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Prof. Heyler, Ueber Zosimus und dessen Glaubwürdigkeit. In: Geschichte des Zosimus. Erster Band und zweiter Band. Aus dem Griechischen zum Erstenmale übersetzt und mit Anmerkungen begleitet von Seybold und Heyler. (Sammlung der neuesten Übersetzungen der Griechischen prosaischen Schriftsteller 10), Frankfurt am Main 1802.
Ueber Zosimus und dessen Glaubwürdigkeit

6.

Bitterer Tadel trift freilich oft Konstantin und Theodosius, und es läßt sich eine gewisse Neigung bei Zosimus nicht ableugnen, mit etwas grellen [S. 19] Farben, vornämlich Konstantins Handlungen zu zeichnen, dessen ruhmvolle Thaten in Schatten zu stellen, und ihn einer boshaften Sinnesart mit Härte zu beschuldigen; auch den Arcadius mit unverdienter Härte wegen seines Blödsinnes durchzuziehen. Kann man ihn in Absicht Konstantins und Theodosius, welche dem Heidenthum am wehesten gethan, nicht ganz freisprechen; so darf man vielleicht auch glauben, daß das starke Gefühl von der Schädlichkeit ihrer Kriegs- und bürgerlichen Einrichtungen und mancher nicht gar rühmlichen Seite ihres Privatlebens nicht ganz ohne Einfluß dabei gewesen. Auf der andern Seite möchte die Mäßigung, welche er beim Lobe Julians, eines von ihm für treflich und groß gepriesenen Kaisers, bemerken lässet; die fast nur im Vorbeigehen eingestreute Bemerkung von dessen Rückkehr zum Heidenthum, und die gänzliche Verschweigung1 seiner zum Nachtheil des Christenthums getroffenen Anstalten, ein starker Beweis von des Geschichtschreibers Partheilosigkeit seyn.

[S. 20] Von trüglicher Auslassung, wovon man nur selten sichere Anzeigen gegen einen Schriftsteller haben kann, dürfte wohl dieses den Zosimus lossprechen, daß er die guten Eigenschaften und rühmlichen Thaten der Christen nicht verschweiget, und tadelnswerthe Handlungen bisweilen übergangen zu haben scheint. Aufs deutlichste ergibt sich aber aus der aufrichtigen Erzählung guter und treflicher Thaten, ja aus ihrem Lobe, daß sein Geist nicht durch Religionsmeinungen verblendet gewesen. Es liegt dieses zwar in der Geschichte jedes christlichen Kaisers und Feldherrn am Tage, vornämlich aber in seinem Urtheil über Stilicho, welchen er nicht nach Art des Eunapius, den Photius dem Stilicho als äußerst aussätzig beschreibt, heruntersezt. Vielmehr folgt er darin dem Olympiodorus, vertheidigt denselben sogar gegen die gewöhnliche Beschuldigung der Christen, als habe er nach dem Kaiserthrone gestrebt. Nicht weniger vertheidigt er dessen Gemahlin Serena gegen den Vorwurf der Verrätherei, welcher Ursache ihres Todes ward, unterläßt aber auch nicht, nach seinen Religionsmeinungen, mit Aeusserungen des Unwillens, beide der Gottlosigkeit gegen die Götter anzuklagen, und ihr Unglück als Wirkung des göttlichen Zornes zu erklären. Nach dergleichen Beweisen von Unpartheilichkeit sollte man nicht so bittere Vorwürfe gegen dessen Glaubwürdigkeit erwarten, als man von denjenigen zu hören gewohnt ist, welche geradehin den Lobsprüchen der christlichen Kirchenschriftsteller, eines Eusebius, Socrates, Sozomenus, Theodoretus [S. 21] Philostorgius, in den Schilderungen Konstantins und anderer, allen Glauben beimessen. Hätten wir größern Vorrath von weltlichen Geschichtschreibern jener Zeiten; wäre Ammians Geschichte unverstümmelt und Zosimus nicht gewissermaßen der einzige, welcher mit Ausführlichkeit über die Begebenheiten des vierten und fünften Jahrhunderts sich verbreitet, man würde anders und sicherlich längstens günstiger von demselben urtheilen.

Man lasse also, nachdem wechselseitiger Religionshaß schläft und man nach den Regeln der historischen Glaubwürdigkeit der Geschichtschreiber frei würdigen darf, auch Zosimus Gerechtigkeit wiederfahren; so wird man, einige Fehler der Dunkelheit, an denen zum Theil vielleicht Abschreiber Schuld haben mögen, eine etwas zu große Bitterkeit im Tadel und etwas Aberglauben abgerechnet, in ihm einen Schriftsteller finden, welcher keine gemeine Beurtheilungskraft, Glaubwürdigkeit und Gewicht genug hat, um forschende Leser würdig zu beschäftigen und in Rücksicht richtiger Darlegung der Ursachen der Begebenheiten, den Namen eines zweiten Polybs zu verdienen.

1: Vielleicht könnte man daher einen Beweis gegen Zosimus nehmen; indem die aufrichtige Erzählung der listigen und fein gewählten Gewaltthätigkeiten Julians gegen die Christen, wenn auch Zosimus Lob an denselben hätte verschwenden wollen, unmöglich eines nur halb unbefangenen Lesers Beifall gewinnen konnte. Sollte Zosim. nicht mit einer gewissen Feinheit den von Horaz dem Dichter gegebenen Rath befolgt haben:
. . . . Et quae
Desperat tractata nitescere posse, relinquit!

 

 

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Einleitung zu:
Neue Geschichte (Historia nea) (Zosimos (um 500))

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger