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Chrysostomus († 407)
Erster Brief an Theodor
(Ad Theodorum lapsum I)

1.

„Wer gibt Wasser meinem Haupte, und meinen Augen Thränenbäche?“1 Dieß Wort steht auch mir nun an, viel mehr noch, als einst jenem Propheten. Denn ich habe zwar nicht um viele Städte, noch um ganze Volksstämme wehmüthig zu klagen, aber um eine Seele, welche vielen solchen Völkerschaften an Werth gleichkommt, ja sie übertrifft.

Denn ist Einer, der Gottes Willen thut, tausend Sündern vorzuziehen, so warst ja auch du vormals höher zu achten als die vielen Tausende von Juden. Und niemand dürfte nun mich schelten, wenn ich mich auch in längeres Wehklagen ergötze als der Prophet und heftigeren Jammer erhöbe. Denn nicht über die Zerstörung jener Städte weine ich, nicht über die Gefangenschaft der Gesetzesübertreter, sondern über die Verödung einer gottgeweihten Seele, über die Verwüstung und den Einsturz eines Tempels Christi. Denn wenn jemand die Zierde deines Geistes, die der Teufel nun weggetilgt, wohl erkannte, als sie noch leuchtete, muß er nicht in jene klagenden Worte des Propheten ausbrechen, wann er nun herkommt und hört, daß Feindeshände das Allerheiligste geschändet, Feuer angelegt und es verbrannt haben, die Engel, die Lade, die Steintafeln, den goldnen Krug? Ja dieses Unglück ist bitterer noch als jenes; denn viel kostbarer ist auch das heilige Geräth, das in, deiner Seele verwahrt [S. 292] gewesen. Heiliger war dieser Tempel als jener; denn nicht von Gold und Silber, sondern von der Gnade des heiligen Geistes erglänzte er, und anstatt der Lade und der Engel hatten Christus und der Vater und der Tröster Wohnung in ihm genommen. Nun aber sind sie weggezogen, nun steht er öd und jener Schönheit und des Schmucks entblößt, der göttlichen, unaussprechlichen Zier entkleidet, alles Schutzes und aller Obhut beraubt; kein Thor mehr und kein Riegel; allen schändlichen und verderblichen Gedanken steht er offen. Will nun Prahlerei, Lüsternheit, Habsucht, oder noch Schlechteres als dieß eindringen — niemand wehrt es.

Vordem aber ist, wie der Himmel all diesem unzugänglich, so auch die Reinheit deiner Gesinnung es gewesen. Unglaublich wird es Vielen dünken, was ich sage, solchen, welche die Verödung jetzt und deine Zerstörung sehen. Deßhalb nun trauere und weine ich, und ich werde damit nicht aufhören, bis ich dich wieder in deiner früheren Herrlichkeit erblicke. Und scheint dieß den Menschen auch unmöglich, Gott ist Alles möglich. Denn Er ists, der den Armen vom Boden erhebt und aus dem Staub den Niedrigen erhöht, um ihn neben Fürsten zu setzen, neben die Fürsten seines Volks. Er läßt die Unfruchtbare in ihrem Hause wohnen, eine Mutter ihrer Kinder froh. Verzweifle also nicht an bester Aenderung. Denn wenn der Teufel so stark gewesen, daß er von jener Höhe der Tugend zur tiefsten Bosheit dich hinabzustoßen vermocht, so wird sich Gott viel stärker noch erweisen, dich zu jener frühern Freiheit wieder empor zu heben und nicht nur in denselben Stand, sondern in einen viel glückseligeren dich wieder einzusetzen. Nur verzage nicht und reiß die Wurzeln guter Hoffnungen nicht aus und thu nicht wie die Ruchlosen. Denn es pflegt nicht die Menge der Sünden Verzweiflung zu bewirken, sondern die Ruchlosigkeit der Seele.

Darum sagt Salomo2 nicht schlechthin: ein jeder, der in die Tiefe der Bosheit geräth, achtet’s nicht, sondern [S. 393] nur der Ruchlose. Denn nur sie werden diesem Unheil hingegeben, wann sie in die Tiefe der Bosheit hinabgekommen. Und dieß ist’s, was sie nicht aufschauen läßt und dahin zurückgehen, wovon sie abgekommen sind. Denn dieser schmähliche Gedanke ist wie ein Halsblock dem Nacken der Seele aufgelegt, er zwingt sie auf den Boden den Blick zu heften und hindert sie aufzuschauen zum Herrn. Ein edler und achtbarer Mann nun wird dieß Holz zerbrechen und den Schergen, der’s ihm aufgelegt, von sich stoßen und mit den Worten des Propheten3 ausrufen: „Wie die Augen der Magd auf die Hände der Gebieterin sich richten, so unsere Augen auf den Ewigen, unsern Gott, bis daß er unser sich erbarme. Erbarme dich unser, Ewiger, erbarme dich unser; denn sehr wurden wir gesättigt mit Schmach.“ Göttlich sind diese Lehren wahrlich und Sätze der höchsten Weisheit: wir sind mit Schmach, heißt es, gesättigt worden, und haben tausend Uebel ertragen. Dennoch werden wir nicht ablassen zum Herrn aufzuschauen und werden zu bitten nicht aufhören, bis wir Gewährung erlangt. Denn dieß zeigt Seelenadel, nicht muthlos zu werden, nicht zu verzagen bei der Menge der andringenden Schrecken, nicht abzulassen, wann das Verlangen oftmals unerfüllt geblieben, sondern auszuharren bis er sich unser erbarme, wie der heilige David sagt.

1: Jerem. 9, 1.
2: Sprüchw. 8, 13.
3: Ps. 122, 2.

 

 

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Einleitung: Erster Brief an Theodor

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger