Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
G. B. (von) Schirach, Ueber Zosimos (Historische Briefe von G. B. (von) Schirach. Zweiter Brief. Halle, 1770.8, S. 10 folgg.). In: Geschichte des Zosimus. Erster Band und zweiter Band. Aus dem Griechischen zum Erstenmale übersetzt und mit Anmerkungen begleitet von Seybold und Heyler. (Sammlung der neuesten Übersetzungen der Griechischen prosaischen Schriftsteller 10), Frankfurt am Main 1802.
Ueber Zosimos (Historische Briefe von G. B. (von) Schirach. Zweiter Brief. Halle, 1770.8, S. 10 folgg.)

5.

Aus dieser Absicht auch verrieth er uns verschiedene ächte Fehler Konstantins in dem Regierungs-Systeme. Wem wird es nicht angenehmer seyn, die Verwandlung in dem Militairstande, die Konstantin machte, und von welcher ich immer mit einem nicht ungeschickten Manne glaube, daß sie dem Reiche gewiß nicht vorteilhaft, wenigstens den Folgen nach, gewesen seye; diese Verwandlung1, von der nachher viel abhieng, mit Reflexion erzählt zu lesen2, als die [S. 230] Verordnungen Konstantins, die Eiche Mambra3 zu heiligen, und solche possirlich — wichtige Dinge.

Wichtig und fruchtbar für den denkenden Leser wird Zosimus, wenn er mit Verdruß bemerkt, daß Konstantin4 nach dem überwundenen Licin und bei der innern Ruhe des Reichs ganz an keinen Krieg mit auswärtigen Feinden gedacht habe; die Scythen ungestört habe rauben und plündern lassen, und nur den Barbaren den Eingang ins Reich leichter zu machen, die Gränzfestungen von Besatzungen entblößt5, die Soldaten weichlich, und die Gothen klüger gemacht habe. Wir müssen ihm für diese Nachricht viel Dank wissen, sie macht uns die nachherigen, ganz unbegreiflichen Einfälle, und Macht der Barbaren begreiflich. Aber ist sie auch wahr? Leider nur zu sehr! Die Gothen wurden zwar anfangs angegriffen, aber man machte bald Friede mit ihnen, und der Kaiser machte sich bei ihnen sehr angenehm6. Er schlug sie, sagt ein schmeichelnder Kirchenvater, aber er that ihnen nachher wohl7, und schloß ein Bündniß mit ihnen. Nämlich mit den Feinden des Reichs, welche die stärksten, gefährlichsten Neider waren. Mich dünkt, es gehöre [S. 231] wenig Klugheit dazu, diese Völker, noch aus der Regierung des Gallus her, zu kennen; aber nein! der gute, gütige Konstantin gab ihnen Pannonien zum Wohnsitze8, und machte sie zu seinen Bundsgenossen, welche ihm vierzig tausend Mann Hülfe gaben, und dadurch in ihrer Disciplin verbessert werden sollten. Sie wußten diese Gelegenheit auch so gut zu nützen, daß bald darauf die Kaiser aus ihnen ihre besten Generale nehmen mußten. Die römischen Soldaten wurden weichlich und entnervt, die barbarischen gesitteter und klüger. Und damit ja nichts verabsäumt würde, was die Barbaren dem Staate immer gefährlicher machen könnte, so erhob Konstantin die Vornehmsten derselben zu hohen Ehrenstellen, und, um den König der Gothen zu gewinnen, setzte er ihm eine öffentliche Statue zu Konstantinopel9. Sonst gewinnt man die Feinde durch Armeen. Konstantin wußte etwas bessers, er schlägt die Feinde des Reichs mit Reichthümern, Ehren-Statuen, und Wohlthaten. — Der gute Kaiser! —

Werden Sie dem Zosimus nun bald vergeben, daß er die Politik des großen Konstantin durchaus nicht lobenswürdig findet? Welchem werden Sie nun wohl den Vorzug in der politischen Geschichte geben, dem tadelnden Zosimus? oder den [S. 232] einfältigen Lobrednern? Ich hätte nicht erst fragen sollen, denn beinahe könnte dieses ein Mißtrauen in den gesunden, schlichten Menschenverstand verrathen.

Aber wie? wenn ein Mann von Gelehrsamkeit urtheilt: Konstantin habe die Barbaren wahrscheinlich nur aus Mitleiden im Reiche herumschwärmen, und sich den Unterhalt schaffen lassen10, wie nun? Wollen wir lachen, mein Freund, oder die Wahrheit bedauern? Aus Mitleiden gegen die Feinde sein Reich verwüsten lassen, seine Unterthanen plündern, aus Mitleiden plündern lassen, was soll ich sagen? Und — nein! ich mag hier nicht weiter schreiben.

1: Böcler Hist. Saec. IV. P. C. N. p. 300.
2: 2, 32.
3: Sozom. 2, 49.
4: 2, 31.
5: Sozom. 2, 34.
6: Eutrop. 10, 4.
7: Sozom. 1, 8.
8: Jornandes, de rebus Geticis, cap. 22.
9: Euseb. Leben Konst. 4, 7.
10: Allgemeine Welthist. Theil 17, S. 302.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis

Navigation
. . 1.
. . 2.
. . 3.
. . 4.
. . 5.

Einleitung zu:
Neue Geschichte (Historia nea) (Zosimos (um 500))

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger