch, sondern: „Über euren Glauben,“ was den Vorzug größerer Milde und Genauigkeit hat; denn wer vermag Den zu zwingen, der nicht glauben will? — „Sondern wir wollen beitragen zu eurer Freude.“ Weil ja eure Freude, will er sagen, auch die meinige ist, so habe ich nicht kommen wollen, um euch nicht wehethun zu müssen und so meine eigene Betrübniß zu vermehren. Ich hielt mich lieber ferne, damit ihr einstweilen in Folge meiner Drohung euch bessern und dann über meine Ankunft euch aufrichtig freuen möget. Denn Alles thue ich, um euch Freude zu machen; dieses Ziel schwebt [S. 80] mir immer vor Augen , weil ja auch ich an dieser Freude Antheil habe. — „Denn im Glauben steht ihr fest.“ Beachten wir wieder die schonende Zurückhaltung. Paulus nimmt Anstand, sie von neuem zu tadeln, nachdem er sie schon im vorigen Briefe so hart angelassen und sie einige Besserung gezeigt hatten. Denn Das hätte sie ja vom rechten Wege abbringen können, wenn sie trotz der Besserung wieder den gleichen Tadel hinnehmen müßten. Daher die weit mildere Sprache dieses zweiten Briefes.

Kap. II.

1. Beschlossen aber habe ich für mich selbst, nicht wieder in Trauer zu euch zu kommen.

Das „wieder“ läßt erkennen, daß ihm von ihrer Seite schon einmal Betrübniß war verursacht worden. Und so gestaltet sich die anscheinende Rechtfertigung zu einer unvermerkten Anklage. Denn wenn ihn die Korinther schon einmal betrübt hatten und nun künftig wieder betrüben sollten, wie groß mußte dann nicht die Bitterniß in seinem Innern werden? Zwar sagt er nicht geradezu: Ihr habt mich betrübt; aber die Wendung, die er der Rede gibt, drückt Dasselbe aus. Er sagt nämlich: Ich bin aus dem Grunde nicht gekommen, weil ich euch nicht betrüben wollte. Das hat aber genau den gleichen Sinn, nur hört es sich leichter.

2. Denn wenn ich euch betrübe, wer ist es dann, der mich erfreute, ausser Der, welcher von mir betrübt wird?

Wie stimmt nun Das zum Vorhergehenden? Ganz genau. Denn erwäge nur! Ich wollte nicht zu euch kommen, sagt er, um euch nicht durch Äusserungen des Tadels, des Zürnens und Unwillens allzusehr zu betrüben. Aber [S. 81] auch Das klingt noch zu hart und schließt einen Vorwurf ein, wenn ja ihr Leben der Art war, daß sie den Paulus betrübten. Darum sucht er sich sogleich wieder zu verbessern, indem er sagt: „Denn wenn ich euch betrübe, wer ist es dann, der mich erfreute, ausser wer von mir betrübt wird?“ Diese Worte drücken ungefähr aus: Würde es mir bei meiner Ankunft auch Kummer verursachen, wenn ich gezwungen wäre, euch zu tadeln und betrübt zu sehen, so würde doch diese eure Betrübniß mir wieder Freude machen. Denn Das würde mir der stärkste Beweis eurer Liebe sein, wenn ich wahrnähme, daß ich bei euch so hoch stehe, daß mein Zürnen euch bis in’s Innerste betrübt.

1: II. Kor. 12, 21.
2: II. Kor. 13, 2.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger