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Chrysostomus († 407) - Homilien über den zweiten Brief an die Korinther
Erste Homilie.

III.

Solches Erbarmen ist eine ganz besondere und ausnehmende Eigenschaft Gottes, mit seinem Wesen unzertrennlich verbunden. Darum nennt er ihn: „Gott der Erbarmungen.“ Und wie groß steht wieder vor uns die Demuth des Apostels! Denn obschon seine Gefahren im Dienste des Evangeliums waren, so schreibt er doch die Rettung nicht der eigenen Würdigkeit zu, sondern den Erbarmungen Gottes. Doch darüber ausführlicher in der Folge. Für jetzt fährt er fort: „der uns tröstet in all unserer Drangsal.“ Es heißt nicht: der uns vor Bedrängniß bewahrt, sondern: „der in der Drangsal uns tröstet.“ Auf diese Weise offenbart sich die göttliche Macht und mehrt sich in den Bedrängten die Geduld. Denn „die Bedrängniß wirkt Geduld“.1 So sagt auch der Prophet: „In der Drangsal hast du Weite mir gemacht.“2 Er sagt nicht: Du hast mich nicht in Drangsal gerathen lassen; nicht: Du hast die Drangsal schnell vorübergehen lassen; sondern: Während der Dauer der Drangsal hast du Weite mir gemacht, das heißt weiten Raum mir bereitet und große Erquickung. So sehen wir es auch bei den drei Jünglingen. Gott ließ es zu, daß sie in den Feuerofen sanken; es loderten die Flammen; aber mitten in den Gluten hat er kühle Stätte ihnen bereitet.

So pflegt Gott immer zu verfahren. Das meint Paulus, wenn er sagt: „Der uns tröstet in jeglicher Drangsal.“ Aber noch etwas Anderes will er mit diesen Worten zeigen. Und was ist Dieses? Daß nämlich Gott nicht das eine oder andere Mal, sondern immerfort tröstet. Denn nicht gewährt Gott bald Trost und läßt er bald (ohne Trost) gehen, sondern immer und ohne Unterbrechung währt der Trost. Darum sagt Paulus: „der uns tröstet,“ nicht: der uns getröstet hat; darum sagt er: „in jeg- [S. 17] licher Drangsal,“ nicht: in der einen oder andern. — „Auf daß auch wir trösten können Die, welche in jeglicher Bedrängniß sind, durch die Ermunterung, mit welcher wir selbst aufgerichtet werden von Gott.“ Siehst du, wie er seine Rechtfertigung einleitet und dem Hörer den Gedanken an eine große Drangsal nahe legt? Und wie bescheiden weiß er wieder sich auszudrücken! Diese Erbarmung, sagt er, ist uns geworden, nicht weil wir es verdient haben, sondern zum Heil und Segen für Andere. Gott hat uns getröstet, damit wir Andere trösten. Wie groß steht doch das Bild der Apostel vor unseren Augen! Da sehen wir nach Trost und Linderung kein schlaffes Hinsinken wie bei uns, sondern alsbald neues Erheben, um in Anderen Kraft und Muth zu stärken. — Manche erklären diese Stelle auch so: In unserem Troste fühlen sich auch Andere getröstet. — Dieser Eingang hat, wie mir dünkt, auch den Nebenzweck, die falschen Apostel zu treffen mit ihrem nichtigen Rühmen und ihrem gemächlichen, genußsüchtigen Leben. Doch bleibt die eigentliche Absicht die Rechtfertigung wegen der langen Verzögerung. Denn wenn wir, sagt er, aus dem Grunde getröstet werden, um wieder Andere zu trösten, was wollt ihr mein Ausbleiben tadeln? Die ganze Zeit mußte ich ja damit hinbringen, mich der Nachstellungen, der Angriffe, der Schrecken zu erwehren, die auf mich eindrangen.

5. Denn so, wie überreichlich sind die Leiden Christi in uns, so ist auch überreichlich durch Christus unser Trost.

Das starke Hervorheben der widrigen Begegnisse konnte vielleicht entmuthigend auf die Schüler wirken. Darum sucht Paulus ihre Herzen wieder aufzurichten durch den Hinweis auf die Fülle des Trostes und noch mehr durch die Erinnerung an Christus und die Bezeichnung der eigenen Leiden als Christi Leiden. Damit nennt er eine [S. 18] Quelle des Trostes, die in den Leiden selbst ihren Ursprung hat, noch vor der Tröstung durch Gott. Denn was kann süßer, was trostreicher sein als der Gedanke, Christo im Leiden gleichförmig zu werden, um Christi willen alles Schwere zu erdulden? Und noch ein besonderes Wort ist gar geeignet, ein freudiges Bewußtsein in den Bedrängten zu erwecken. Und welches ist dieses? Das Wort „überreichlich“. Denn er sagt nicht: Sowie auf uns eindringen die Leiden Christi, sondern: „Sowie überreichlich sind.“ Unsere Leiden, will er sagen, sind groß gleich den Leiden Christi, ja sie sind größer. Erwäge nur! Bedrängt und verfolgt wurde Christus, Geißlung und Tod hat er gelitten. Wir aber, sagt Paulus, mehr als Dieses: ein Gedanke, der allein schon genugsam trösten könnte. Und dieses Wort möge Niemand vermessen finden! Denn auch an einer anderen Stelle sagt Paulus: „Jetzt freue ich mich in meinen Leiden und mache voll, was noch übrigt an den Bedrängnissen Christi, an meinem Fleische.“3 Aber keine dieser beiden Stellen verräth eine Spur von Überschätzung oder Vermessenheit. Die Apostel haben größere Zeichen gewirkt als Christus, gemäß der Vorhersagung: „Wer an mich glaubt, wird größere Zeichen als diese thun;“4 aber Alles geht zurück auf Christus, der in ihnen wirksam ist. Und so haben sie auch mehr ausgestanden als Christus, aber wieder ist Alles Werk Christi, der ihnen Trost und Kraft verleiht, alle Schrecknisse zu überwinden.

1: Röm. 5, 3.
2: Ps. 4, 2.
3: Kol. 1, 24.
4: Joh. 14, 12.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger