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Chrysostomus († 407) - Erster Brief an Theodor (Ad Theodorum lapsum I)

9.

Laß uns also umkehren, o theures Haupt, und den Willen Gottes vollbringen! Denn deßhalb hat er uns erschaffen und ins Dasein hervorgerufen, um uns der ewigen Güter theilhaftig zu machen, um uns das Reich des Himmels zu geben, nicht um uns in die Hölle zu stürzen und dem Feuer zu übergeben. Denn dieses ist nicht unsertwegen, sondern um des Teufels willen da; uns aber ist die Herrlichkeit zugedacht und von Anbeginn her bereitet. Dieß hat er beides angedeutet, indem er jenen, die zur Rechten stehen, sagt1: „Kommet, ihr Gebenedeiten meines Vaters, besitzet das Reich, welches seit Grundlegung der Welt für euch bereitet ist“, dagegen jenen, welche zur Linken stehen: „Weichet von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, welches bereitet ist“, nicht „für euch“ spricht er nun, sondern „für den Teufel und seinen Anhang.“ So ist also die Hölle nicht um unsertwillen da, sondern wegen des Teufels und wegen seines Anhangs. Das Reich aber ist vor der Gründung der Welt für uns bereitet.

Machen wir uns also doch nicht selber des Eintrittes in den Hochzeitssaal unwürdig! Denn so lange wir hienieden sind, vermögen wir uns von Allem rein zu waschen, wenn wir über die begangenen Sünden Reue zeigen. Sind wir aber einmal von da hinweggenommen, so wird es uns nichts mehr nützen, wenn wir auch die strengste Buße übernehmen wollten. Wenn wir dann mit den Zähnen knirschen und wehklagen und noch so flehentlich bitten: niemand wird uns auch nur mit einem Wassertropfen in den Flammen kühlen, sondern wir werden dieselbe Erwiderung hören wie jener Reiche dort: „Eine große Kluft ist zwischen uns und euch befestigt.“2 Entsagen wir also doch hienieden den thö- [S. 308] richten Lüsten, wenden wir uns mit Vertrauen zu unserm Herrn, wie es sich gebührt. Denn erst dann dürfen wir der Hoffnung auf die Buße entsagen, wenn wir einmal in der Hölle wären. Denn bloß dort ist diese Arznei kraftlos und unnütz. So lang wir aber in dieser Welt sind, erweist sie eine kräftige Wirkung, selbst wenn sie erst im hohen Alter angewendet wird. Es setzt deßhalb auch der Teufel Alles in Bewegung, um den Gedanken der Verzweiflung uns einzupflanzen.

Denn er weiß es, daß, wenn wir auch nur eine kleine Buße wirken, unser Werk nicht unbelohnt bleibt; sondern wie für einen dargereichten Trunk Wasser die Vergeltung aufbehalten ist, ebenso wird der, welcher Buße wirkt für die begangenen Sünden, wenn er auch keine Buße vollbringt, welche die Große und Schwere der Sünden völlig aufwiegen könnte, dennoch ebendafür die gebührende Belohnung empfangen.

Denn gar kein gutes Werk, wie gering es auch sei, wird von dem gerechten Richter übersehen werden. Wenn schon die Sünden mit so strenger Sorgfalt gewogen werden, daß wir auch für Worte und Gedanken Strafe leiden müßen, so werden noch viel mehr die guten Werke, mögen sie dann groß sein oder gering, zu jener Zeit uns in Anrechnung gebracht werden. Wenn du also auch nicht gerade zur Vollkommenheit wieder emporzuklimmen vermagst, sondern eben nur einigermassen dich der gegenwärtigen Krankheit und Zügellosigkeit entledigest, so wird auch dieß nicht nutzlos seyn. Nur mache einmal einen Anfang mit dem Unternehmen und wag’ es auf dem Kampfplatz aufzutreten. So lang du draußen bleibst, muß es dir allerdings schwierig und unausführbar dünken. Denn vor dem Versuch bieten uns die Arbeiten, wenn sie auch in Wahrheit nur geringe Anstrengung und Kraft erheischen, dennoch insgemein den entmuthigenden Anschein großer Mühseligkeit dar. Haben wir uns aber einmal daran gewagt, einen Versuch zu machen, so verschwindet der größte Theil der Schwierigkeit, und der Muth, der sich anstatt des Bebens und Verzagens eingefunden, mindert [S. 309] die Furcht, mehrt die Freudigkeit und befestigt die guten Hoffnungen.

Deßhalb hat auch den Judas der böse Feind aus diesem Leben fortgenommmen, daß er nicht, in der eingeschlagenen Richtung beharrend, mittelst der Reue wieder zu derselben Würde gelangen möchte, welche er verloren hatte. Denn erscheint es auch befremdlich, was ich ausspreche, ich getraue mir zu behaupten, daß nicht einmal jene Sünde größer gewesen wäre, als die Hilfe, welche die Buße uns gewährt.

Darum bitte ich dich flehentlich, alle teuflischen Eingebungen aus der Seele zu verdrängen und nach diesem Heile hin wieder umzukehren. Denn wenn ich sagte, du solltest auf einmal und alsbald jene Höhe wieder erklimmen, so könntest du mit Recht mißmuthig werden, als läge eine übermäßige Schwierigkeit darin. Wenn ich aber für jetzt nur so viel verlange, daß du zu den schon bestehenden Uebeln nicht noch andere fügest, sondern daß du dich aufmachest und von nun an wiederum den entgegengesetzten Weg betretest: was zagest du und zauderst und ziehest immer weiter dich zurück? Hast du keine solchen gesehen, die in Schwelgen und Zechen, in Lustbarkeiten und in jeglicher Ausgelassenheit des Lebens hingeschieden sind? Wo sind sie nun, sie, die mit so viel Pomp, mit so großem Gefolg stolz über die öffentlichen Plätze dahinschritten? sie, die in Seide gekleidet waren, von Salben dufteten, hungrige Schmeichler fütterten und an den Schauspielen fortwährend sich ergötzten? Wo ist nun dieß ihr eitles Gepräng? Dahin sind die köstlichen Mahle, dahin sind die zahlreichen Spielleute und die geschäftigen Schmeichler, aufgehört hat das immerwährende Lachen, aufgehört haben die Ausschweifungen der Seele, die Zerstreuungen der Sinne, das weichliche, zügellose und üppige Leben. Wohin ist jetzt all dieses gekommen? Was ist aus dem Leib geworden, der solcher Pflege, solchen Putzes genoß? Tritt hin ans Grab, betrachte den Staub, die Asche, die Würmer, betrachte die widerwärtige Stätte und seufze bitterlich! Ja wenn mit der Asche der Verfall [S. 310] nur auch sein Ende erreicht hätte! Aber richte nun die Gedanken vom Grab und von den Würmern hinweg auf jenen Wurm, der nicht erstirbt, auf jenes Feuer, das nicht erlischt, auf jenes Zähneknirschen, auf jene äußerste Finsterniß, auf den schmalen Weg und die enge Pforte, auf das Gleichniß von Lazarus und dem reichen Prasser, der so viel Reichthum besessen und in Purpur sich gekleidet hatte und dennoch nicht einen Tropfen Wasser bekam, obschon er sich in großer Pein befand.

Die irdischen Freuden sind um nichts besser als ein Traum. Wie nämlich die Zwangsarbeiter in den Bergwerken oder solche, die eine andere noch härtere Strafe erstehen, wenn sie nach jenen vielen Mühen und ihrer bitteren Zwangsarbeit einschlummern und nun im Traume sich in Bequemlichkeit und Ueberfluß versetzt finden, dem Traume nach dem Erwachen nicht den geringsten Dank wissen, so mußte auch jener reiche Prasser, nachdem er im gegenwärtigen Leben wie in einem Traum den Reichthum genossen, nach seinem Hinscheiden jene bitteren Qualen leiden. Dessen gedenke und halte jenes Feuer der Gluth der Leidenschaften entgegen, welche dich jetzt verzehrt; so magst du aus dem Feuer dich erretten. Wer dieses Feuer hier kräftig auslöscht, der hat das ewige Feuer nicht zu empfinden; wer aber dieses nicht überwältiget, den wird um so heftiger dann jenes Feuer peinigen, wenn er hingeschieden.

Wie lange wird wohl, meinst du, der Genuß des gegenwärtigen Lebens dir vergönnt sein? Ich glaube nicht, daß mehr als fünfzig Jahre dir noch übrig sind, wenn du das höchste Alter erreichest; ja auch dieses ist uns nicht gewiß. Denn wenn wir nicht einmal bis zum Abend das Leben uns mit Zuversicht versprechen dürfen, wie könnten wir uns so vieler Jahre versichern? Und nicht allein dieses ist ungewiß, sondern auch der Wechsel des Glückes. Denn häufig dehnt sich zwar das Leben lang hinaus, nicht aber auch zugleich die Wohlfahrt; vielmehr zerrinnt dieselbe oft in nichts, kaum daß sie eben eingetreten.

Aber auch angenommen, du lebest so lange Jahre [S. 311] und erfahrest keinen Umschlag des Glückes, was sind die zeitlichen Freuden gegen die endlose Ewigkeit und gegen jene schmerzlichen und unerträglichen Peinen? Denn auf Erden nimmt Freud und Leid ein Ende, und zwar bald; jenseits aber dehnt sich das eine wie das andere über eine endlose Ewigkeit aus, und zudem sind die Zustände in jener Welt in ihrem Wesen unaussprechlich weit von den gegenwärtigen verschieden.

1: Matth. 25, 34.
2: Luc. 16, 26.

 

 

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Einleitung: Erster Brief an Theodor

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger