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Zosimos (um 500) - Neue Geschichte (Historia nea)
Fünftes Buch

Ein und zwanzigstes Kapitel. Gainas leidet starken Verlust, und begiebt sich über den Ister.

1. Gainas erkämpfte nun den Eingang durch die lange Mauer in den Chersonesus, und stellte seine Barbaren an dem ganzen hohen Rande Thrakiens auf, der sich von Parium bis Lampsakus und Abydos und den Gegenden erstreckt, die die Meerenge bilden. 2. Der Feldherr der Römer umschiffte die Oerter Asiens, und beobachtete Tag und Nacht die feindlichen Unternehmungen. 3. Gainas konnte aus Mangel an Lebensmitteln nicht ertragen, daß er da aufgehalten wurde, hieb Holz in dem Chersonesischen Walde, befestigte die Stämme mit aller Sorgfalt an einander, richtete die Flöße ein, daß sie Mann und Pferd aufnehmen konnten, ließ beide sie besteigen, und überließ sie dem Strome. Denn es war nicht möglich, sie mit Rudern zu leiten, noch gestatteten sie irgend die Geschicklichkeit eines Steuermanns, da sie, ohne Kunst, bloß nach barbarischer Erfindung, in der Schnelle gemacht waren. 4. Er selbst blieb an dem Lande, und hoffte [S. 143] wohl den Sieg durch seine Leute erhalten zu können, da er glaubte die Römer werden nicht widerstehen können. 5. Dieses blieb dem Scharfsinne des römischen Feldherrn nicht verborgen. Da er die Unternehmung muthmaßte, ließ er seine Schiffe vom Lande ein wenig vorrücken 6. ― und als er sahe, daß die Flöße nach der Willkühr des Stroms einhergetrieben wurden, so fuhr er zuerst ab, und traf auf den Floß der vordersten Reihe. Sein Schiff mit einem ehernen Schnabel gieng darüber hin, und drängte das Floß, auf das die Einherschiffenden zugleich Pfeile schossen, mit der Mannschaft in den Grund. 7. Als die andern auf den Schiffen den Feldherrn1 sahen, ahmten sie ihm nach, durchstachen einige, warfen andere vom Holze herab, daß das Meer sie verschlang, und fast kein Mann dem Tode entgieng. 8. Durch diese Niederlage gedemüthigt, und so vieler Streitgenossen beraubt, zog sich Gainas tiefer in den Chersones zurück, und eilte in das äussere Thrakien. Phraiut beschloß, den fliehenden nicht zu verfolgen, sondern zufrieden mit dem, vom Glücke vergönnten Vortheile, zog er seine Macht in der Gegend zusammen. Jedermann beschuldigte ihn, er habe den Gainas nicht verfolgen wollen, und seiner, als eines Landsmanns, geschont, so wie der, mit ihm entfliehenden, Mannschaft. 10. Sich nichts dergleichen bewußt, kehrte er zum [S. 144] Kaiser zurück, auf den Sieg stolz, und schrieb ihn freimüthig den Göttern zu, die er verehre. 11. Denn er scheuete sich nicht, vor den Ohren des Kaisers zu bekennen, daß er, nach vaterländischer Sitte, die Götter anbete und verehre, und sich nicht überwinden könne, in diesem Punkte der Menge zu folgen. 12. Arkadius nahm ihn2 auf, und ernannte ihn zum Konsul. Gainas aber eilte nach dem großen Verluste seiner Macht, gegen den Ister mit dem Reste. 13. Da er aber Thrakien durch die vorhergehende Angriffe verheert fand, so plünderte er, was er erhaschen konnte, fürchtete, ein anderes römisches Heer möchte ihm folgen, und ihn mit seinen wenigen Barbaren angreifen, hatte auch die ihm folgenden Römer im Verdacht, tödtete daher diese, die eines solchen Entschlusses sich nicht versahen, alle, und gieng mit seinen Barbaren über den Strom, um in sein Vaterland zurückzukehren, und da den Rest zu leben.

1: Dieses thun.
2: Gütig.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Vorrede zum zweiten Band
Ueber Zosimus und dessen Glaubwürdigkeit
Ueber Zosimos (Historische Briefe von G. B. (von) Schirach. Zweiter Brief. Halle, 1770.8, S. 10 folgg.)
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger