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Chrysostomus († 407) - Erster Brief an Theodor (Ad Theodorum lapsum I)

16.

Weil der Teufel weiß, daß jene, die viel Böses gethan haben, wenn sie anfangen sich zu bekehren, hieran mit großer Kraft arbeiten, indem sie ihrer Vergehungen sich bewußt sind, darum ist er in Furcht und ängstlichen Sorgen, sie möchten die Arbeit je einmal anfangen. Denn haben sie einmal Hand ans Werk gelegt, so sind sie fürder unaufhaltsam, und in der Buße wie in einem Feuer erglühend, wirken sie in ihrer Seele eine Reinigung, welche das geläuterte Gold übertrifft, indem sie von ihrem Gewissen und von der Erinnerung an die vorigen Sünden wie durch einen starkwehenden Fahrwind zum Hafen der Tugend hingetrieben werden. Das ist’s, was sie vor denen voraus haben, die nie gefallen sind, daß sie thatkräftigern Muth erweisen, wenn sie, wie gesagt, nur einmal ans Werk gegangen sind.

Das Schwierige und Mühsame ist dieses, wie man die Schwelle der Buße betreten und in die Vorhalle eindringen möge, wie man da den Kampfmuth athmenden und streitbaren Feind wegdrängen und überwinden könne. Hernach aber [S. 334] ist er einmal besiegt und von da vertrieben, wo er sich festgesetzt hatte, wird auf der einen Seite er keine so heftige Wuth mehr zeigen, und auf der andern Seite werden wir an Standhaftigkeit gewinnen und mit großer Leichtigkeit auf der glorreichen Bahn dahinlaufen.

Ergreifen wir darum nur einmal die Umkehr wieder! Laufen wir zurück in die Stadt im Himmel, in der wir eingeschrieben sind, in der wir angewiesen sind uns aufzuhalten. An uns selber zu verzweifeln, das bringt nicht allein diesen Schaden, daß es uns die Pforten jener Stadt verschließt, oder daß es uns in noch größere Fahrläßigkeit und Gleichgiltigkeit stürzt, sondern es führt uns sogar zu satanischer Raserei. Auch der Teufel ist bloß dadurch so geworden, daß er anfänglich verzweifelte und darnach aus der Verzweiflung in diese ohnmächtige Wuth verfiel. Denn wenn die Seele einmal ihr Heil verloren gibt, so merkt sie es gar nicht mehr, wie sie abwärts stürzt, indem sie Alles denkt und thut, was ihrem Heile widerstreitet.

Wie die Rasenden, wenn sie einmal aus dem gesunden Zustand hinausgekommen sind, keine Furcht und keine Scheu mehr kennen, sondern tollkühn Alles wagen, mögen sie auch ins Feuer oder ins Meer oder in einen Abgrund stürzen, so kann man auch jenen, die vom Wahnsinn der Verzweiflung ergriffen sind, keinen Einhalt mehr thun, indem sie in allen Arten der Bosheit sich ergehen; und wenn nicht der Tod kommt, um sie in ihrem Wahnsinn, in ihrem Sturze aufzuhalten, so fügen sie sich selbst unermeßbaren Schaden zu.

Darum ermahne ich dich, ehe du noch tiefer in diesen Rausch versinkst, nüchtern zu werden und aufzuwachen und die satanische Betäubung wegzustoßen, womöglich auf einmal, oder doch langsam und allmählig. Denn es erscheint mir leichter, aus allen fesselnden Stricken mit einem Mal sich loszureißen und auf den Uebungsplatz der Buße einzutreten. Wenn dir aber dieses schwierig vorkömmt, so magst du in irgend einer Art den Weg betreten, der zum Bessern führt, nur betritt ihn und ergreife das ewige Leben. Ich bitte und beschwöre dich bei der vormaligen Bewährtheit, [S. 335] bei jener trostreichen Zuversicht, daß wir dich wieder auf der gleichen Höhe, in der nämlichen Thatkraft sehen möchten! Schone derer, die um deinetwillen Aergerniß gelitten, zu Fall gekommen, lauer geworden und den Weg der Tugend aufgegeben. Jetzt herrscht Bestürzung in der Schaar der Brüder, Freude und Frohlocken aber auf Seiten der Ungläubigen und bei den Jungen und Schwachen. Nimmst du aber die Zucht deiner frühern Lebensweise wieder auf dich, so wird, umgekehrt, unsere Beschämung alle Jenen zufallen, wir aber werden mit großem Trost erfüllt sein, da wir dich wieder mit größerer Ehre gekrönt und vom Herold gepriesen sehen. Solche Siege bringen ja Ruhm und Freunden in reicherem Maaß. Denn du wirst nicht nur die Belohnung für deine eigenen Tugendwerke empfangen, sondern du wirst auch als ein Vorbild zur Aufrichtung und Tröstung Anderer dastehen, damit jene, die etwa in das gleiche Unglück gerathen, wieder aufstehen und sich selbst wieder finden. Laß solchen Gewinn nicht unbeachtet, und beug unsere Seele nicht in Betrübniß bis zum Sterben nieder, sondern gönn es uns, daß wir aufathmen und das düstre Gewölk der Betrübniß um dich abschütteln. Jetzt vergessen wir die eigenen Uebel und beweinen dein Mißgeschick. Willst du aber Besinnung fassen und die Augen aufthun und zum Streit der Engel dich einreihen, so wirst du nicht allein dieses Leides uns entledigen, sondern auch unserer eigenen Gebrechen den größten Theil hinweg nehmen. Stelle dir das nicht als unmöglich oder überaus beschwerlich vor; denn daß einer wieder sich bekehrend nach der Buße noch glänzend und hell leuchten kann, ja mehr noch als solche, die gar nicht gefallen sind, das haben wir sogar aus der göttlichen Schrift bewiesen. In diesem Sinn erben auch die Zöllner und die Buhlerinnen das Himmelreich; so werden Viele von den Letzten vor die Ersten zu sitzen kommen.

 

 

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Einleitung: Erster Brief an Theodor

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger