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Chrysostomus († 407) - Erster Brief an Theodor (Ad Theodorum lapsum I)

5.

Wollte Jemand gegen uns hierüber einen Zweifel erheben, so können wir es aus dem Wort Gottes bekräftigen. So antworte mir denn, wer ist gottloser gewesen als Nabuchodonosor, der König der Babylonier? Dieser hatte einen so großen Beweis von Gottes Macht erhalten, daß er vor seinem Propheten auf sein Angesicht niederfiel und demselben Opfer und Wohlgerüche darzubringen befahl1: dann verfiel er aber wieder in den vormaligen Hochmuth und warf jene, die ihn nicht höher ehrten als Gott, gebunden in den Feuerofen. Aber dessenungeachtet fordert Gott ihn, den grausamen und ruchlosen, ihn, der eher ein Thier als ein Mensch zu nennen war, noch zur Buße auf und bietet ihm auch noch andere Anläße zur Gesinnungsänderung dar, nemlich zuerst das Wunder, das im Feuerofen vorgegangen, und nachher das Gesicht, das der König geschaut, Daniel aber ihm ausgedeutet, ein Gesicht, das auch eine Seele von Stein hätte beugen können; und zudem, nach diesen Ermahnungen durch die Thatsachen, richtete der Prophet selbst an ihn seinen Rath, indem er sprach:2 „Deßhalb, o König, möge dir mein Rath gefallen, und tilge deine Sünden durch Almosen und deine Missethaten durch Mildthätigkeit gegen die Armen; vielleicht findet sich noch Langmuth für deine Vergehen.“ Was sagst du nun, o Weiser und Trefflicher? Ist nach einem solchen Abfall noch eine Rückkehr möglich? und nach solcher Krankheit noch Ge- [S. 299] sundheit? und ist nach solchem Wahnsinn noch eine Hoffnung auf gesunden Verstand statthaft?

Alle Hoffnung hatte der König sich im voraus abgeschnitten, erstlich indem er jenen, welcher ihn erschaffen und zu jener Würde erhoben, nicht erkannte, obgleich er viele Beweise von dessen Macht und Fürsehung aufzuführen hatte, die sich in seinen Tagen und in den Zeiten seiner Vorältern ergeben hatten. Nachdem er hierauf wiederum handgreifliche Zeichen von dessen allwaltender Weisheit erhalten und die Zauberei, die Sterndeuterei und allen Aufwand teuflischen Blendwerks vereitelt gesehen hatte, da beging er noch schwerere Sünden als zuvor. Nemlich was ihm jene weisen chaldaeischen Zauberer nicht auszudeuten vermochten, wovon sie vielmehr gestehen mußten, daß es für menschliche Kräfte zu hoch sei, das ließ Gott durch einen gefangenen Knaben (Daniel) ihm enthüllen und brachte durch dieses Wunder ihn dahin, daß er nicht nur glaubte, sondern allen Ländern diese Wahrheit verkündete und offen lehrte: so daß er wegen seiner Unkenntniß über Gott zwar auch nicht entschuldbar gewesen, bevor er jene Zeichen erhielt, noch viel weniger aber nach jenem Wunder, nach seinem Bekenntniß und nach jener Verkündung an andere. Denn hätte er es nicht völlig geglaubt, daß einzig dieser Gott wahrer Gott ist, so hätte er ja doch nicht dem Diener desselben so große Ehre erwiesen, noch auch den übrigen solche Befehle gegeben. Aber dennoch fiel er nach einem solchen Bekenntniß wieder in Götzendienst, und er, der auf sein Angesicht niedergefallen war, um den Diener Gottes zu verehren, er gerieth in solchen Irrwahn, daß er die Diener Gottes, die ihn nicht anbeteten, in den Feuerofen werfen ließ. Wie nun? hat Gott Rache genommen an dem Abtrünnigen, wie es ihm gebührte? Mit nichten. Vielmehr gab er ihm noch augenscheinlichere Beweise seiner Macht, indem er ihn nach so schweren Verirrungen wieder auf den frühern Stand zurückbrachte. Ja, und dieß ist noch wunderbarer, damit den geschehenden Wundern wegen ihrer Ueberschwänglichkeit nicht wiederum der Glauben verweigert würde, wirkte er das Zeichen gerade an dem Feuer- [S. 300] ofen, den er für die Knaben angezündet, welche er binden und hineinwerfen ließ. Die Flamme auszulöschen, das schon wäre wunderbar und außerordentlich gewesen; aber um noch größere Furcht einzuflößen und um das Staunen zu erhöhen und um all seine Verblendung wegzunehmen, that der Barmherzige noch etwas Größeres und Außerordentlicheres. Nemlich er ließ es geschehen, daß jener ein so großes Feuer entzündete, als er nur wollte; nun aber zeigte er seine Macht, nicht indem er etwa die Veranstaltungen der Feinde zerstörte, sondern indem er sie bestehen ließ und doch erfolglos machte. Damit aber niemand, der sie das Feuer überwinden sah, dieß für Schein und Trug halten konnte, ließ er es zu, daß die Diener, die jene hineinwarfen, verbrannten, und bewies dadurch, daß jenes, was man sah, wahrhaftig Feuer war. Denn sonst hätte es nicht Pech und Werg und Reisig und so viele Menschen verzehrt. Mächtiger aber als sein Gebot ist nichts, vielmehr ist die gesammte Natur dem Willen dessen gehorsam, der sie ans dem Nichtsein in das Sein gerufen. Dieß nun hat sich auch da ausgewiesen, indem die Flamme die Leiber, die ihr zerstörbar hingegeben worden, gleich unzerstörbar nicht berührte, sondern das anvertraute Gut unbeschädigt zurückgab, und zwar mit großer Verherrlichung. Denn wie Könige aus ihrer Burg, so gingen jene Knaben aus dem Feuerofen heraus, während niemand mehr auf den König hinschauen mochte, sondern alle ihre Augen von jenem hinweg auf das unerwartete Schauspiel richteten; und weder die Krone, noch der Purpur, noch der übrige königliche Schmuck zog die Menge der Abgöttischen so sehr an, als der Anblick jener Gottesdiener, welche zwar eine geraume Zeit im Feuer gewesen, aber aus demselben so hervorgegangen waren, wie wenn einem etwa im Traume solches widerführe. Denn sogar das, was am leichtesten an uns versehrt wird, die Haare, auch das widerstand damals fester als Diamant der Alles fressenden Flamme. Und nicht bloß darin bestand das Wunderbare, daß ihnen, mitten in das Feuer hinein geworfen, nichts geschah, sondern auch darin, daß sie unversehrt blieben, obwohl sie fort und fort mit [S. 301] lauter Stimme redeten. Es wissen aber Alle, die Verbrennende gesehen haben, daß man wenigstens eine kurze Zeit dem Brande widerstehen kann, wenn man die Lippen schließt, wogegen die Seele sogleich aus dem Leibe entflieht, sobald der Mund geöffnet wird.

Nach so viel Wundern, während Alle, die zugegen waren und zusahen, überaus erstaunten, die Abwesenden aber schriftliche Nachricht darüber erhalten hatten, ist dennoch der König, der Anderen Belehrung gegeben, selbst ungebessert geblieben und wiederum zur früheren Bosheit zurückgekehrt. Aber auch jetzt strafte Gott ihn noch nicht, sondern gewährte ihm noch immer. Nachsicht, durch Träume und durch den Propheten ihn warnend. Als er aber durch alles dieses um nichts besser wurde, da endlich ließ Gott die Strafe ergeben, nicht um Rache zu nehmen für das Geschehene, sondern um die künftigen Sünden abzuschneiden und das weitere Vorschreiten der Bosheit zu hemmen: und zwar nicht eine immerwährende Strafe, sondern, nachdem er ihn einige Jahre gezüchtigt, setzte er ihn wieder in seine vorige Würde ein, so daß er einerseits durch die Strafe keinen Schaden litt, andererseits aber das größte aller Güter gewann, nemlich Befestigung im Glauben an Gott und Reue über seine früher begangenen Sünden.

1: Dan. 2, 46.
2: Dan. 4, 24.

 

 

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Einleitung: Erster Brief an Theodor

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger