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Chrysostomus († 407) - Erster Brief an Theodor (Ad Theodorum lapsum I)

4.

Du wende mir nun dieses nicht bloß auf solche an, welche etwa nur geringe Sünden begangen haben; sondern ge- [S. 297] setzt auch, es wäre einer jeglicher Bosheit voll, und er hätte Alles gethan, was vom Himmelreich ihn ausschließt, und dieser wäre noch dazu nicht etwa von Anfang an ein Ungläubiger, sondern früherhin ein Gläubiger gewesen und einer von jenen, auf welchen Gottes Wohlgefallen geruht, späterhin aber ein Unreiner, ein Ehebrecher, em Weichling, ein Dieb, ein Trunkenbold, ein Lästerer geworden und anderes dergleichen, auch er darf nicht an seinem Heil verzweifeln, wenn er auch bis ins höchste Alter in dieser unsäglichen und schweren Bosheit verharrt wäre. Denn wäre Gottes Zürnen eine Leidenschaft, ja dann müßte einer wohl verzweifeln, jene Flamme auslöschen zu können, welche er durch so viele Sünden entzündet. Das göttliche Wesen ist nun aber ohne Leidenschaft; wenn er straft und wenn er züchtigt, so geschieht es nicht mit Zorn, sondern mit Fürsorge und mit großer Liebe. Deßhalb muß man Vertrauen haben und auf die Kraft der Buße bauen. Denn nicht um seinetwillen nimmt er Rache an jenen, welche gegen ihn gesündigt haben (es kann ja in seine Wesenheit keine Beschädigung eindringen); sondern er beabsichtigt unser Bestes und will, daß unser Wandel nicht noch schlechter werde, indem wir uns in der Mißachtung und Gleichgiltigkeit gegen ihn befestigen. Wer sich außer das Licht stellt, der thut demselben keinen Abbruch; sich selber aber fügt er den größten Schaden zu, indem er sich in Finsterniß einschließt: ebenso kann jener, der sich gewöhnt, diese allgewaltige Macht zu mißachten, ihr keinen Schaden dadurch anthun, sich selber aber wird er immerhin den größten Verlust zuziehen. Und deßhalb droht uns Gott seine Strafe an, und läßt sie oft auch eintreten, nicht um sich zu rächen, sondern um uns zu sich hin zu ziehen. Auch der Arzt fühlt sich durch die Unbilden solcher, die nicht bei Sinnen sind, nicht beleidigt noch gekränkt: ohne darauf zu achten, läßt er es sich auf jede Weise angelegen sein und bietet Alles auf, um sie von ihrem üblen Verhalten abzubringen, wobei er nicht auf den eigenen Vortheil sieht, sondern auf ihren Nutzen, und wenn sie wieder ein wenig gesunden Sinn uud Geisteshelle beweisen, ist er hoch erfreut und wendet mit [S. 298] neuem Eifer die Heilmittel an, nicht um sich wegen der früheren Begegnung an ihnen zu rächen, sondern um ihre Wohlfahrt zu fördern und sie zu völliger Gesundheit zurückzubringen.

Ebenso wendet Gott, wenn wir bis zur äußersten Thorheit uns verirrt haben, in Wort und Werk Alles auf, nicht um das Geschehene zu ahnden, sondern um von der Krankheit uns zu befreien; und dieß läßt sich auch schon aus richtiger Betrachtung genügend ersehen.

 

 

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Einleitung: Erster Brief an Theodor

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger