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Chrysostomus († 407) - Homilien über den zweiten Brief an die Korinther
Erste Homilie.

IV.

Doch fühlt Paulus, er habe ein großes Wort ausgesprochen, und einschränkend fügt er bei: „So ist auch durch Christus überreichlich unser Trost.“ Alles führt er auf Christus zurück, von Allem nimmt er Anlaß, die Güte Christi zu preisen. Hoch über dem Maße des Leidens, sagt er, steht das Maß des Trostes. Denn es heißt nicht: Trost und Leiden stehen im Gleichgewicht, son- [S. 19] dern: „Überreichlich ist der Trost.“ Was kann es auch Herrlicheres geben, als um Christi willen mit Ruthen gepeitscht zu werden, dagegen mit Gott zu verkehren, gegen alle Feinde Stand zu halten, über alle Dränger zu obsiegen, einer ganzen Welt unbezwinglich zu sein und vom Himmel eine Seligkeit zu erwarten, die kein Auge gesehen, kein Ohr gehört, die in keines Menschen Herz gekommen! Was kann wünschenswerther sein, als um der Frömmigkeit willen Verfolgung zu leiden, dagegen von allen Sünden gereinigt, des heiligen Geistes, der Heiligung und Rechtfertigung theilhaftig zu werden, vor Niemand zu fürchten und zu zittern und erhaben über Alle dazustehen mitten in der Gefahr! Lassen wir darum in den Prüfungen den Muth nicht sinken! Denn Keiner hat Antheil an Christus, der das Vergnügen, den Schlaf und die Gemächlichkeit liebt, der ein weichliches, gemüthliches Leben führt. Aber wem Leid und Trübsal das tägliche Brod ist, der steht dem Herrn nahe. Das ist der Weg, den auch Christus gegangen. Denn „der Sohn des Menschen hat nicht, wohin er das Haupt legen soll.“1

Darum laß dir deine Trübsale nicht nahe gehen! Bedenke, wer Der ist, dem du gleichförmig wirst; erwäge, welche Kraft der Reinigung in den Prüfungen liegt und wie groß der Gewinn ist! Eine eigentliche Qual liegt einzig in der Beleidigung Gottes. Ausser der Sünde aber kann Nichts, weder Drangsal und Verfolgung noch irgend ein Mißgeschick die weise Seele betrüben. Wie ein kleiner Funke in ein großes Wasser geworfen augenblicklich erlischt, so verweht auch alsbald selbst die schwerste Trübsal, wenn sie ein reines Gewissen findet. Darum lebte Paulus immer in Freude. Denn bei Gott wußte er sich in Gnade, und die schweren Leiden achtete er kaum. Wenn er auch als Mensch den Schmerz fühlte, so konnte ihm doch kein [S. 20] Leid jemals den Muth beugen. So war auch der Patriarch Abraham immer voll Freude. Und was kam nicht Alles über ihn! Höre nur! Aus seinem Lande mußte er ziehen, lange und beschwerliche Wanderungen bestehen; und angekommen im fremden Lande wußte er nicht, wohin er den Fuß setzen sollte. Dann kam die Hungersnoth und zwang ihn wieder zum Wanderstabe. Dem Hunger folgte die Wegnahme der Gattin und die Furcht vor dem Tode; die Kinderlosigkeit, Krieg, Gefahren und Überfälle, und zuletzt setzte eine Prüfung allen die Krone auf, die Opferung des einzigen, geliebten Sohnes, so voll bitteren, unheilbaren Schmerzes. Wohl hat er willig gehorcht; aber darum darfst du nicht glauben, es sei ihm all Das so leicht geworden. Denn mochte seine Gerechtigkeit noch so groß sein, wie sie es wirklich war, so blieb er doch ein Mensch, und das Gefühl machte seine Rechte geltend. Aber sein Muth blieb stets ungebeugt. Gleich einem edlen Wettkämpfer stand er aufrecht da, und jeder neue Kampf brachte ihm neue Kronen. So sah auch der selige Paulus Tag für Tag Wolken von Drangsalen auf sich eindringen, aber in seiner Seele war Freude und Frohlocken, als genöße er die Wonnen des Paradieses. Ja, wer diese geistige Freude im Herzen trägt, den bewahrt sie vor jedem Kleinmuth; wer sie nicht hat, den beugt Alles nieder; er gleicht einem Kämpfer in schlechter Rüstung, dem der erste beste Hieb eine Wunde schlägt. Wer aber ringsum fest umschirmt ist, an dem prallt jedes andringende Geschoß machtlos ab. Stärker als jede Rüstung ist die Freude in Gott; wer sie besitzt, der kann Alles ertragen, Nichts kann ihn verzagt und traurig stimmen. Was ist wohl schlimmer denn Feuer, was quälender als andauernde Folter? Für die Empfindung ist das ein größerer Schmerz als der Verlust der Habe, der Kinder, als die Einbuße von Allem, was lieb und werth ist. Denn „Haut um Haut und Alles, was der Mensch hat, gibt er für sein Leben.“2

[S. 21] Die körperliche Qual ist von allen die schwerste. Aber was für das bloße Hören schon unerträglich ist, das wird leicht und lieb durch die Freude in Gott. Nimmst du einen Märtyrer, der kaum noch athmet, vom Pfahle oder aus der Glutpfanne weg, so wirst du eine Freude in ihm finden, die sich gar nicht aussprechen läßt. — Aber was soll ich denn leiden? sagst du; zum Marterthum ist ja jetzt nicht die Zeit. Wie meinst du? Zum Marterthum ist immer Gelegenheit, sie liegt, wenn wir’s verstehen, beständig vor unsern Augen. Denn nicht das Hängen am Pfahle allein macht den Märtyrer, sonst müßte selbst ein Job auf diesen Ruhm verzichten. Denn er hat kein Richthaus betreten, keines Richters Drohen gehört, keinen Henker gesehen; es wurde ihm nicht, während er hoch am Pfahle hing, von den Seiten das Fleisch gerissen. Aber doch haben so Arges wie er viele Märtyrer zusammen nicht ausgestanden. Denn die Worte der sich auf dem Fuße folgenden Boten verwundeten und zerrissen sein Inneres schmerzlicher als irgend eine Wunde, und qualvoller als tausend Henker zernagten ihm die gefräßigen Würmer ringsum den Leib.

1: Matth. 8, 20.
2: Job 2, 4.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger