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Chrysostomus († 407) - Homilien über den zweiten Brief an die Korinther
Zweite Homilie.

V.

Wenden wir uns darum angelegentlich an die heiligen Männer, damit sie für uns Dank sagen, und thun wir es auch selbst für einander! Diese Aufgabe, die edelste, die [S. 39] es gibt, haben insbesondere die Priester. Wenn wir nämlich vor Gott hintreten, so pflegen wir zuerst für die ganze Welt zu danken und für die gemeinsamen Güter. Denn wenn Gottes Wohlthaten auch Allen zu Gute kommen, so beruht doch auf der allgemeinen Wohlfahrt auch die deine. Darum schuldest du für dein besonderes Wohl gemeinschaftlichen Dank, und für die allgemeine Wohlfahrt ziemt es dir, Gott noch insbesondere zu preisen. So hat Gott die strahlende Sonne zwar nicht für dich allein geschaffen, sondern für die ganze Welt; aber im Theile hast du das Ganze. Denn so groß ist sie wegen des Weltalls, du aber siehst allein so viel als alle Menschen zusammen; darum soll auch dein Dank so groß wie der Dank Aller sein. Und wie für die gemeinsamen Güter, so gebührt es sich auch, zu danken für die Tugend der Mitmenschen. Denn es gibt auch viele Wohlthaten, die uns Andere verdienen. Wären in Sodoma bloß zehn Gerechte gefunden worden, so wären Alle dem Strafgerichte entgangen. Daher sollen wir auch danken für das fromme Vertrauen, das Andere zu Gott haben; denn so ist es üblich in der Kirche seit den ältesten Tagen. So dankt Paulus für die Römer, für die Korinther, für die ganze Welt. Und sage mir nicht: Das Gute Anderer gehört ja mir nicht an. Freilich nicht; aber danken sollst du doch, weil ein Glied von dir so tugendhaft ist. Und überdieß machst du durch die Lobpreisung Alles zu deinem Eigenthume, du bekommst Antheil an den Belohnungen und wirst auch selbst die Gnadengabe empfangen.

So verordnen denn auch die Vorschriften der Kirche solche Gebete wie für die Gläubigen, so insbesondere für die Katechumenen. Denn die Gläubigen ermahnt das Gesetz zu demüthigem Flehen für die noch Ungetauften. Wenn nämlich der Diacon ruft: „Für die Katechumenen laßt uns inbrünstig beten,“ so ergeht diese Aufforderung zur Fürbitte an die ganze Versamm- [S. 40] lung. Nun stehen sie aber noch ferne, die Katechumenen; denn noch gehören sie nicht zum Leibe Christi, noch haben sie nicht Theil genommen an den Geheimnissen, noch sind sie getrennt von der geistigen Heerde. Wenn wir nun schon für diese beten sollen, um wie viel mehr dann für die eigenen Glieder! Darum ermahnt denn auch der Diakon. „Laßt uns inbrünstig für sie beten!“ damit du sie nicht etwa ausschließest als Fremde oder als Unbekannte übergehest. Denn sie selbst haben noch nicht das altehrwürdige Gebet, das uns Christus gelehrt; sie dürfen noch nicht so vertrauensvoll beten; sie bedürfen noch der Hilfe Derer, die schon eingeführt sind in die Geheimnisse. Denn noch stehen sie ausserhalb der königlichen Hallen, noch ferne den heiligen Schranken.1 Darum müssen sie auch gehen, wenn jene schauerlichen Gebete (bei der Messe) beginnen. Du mußt für sie beten, damit sie bald Glieder von dir werden, damit sie nicht lange mehr fremd und ferne bleiben. Denn die Aufforderung: „Laßt uns beten!“ gilt dem ganzen Volke, nicht den Priestern allein. Wenn der Diakon spricht. „Laßt uns aufrecht stehen und beten,“ so ruft er Alle zum Gebete. Und jetzt beginnt er das eigentliche Gebet und spricht:

„Daß der allerbarmende und barmherzige Gott erhöre ihre Gebete.“ Du könntest nämlich etwa sagen: Was sollen wir für sie beten ? Sie sind ja fremd; sie gehören noch nicht zu uns. Womit soll ich Gott zur Erhörung geneigt machen, wodurch ihn bewegen, den Katechumenen Erbarmung und Verleihung zu gewähren? Damit du nicht in solche Fragen dich verlierst, so höre, wie rasch der Diakon deine Zweifel löst, wenn er sagt: „Daß der allerbarmende und barmherzige Gott erhöre ihre Gebete.“ Hast du gehört: „Der allerbarmende Gott“? Laß deine Bedenken; denn der Allerbarmende erbarmt sich Aller, der Sünder [S. 41] und der Freunde. Sage also nicht: Wie soll ich für sie beten? Gott wird ihre eigenen Gebete schon erhören. Auf was geht aber das Gebet der Katechumenen anders, als daß sie nicht lange mehr Katechumenen bleiben? — Und jetzt beginnt der Diakon mit lauter Stimme die einzelnen Bitten. Und welches sind diese? „Daß er aufschließe die Ohren ihrer Herzen.“ Denn noch sind diese verschlossen und versperrt. Ohren aber meint er nicht die äusseren des Leibes, sondern die inneren des Geistes. „Damit sie vernehmen, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört, und was in keines Menschen Herz gekommen.“ Denn noch haben die Katechumenen Nichts gehört von den unaussprechlichen Geheimnissen, noch stehen sie in weiter Ferne. Und würden sie auch hören, sie würden nicht verstehen. Denn jene Geheimnisse erfordern ein tiefes Verständniß, nicht das bloße Hören; das innere Gehör aber haben sie noch nicht. Darum fleht der Diakon für sie um das Geschenk, das einst der Prophet empfangen, welcher sagt: „Gott gibt mir eine kundige Zunge, daß ich weiß, wann ich reden soll; er öffnet mir den Mund, er weckt mir am Morgen, ja am Morgen erweckt er mir die Ohren, zu hören.“2 Denn wie einst anders die Propheten hörten und anders das Volk, so hören jetzt anders die Gläubigen und anders die Katechumenen. Daraus ersieht auch der Katechumene, daß er diese Geheimnisse nicht von Menschen lernt und hört, denn „ihr sollt Niemand Lehrer nennen auf Erden;“3 sondern daß er sie von obenher lernt vom Himmel; denn „es werden Alle sein unterwiesen von Gott.“4 Darum heißt es weiter: „Und sie unterweise in der Lehre der Wahrheit,“ so daß sie von innen her belehrt werden; denn noch verstehen sie nicht das Wort der Wahrheit.

„Daß er den Samen seiner Furcht in ihr Inneres streue.“ Aber auch Das ist nicht genug; [S. 42] denn ein Theil des Samens fiel neben den Weg, ein anderer auf felsigen Grund.

1: Im Vorhof (Narthex) der Kirche, fern von den Schranken am Presbyterium.
2: Is. 50, 45.
3: Matth. 23, 8.
4: Is. 54, 13.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger