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Chrysostomus († 407) - Erster Brief an Theodor (Ad Theodorum lapsum I)

7.

Deßwegen ist uns ein lebhafter Eifer durchaus vonnöthen und eine feste Entschiedenheit. Und wenn wir unser Gewissen so ordnen, daß wir mit jener Entschiedenheit die frühere Bosheit verabscheuen und den entgegengesetzten Weg verfolgen, mit der Gott es will und fordert, so wird die Kürze der Zeit uns kein Schaden sein; ja Viele, welche die Letzten gewesen, haben sogar die Ersten weit übertroffen. Denn nicht der Fall ist schon das Schlimmste, sondern vielmehr dieß, daß einer nach dem Fall liegen bleibt und nicht aufsteht, sondern vorsätzlich in der Bosheit verharrend und der Trägheit sich ergebend die Kraftlosigkeit seines Vorsatzes in die Gedanken der Verzweiflung einhüllt. Zu ihnen redete unmuthsvoll der Prophet1: „Soll denn der, welcher fällt, nicht wieder aufstehen, oder soll der, welcher sich abgewendet, nicht zurückkehren?“ Verlangst du aber von mir die Anführung solcher, welche, nachdem sie einmal gläubig geworden, wieder abfielen, so findet in der That alles dieses auf sie Anwendung; denn wer fällt, der ist zuvor gestanden, nicht schon darnieder gelegen; wie könnte er denn sonst fallen? Ueberdieß kann noch Anderes angeführt wer- [S. 304] den, theils in Gleichnissen, theils in klareren Thatsachen und Worten.

Jenes Schäflein nämlich, welches von den neun und neunzig sich getrennt hatte, hernach aber wiederum zurückgebracht wurde, deutet uns nichts anderes an, als den Abfall und die Umkehr der Gläubigen. Denn das Schäflein gehörte nicht etwa zu einer fremden Heerde, sondern zur Schaar der übrigen. Es weidete znvor unter der Obhut des Hirten und verlief sich dann in die Irre, nicht etwa auf einem nahen und ebenen Pfade, sondern auf die Berge und in die Wälder, das heißt, weit fort auf einem Weg, der von dem rechten Wege gänzlich sich entfernte. Und er, ließ er es nun in der Irre laufen? Mit nichten, sondern er brachte es zurück, nicht mit Stößen und Hieben, sondern indem er es auf seine Schultern nahm.

Wie nämlich ein kluger Arzt den, welcher an einer langwierigen Krankheit leidet, mit großer Sorgfalt der Genesung entgegenführt, indem er nicht nur nach den Gesetzen der Heilkunst ihn behandelt, sondern sich auch zuweilen nachgiebig gegen ihn bezeigt: so leitet auch Gott jene, die in tiefem Verderben stecken, nicht mit gewaltsamer Heftigkeit zur Tugend hin, sondern sanft und allmählig und mit vielfacher Langmuth, damit nicht die Kluft noch größer werde oder die Verirrung noch weiter gehe.

Doch weiset nicht bloß dieses Gleichniß darauf hin, sondern auch jenes vom Verlornen Sohn.2 Denn auch er war kein Fremdling, sondern ein Kind des Hauses, ein Bruder des dem Vater wohlgefälligen Sohnes. Er war ferners nicht bloß in einen geringen Fehler gefallen, sondern so zu sagen bis zur äußersten Grenze der Schlechtigkeit gekommen. Er, der reiche, freie, edelgeborne, gerieth in eine elendere Lage als ein Knecht, ein Fremdling oder ein Taglöhner. Dennoch gewann er wieder seinen ursprünglichen Stand und trat wieder in seine frühere Ehre [S. 305] ein. Hätte er aber an seinem Leben verzweifelt, wäre er, allen Muth im Unglück verlierend, im fremden Land geblieben, so hätte er nimmer gewonnen, was er gewann, sondern er wäre vor Hunger verschmachtet und hätte die jammervollste aller Todesarten erleiden müßen. Da er aber Reue faßte und nicht verzweifelte, erlangte er den nemlichen Glanz des Glückes wieder, nachdem er so großes Elend ausgestanden; er wurde angethan mit dem schönsten Gewand und bekam es besser, als sein Bruder, der nie gefallen war. Denn dieser spricht: „So viele Jahre diene ich dir und niemals habe ich dein Gebot übertreten; dennoch hast du mir nie ein Böcklein gegeben, daß ich mit meinen Freunden ein Freudenmahl hätte halten können. Nachdem aber dieser dein Sohn, der sein Vermögen mit Buhlerinnen verschwendet hat, gekommen ist, da hast du ihm das gemästete Kalb schlachten lassen.“ So viel vermag die reumüthige Buße.

1: Jerem. 8, 4.
2: Luk. 15, 11 ff.

 

 

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Einleitung: Erster Brief an Theodor

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger