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Chrysostomus († 407) - Erster Brief an Theodor (Ad Theodorum lapsum I)

10.

Wenn du von Feuer hörest, sollst du nicht meinen, es sei dieß ein solches Feuer wie das irdische. Denn dieses Feuer da verbrennt, was es ergreift, und dann erlischt es. Jenes aber brennet die, so es einmal erfaßt, immerfort und hört niemals auf, und deßhalb wird es das unauslöschliche genannt.

Auch die Sünder müßen nämlich die Unverweslichkeit anziehen, nicht zur Glorie, sondern damit sie eine immerwährende Nahrung für jenes Rachefeuer bilden. Doch wie schrecklich dieses sei, das vermöchte das Wort wohl nimmer darzustellen.

Aber von einem Versuch in kleinen Dingen kann man einige Anschauung jener großen entnehmen. Wenn du dich etwa in einem übermäßig heiß hergerichteten Bad befindest, da denke mir an’s Feuer der Hölle! Und wieder, wenn vielleicht ein hitziges Fieber dich durchglüht, da richte den Gedanken auf jene Flamme hin, und dann wirst du richtig den Unterschied ermessen können. Denn wenn schon ein Bad, ein Fieber uns also quält und außer Fassung bringt, wie wird’s uns ergehen, wenn wir in jenen Feuerstrom hineinfallen, der von dem furchtbaren Richterstuhl ausströmt? Werden wir nicht mit den Zähnen knirschen, überwältigt von jenen Peinen und unausstehlichen Martern? Und niemand wird kommen, uns zu helfen, sondern wir werden laut jammern, wann die Flamme uns heftiger bedrängt: wir werden niemanden gewahr werden als jene, die mit uns Strafe leiden, und die weite Oede.

Was soll man von den Schrecken sagen, die aus der Finsterniß über unsere Seele kommen? Wie nämlich jenes [S. 312] Feuer nicht verzehret, so erleuchtet es auch nicht: denn sonst bestünde keine Finsterniß. Die Bestürzung nun, die daraus für uns entsteht, und das Beben und die Lähmung und die übergroße Verwirrung kann jener Tag allein uns erkennen lassen. Denn viel und mancherlei sind dort die Qualen, und wie Schneegewehe stürmen die Peinen von allen Seiten auf die Seele ein.

Will jemand sagen: Wie kann die Seele gegen eine solche Menge von Peinen bestehen und endlose Ewigkeiten in Strafe durchdauern? Er denke an das, was auf Erden vorkommt, wie manche oft eine lange und schwere Krankheit aushalten. Und wenn sie sterben, so ist nicht die Seele umgekommen, sondern der Leib ist unterlegen, und hätte dieser nicht nachgegeben, so hätte die Seele gequält zu werden nicht aufgehört. Erhält sie also einen unverweslichen und unzerstörbaren Leib, so steht dem kein Hinderniß entgegen, daß die Strafe sich in’s Unendliche erstrecke. Auf Erden zwar kann dieses Zweifache sich nicht verbinden, die Schwere der Strafen meine ich und die Andauer, sondern das eine widerstreitet dem andern, weil die Natur des Leibes zerstörbar ist und beides zugleich nicht erträgt. Kommt aber sodann die Unzerstörbarkeit noch hinzu, so wird dieser Widerstreit ein Ende finden, und beide Uebel werden uns mit großer Gewalt ewiglich peinigen.

Wir dürfen uns demnach jetzt nicht einbilden, daß das Uebermaaß der Qualen unsere Seele zerstören müsse. Ja nicht einmal dem Leib wird in jener Zeit dieß widerfahren können, sondern er wird mit der Seele ewiglich in der Strafe bleiben und keine Gränze gibt es fürder.

Welche Lust und welche Zeit willst du also dieser Strafe, dieser Pein gegenüber setzen? Etwa eine Zeit von hundert oder nochmal so viel Jahren? Aber was ist dieß gegen die endlose Ewigkeit? Was der Traum Eines Tages im ganzen Leben ist, das ist der Genuß der irdischen Lust im Vergleich mit dem zukünftigen Zustand. Gibt es einen, der, um einen schönen Traum zu sehen, immerwährende Strafe sich erwählen möchte? Wer ist so sinnlos, daß er diesen [S. 313] Tausch einginge? Ich will nämlich jetzt gar nichts an der Sinnenlust tadeln und die Bitterkeit, die in ihr liegt, nicht enthüllen. Dieß ist für solche Vorstellungen der rechte Zeitpunkt noch nicht, sondern wann es dir gelungen sein wird, dich davon loszumachen.

Denn jetzt, weil das Leiden an dir haftet, dächtest du, wir schwätzen leere Worte, wenn wir die Lust bitter nannten. Wann du aber durch die Gnade Gottes von dieser Krankheit frei geworden, dann wirst du deutlich sehen, was es Schlechtes um sie sei. Dieses behalten wir darum einer andern Zeit vor und reden jetzt von jenem.

Gesetzt, die Sinnenfreuden seien wahrhaft Freuden, und die Lust sei wahre Lust, und sie habe nichts Widerwärtiges und keinen Tadel an sich, was werden wir von der aufbehaltenen Strafe sagen? Was werden wir dann anfangen, da wir jetzt wie im Schatten und im Bild die Lust genossen, dort aber in Wirklichkeit mit ewigen Peinen büßen werden? Und wir hätten doch in kurzer Zeit den genannten Martern entgehen und den Genuß der aufbehaltenen Güter erlangen können? Denn auch dieß ist ein Werk der göttlichen Erbarmung, daß der Kampf nicht in die Länge sich ausdehnt, sondern in kurzer Frist, in einem Augenblick, entschieden ist (das ist nämlich das gegenwärtige Leben im Vergleich zu jenem), und daß dennoch die Kämpfer in endloser Ewigkeit die Krone der Glorie tragen werden.

Nicht wenig wird die Seelen der Verdammten dann auch dieses foltern, wenn sie daran denken, daß sie in diesen wenigen Tagen Alles recht und gut machen konnten, aber durch ihre Sorglosigkeit sich dem ewigen Elend preisgaben. Damit uns dieß nicht widerfahre, laß uns jetzt aufstehen in der gnadenreichen Zeit, am Tage des Heiles, da die Kraft der Buße noch wirksam ist.

Nicht bloß die angeführten Uebel werden über uns, sind wir leichtsinnig, hereinbrechen, sondern auch andre, noch viel härtere als diese da. Denn diese Leiden allerdings wüthen in der Hölle, und noch schmerzlichere als diese. Aber der Verlust der Güter bringt allein schon solchen Schmerz, solche [S. 314] Betrübniß und Drangsal, daß, wenn auch keine Strafe jene, die hier sündigen, erwartete, dieses für sich schon hinreichend wäre, unsere Seele zu schrecken und heftiger als die Qualen der Hölle zu peinigen.

 

 

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Einleitung: Erster Brief an Theodor

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger