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Chrysostomus († 407) - Erster Brief an Theodor (Ad Theodorum lapsum I)

6.

So ist es nemlich um die Barmherzigkeit Gottes beschaffen. Niemals verschmäht er die aufrichtige Buße, sondern wenn einer auch bis an die äußerste Grenze der Bosheit gegangen ist und von da wieder auf den Pfad der Tugend zurückzukehren sich vorsetzt, so nimmt er ihn gnädig auf und wendet Alles an, um ihn in den frühern Zustand wieder einzusetzen. Ja noch weiter reicht seine Erbarmung: wenn einer nicht vollständig genugthuende Buße leistet, so weist er auch eine kurze und in geringerem Maaß geleistete nicht von sich, sondern auch ihr ist ein großer Lohn ausgesetzt. Dieß geht hervor aus dem, was der Prophet Jesaias über das Volk der Juden ungefähr in folgenden Worten sagt1: [S. 302] „Um seiner Sünde willen zürnte ich ihm kurze Zeit und schlug es und wandte mein Angesicht von ihm ab, und es ward betrübt und ging trauernd dahin; ich aber heilte es wieder und tröstete es.“

Auch jener gottlose König (Achab) kann uns hiefür Zeugniß geben, der durch sein Weib zu Sünden verleitet worden. Sobald er aber nur Neue bezeugte und in das Bußgewand sich hüllte und seine Missethaten verabscheute, fand er in so reichlichem Maaß Erbarmung, daß ihn Gott mit allen ihm angedrohten Strafen verschonte. Denn so sprach Gott zu Elias2: „Hast du gesehen, wie Achab zerknirscht ist vor meinem Angesicht? Ich will die Strafe nicht verhängen in seinen Tagen, weil er geweinet hat vor meinem Angesicht.“

Und nach diesem wieder ist Manasses, welcher alle an Thorheit übertroffen, den gesetzlichen Opferdienst tyrannischer Weise abgeschafft, den Tempel zugesperrt, die Verirrung des Götzendienstes zur Blüthe gebracht und gottloser gewesen als alle früheren Könige, endlich noch unter die Freunde Gottes gezählt worden, nachdem er später Buße gewirkt hatte.3 Hätte er aber in Anbetracht der Größe seiner Sünden der Bekehrung und der Sinnesänderung entsagt, so wäre er aller Güter verlustig gegangen, die er hernach erlangt hat. Nun aber richtete er anstatt auf das Uebermaaß seiner Sünden sein Auge auf die unbegränzte Barmherzigkeit Gottes, zerbrach die Fesseln des Teufels, richtete sich auf und kämpfte und vollendete seinen herrlichen Lauf.

Doch nicht bloß durch das, was an diesen Königen geschah, sondern auch durch die Worte des Propheten schneidet Gott alle Gedanken der Verzweiflung ab, indem er also spricht4: „Wenn ihr heute seine Stimme höret, so verhärtet euer Herz nicht, wie bei jener Erbitterung.“ Das Wort „Heute“ kann man aber im ganzen Leben sagen; ja, [S. 303] wenn du willst, selbst in hohem Alter noch. Denn nicht nach der Länge der Zeit, sondern nach der Stimmung der Seele wird die Buße gemessen.

So brauchten auch die Nineviten nicht viele Tage, um ihre Sünde zu tilgen; sondern es genügte die kurze Zeit eines Tages, um ihre ganze Missethat gut zu machen. Auch der Schächer erwirkte sein Eingehen in das Paradies nicht in einer langen Zeit. Sondern so lang als einer braucht, um ein Wort auszusprechen, so viel nur bedürfte er, um die Sünden seines ganzen Lebens abzuwaschen, und noch früher als die Apostel den Preis der Auserwählung zu erlangen. Ebenso sehen wir, daß die Märtyrer nicht in vielen Jahren, sondern in wenigen Tagen und oft auch an einem einzigen Tag die herrlichen Kronen, errungen haben.

1: Jes. 57, 17.
2: III. Kön. 21, 28.
3: I. Chron. 33, 1—13.
4: Ps. 94, 8.

 

 

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Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Erster Brief an Theodor

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger