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Chrysostomus († 407) - Erster Brief an Theodor (Ad Theodorum lapsum I)

14.

Ich weiß es, daß du jetzt von der Schönheit der Hermione eingenommen bist und daß du nichts auf Erden ihrer Wohlgestalt gleich achtest. Aber wenn du willst, o Freund, so wirst du sie um so viel an Schmuck und blühender Schönheit übertreffen, als goldene Standbilder vorzüglicher sind als lehmene. Denn wenn die Schönheit des Leibes die Gemüther der Meisten so in Leidenschaft und Aufruhr versetzt, was könnte dann noch jener Schönheit gleich gestellt werden, die von der Seele ausstrahlet? Das Wesen der leiblichen Schönheit ist ja nichts anderes als Schleim, Blut, Feuchtigkeit, Galle und Säfte, aus zerkauter Nahrung bereitet. Dadurch werden nämlich Augen und Wangen und alle übrigen Theile frisch erhalten; und empfangen sie nicht alle Tage ihre Anfrischung von dem Magen und der Leber her, so fällt die Haut übermäßig zusammen, die Augen werden hohl, und alsbald entflieht die Blüthe des Aussehens gänzlich. Kurz, dächtest du daran, was in den schönen Augen, in der feingebildeten Nase, im Mund und den Wangen innen ist, du müßtest sagen, die Wohlgestalt des Leibes sei nichts Anderes als ein übertünchtes Grab, so voll Unsauberkeit ist er. Wenn du einen Tuchlappen siehst, woran etwas dergleichen klebt wie Schleim oder Speichel, so magst du denselben nicht einmal mit den Fingerspitzen anrühren, ja nicht einmal anblicken; und wo diese Dinge reichlich und wie in einem Behälter da sind, da geräthst du außer Fassung!

Hingegen deine Schönheit ist nicht solcher Art, sondern so viel der Himmel die Erde übertrifft, oder vielmehr noch weit über diesen Vergleich herrlicher und vorzüglicher.

Zwar hat noch Niemand irgendwo eine Seele vom Leibe losgetrennt gesehen. Dennoch will ich dir von einem andern Gesichtspunkte aus die Schönheit derselben darzustellen versuchen, nämlich durch die Betrachtung der himmlischen Geister. Höre denn, welch hohe Bewunderung die Schönheit derselben [S. 326] jenem Manne des Begehrens1 abnöthigte. Nämlich um ihre Herrlichkeit darzustellen, nahm er, weil er keinen solchen Körper sonst zu finden wußte, zu den metallischen Stoffen seine Zuflucht, und auch diese allein reichten ihm noch nicht hin, sondern er nahm das Leuchten des Blitzes zum Hinweis. Zwar zeigten jene Engel ihre Wesenheit nicht rein und unverhüllt, sondern verdunkelt und gleichsam umschattet; aber doch leuchteten sie so durch die Hülle hindurch, wie sie wohl nach Ablegung aller körperhaften Hülle naturgemäß erscheinen müßen. Ebenso muß man ungefähr die Schönheit der Seele sich vorstellen. Denn es heißt2: „Sie werden sein wie die Engel.“ Auch unter den Körpern sind ja die leichteren und feineren, die sich den unkörperlichen Dingen annähern, weit vorzüglicher und bewundernswerther. So geht der Himmel an Pracht der Erde vor, dem Wasser das Feuer, die Sterne den Steinen; und den Regenbogen bewundern wir viel mehr als Veilchen und Rosen und alle anderen Blumen auf Erden. Kurz, vermöchtest du mit den leiblichen Augen die Schönheit der Seele anzuschauen, du würdest über diese Vergleiche mit Naturkörpern lachen, weit sie uns die Schönheit der Seele nur so matt darstellen.

Wahrhaftig, um solches Kleinod und um solche Seligkeit dürfen wir nicht sorglos sein, besonders da der Weg zu jener Herrlichkeit uns durch die Hoffnung auf die Zukunft erleichtert ist. Denn es heißt3: „Unsere gegenwärtige, leichte Trübsal bewirket eine überschwängliche, ewige, allüberwiegende Herrlichkeit in uns, da wir nicht hinsehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare: denn das Sichtbare ist zeitlich, das Unsichtbare ist ewig.“ Wenn nun der heilige Paulus jene Trübsale, von denen du weißt, leicht und gering nannte, weil er auf das Sichtbare nicht hinsah, so ist es noch um viel leichter erträglich, von der ungeordneten Lust abzulassen.

Wir fordern dich nämlich nun nicht zu jenen Gefahren [S. 327] auf, nicht zu seinem täglichen Sterben, nicht zu seinen immerwährenden. Schlägen und Geißelstreichen oder zu seinen Nesseln, nicht zur Verhaßtheit bei der ganzen Welt, zur Feindschaft der Angehörigen, zum fortgesetzten Wachen, zu den weiten Reisen, den Schiffbrüchigen, den Angriffen der Räuber, den Nachstellungen der Stammesgenossen, den Leiden um der Freunde willen, nicht zu Hunger, Frost, Nacktheit, Feuersqualen, nicht zur Bekümmerniß über die eigenen und über fremde Anliegen.4 Nichts von dem verlangen wir nun, sondern nur so viel fordern wir, daß du dich der fluchwürdigen Dienstbarkeit entreißest und zur früheren Freiheit zurückkehrest, in Betracht der rächenden Vergeltung, die auf die unbeherrschte Lust folgt, und des ehrenvollen Preises für dein vormaliges Leben. Wenn solche, die an die Lehre von der Auferstehung nicht glauben, leichten Sinnes dahinleben und sich um derlei keine Sorge machen, so ist das kein Wunder. Aber wenn wir, deren Glauben mehr auf das Ewige als auf das Irdische geht, dennoch so verloren und elend fortleben und uns die Erinnerung an die letzten Dinge nicht anfechten lassen, sondern vielmehr in die äußerste Sorglosigkeit versinken, so liegt darin eine große Thorheit. Denn wenn wir glauben und doch die Werke der Ungläubigen vollbringen oder vielmehr in einen noch elenderen Zustand versinken (denn einige unter ihnen haben durch eine natürliche Tugend sich hervorgethan): auf was werden wir uns vertrösten können, welche Verzeihung noch erwarten dürfen?

Die Kaufleute pflegen oftmals, wenn ihnen auch das Unglück eines Schiffbruches widerfahren ist, nicht muthlos zu werden, sondern dieselbe Reise wiederum zu unternehmen, deßungeachtet, daß ihnen der Schaden nicht durch eigene Nachläßigkeit, sondern durch die unvermeidlichen Sturmwinde zugestoßen ist, über die kein Mensch zu gebieten hat. Wir aber dürfen wegen des Endes immer getrost sein und wis- [S. 328] sen es gewiß, daß wider unsern Willen uns weder ein Schiffbruch, noch sonst im geringsten ein Schaden zustößt: und wir sollten nicht wieder an’s Unternehmen gehen und das Handelsgeschäft betreiben wie zuvor, sondern unthätig liegen bleiben und die Hände in den Schooß legen? Und wenn wir sie nur müßig in den Schooß legten, und nicht feindlich gegen uns selbst sie wendeten! Dieses ist doch offenbarer Wahnsinn. Wenn etwa bei dem Faustkampf einer vom Gegner abläßt und die Fäuste gegen sein eigenes Haupt kehrt und auf sein eigenes Gesicht zuschlägt; zählen wir einen solchen nicht zu den Wahnsinnigen? Nun der Teufel hat uns tückisch überfallen und uns zu Boden gebracht; so müssen wir denn wieder aufstehen, nicht noch weiter uns fortziehen lassen, nicht von steiler Höhe uns hinabstürzen, nicht den Schlägen von ihm auch die von eigener Hand noch beifügen. Der heilige David fiel ja auch gerad so tief als du jetzt gefallen. Ja nicht bloß dieß: ein zweiter Sturz gesellte sich dem ersten zu: ich meine seinen Mord. Wie nun? Ist er liegen geblieben? Ist er nicht mit neuer Kraft gleich wieder aufgestanden, um dem Feinde sich zu widersetzen? Und er hat ihn so heldenmüthig überwunden, daß er sogar nach seinem Tode noch seinen Nachkommen ein Beschützer war. Denn als Salomon jenen großen Frevel begangen und tausendfach den Tod verdient hatte, da gelobt ihm Gott um Davids willen das Reich ungetheilt zu lassen, indem er sagt:5 „Ich will das Königreich deiner Hand entreißen und es deinem Knechte geben. Aber in deinen Tagen will ich dieß nicht thun.“ Weßwegen nicht? „Um Davids, deines Vaters, willen: auch deines Sohnes Hand will ich es nehmen.“ Und als Ezechias den äußersten Gefahren entgegenging, da versprach er ihm wieder, wiewohl dieser selbst gerecht war, um jenes Heiligen willen Hilfe.“6 „Beschirmen wird’ ich,“ heißt es, „diese Stadt, sie zu retten um meinetwillen und um Davids meines Knechtes willen. Soviel [S. 329] vermag die Buße. Hätte er aber so gedacht, wie jetzt du, daß es sofort unmöglich sei, Gott zu versöhnen; hätte er bei sich gesprochen: „Gott hat mich zu hohen Ehren erhoben und unter die Propheten gesetzt, er hat die Herrschaft über mein Volk mir übertragen und aus zahllosen Gefahren mich errettet, wie soll ich jetzt ihn wieder auszusöhnen vermögen, da ich nach so großen Gnaden ihn beleidigt und die schwersten Frevel auf mich geladen habe?“ — wäre dieß ihm in den Sinn gekommen, dann hätte er nicht allein späterhin nichts Heilsames mehr ausgerichtet, sondern er hätte auch noch sein früheres Verdienst ausgelöscht.

1: Dan. 10.
2: Matth. 22, 30.
3: II. Corinth. 4, 17.
4: II. Cor. 4.
5: III. Kön. 11.
6: Ebendas. 19.

 

 

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Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Erster Brief an Theodor

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger