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Chrysostomus († 407) - Erster Brief an Theodor (Ad Theodorum lapsum I)

13.

Dieses nun wird an dem selben Tage statthaben; aber was nun folgt — welche Worte werden uns dieses darstellen? die Lust, den seligen Genuß, die Freude der Gemeinschaft mit Christus? Denn es läßt sich nicht aussprechen, welche Lust, welches Gut die Seele genießt, da sie in ihren ursprünglichen Adel wieder eingesetzt ist und mit Zuversicht fortan ihren Herrn schauen darf, indem sie nicht bloß gegenwärtiger Güter sich erfreut, sondern auch für’s Künftige in der Ueberzeugung steht, daß diese Herrlichkeit nimmer ein Ende nehmen wird. Jene Glückseligkeit nun kann man nach ihrem ganzen Umfang weder im Worte darstellen, noch im Geist erfassen. In dunklem Bilde aber, und um in Kleinem Großes zu zeigen, will ich versuchen, sie anschaulich zu machen.

Betrachten wir sie, die im gegenwärtigen Leben die Güter der Welt genießen, ich meine Reichthum, Macht und Ehre: wie dünken sie, des Glückes sich überhebend, über die mühselige Erde sich erhöht, wiewohl die Güter, deren sie sich erfreuen, weder als solche unbestritten noch dauerhaft sind, sondern schneller als ein Traum vergehen, oder höchstens, wenn sie je einigen Bestand haben, ihre Gunst auf das gegenwärtige Leben einschränken, weiterhin aber uns nicht begleiten können.

Wenn nun schon die irdischen Güter die Besitzer zu solcher Freude erheben, wie muß es jenen Seelen ergehen, die zu den unermeßlichen Gütern im Himmel, die gediegen sind und immer währen, zugelassen werden? Und nicht bloß dieses, sondern auch an Größe und Beschaffenheit haben sie vor den gegenwärtigen solchen Vorzug, daß es nimmer in das Herz eines Menschen eingeht. Denn jetzt leben wir auf dieser Welt, wie ein Kind im Mutterschooß, eingekerkert und unvermögend, den Glanz und die Freiheit der [S. 322] künftigen Welt zu verstehn. Wann aber die Zeit der Wehen herangekommen sein, und diese Welt Alle, die sie empfangen hat, am Tag des Gerichtes ausgeboren haben wird, da gehn die Mißgebornen aus einer Finsterniß in eine andre und aus einer Drangsal in eine schwerere Drangsal über, die Vollgereiften aber und die das Gepräg des fürstlichen Ebenbildes bewahrt haben, sie werden um des Herrschers Thron sich stellen und jenen Dienst übernehmen, den die Engel und die Erzengel dem Gott des Weltalls entrichten.

Tilge uns doch, o Theurer, dieses Gepräg nicht vollends aus, sondern schleunig wiederum dir es aneignend bild es aus in schöneren Zügen!

Die leibliche Schönheit hat Gott in die Gränzen der Natur eingeschränkt; aber die Schönheit der Seele ist dieser Naturnothwendigkeit nicht unterworfen, weil sie ja weit vorzüglicher ist als die leibliche Wohlgestalt, und von uns und von Gottes Hilfe hängt sie gänzlich ab.

Wie Gott unser Herr überhaupt erbarmungsvoll gegen den Menschen ist, so hat er auch darin zumeist unserm Geschlecht Ehre angethan, daß er das Geringere, woran uns weniger gelegen sein kann, wie es auch ausfallen mag, der Naturnothwendigkeit hingegeben, für die wahrhaften Güter aber uns selber als die Werkmeister aufgestellt hat. Denn hätte er auch über die Schönheit des Leibes uns Gewalt gegeben, da würden wir uns überflüssig damit Sorgen machen und auf solches, was nichts nutzt, all unsere Zeit verwenden, die Seele aber über Gebühr verwahrlosen. Wenn wir jetzt, da wir diese Macht nicht besitzen, Alles thun und alle Anstrengung aufbieten und durch Schminken zu erreichen suchen, was wir in Wahrheit nicht vermögen, wenn wir durch Färben und Salben, durch eitle Haarfrisur, durch reichen Faltenwurf des Gewandes, durch den Blick des Auges und durch viele andere Mittelchen eine solche Schönheit erkünsteln, welche Mühe würden wir dann wohl auf die Seele und auf geistliche Dinge noch verwenden, wenn wir den Leib wirklich zur Wohlgestalt bringen könnten? Ja, wir würden wohl gar nichts Anderes mehr thun, wenn dieß unser Werk [S. 323] wäre, sondern die ganze Zeit dafür aufwenden: wir würden die Magd mit endlosem Zierrath schmücken, aber ihre Gebieterin fort und fort schlechter als jeden Sclaven in Unsauberkeit und Verwahrlosung liegen lassen. Darum hat Gott vor dieser unwürdigen Sorge uns bewahrt und die bessere Kunst uns verliehen, und wenn wir einem häßlichen Leib die Wohlgestalt nicht geben können, so vermögen wir die Seele, auch wenn sie in die äußerste Häßlichkeit herabgesunken ist, zum höchsten Gipfel blühender Schönheit zu erheben und ihr solche Lieblichkeit und Anmuth zu geben, daß nicht allein rechtschaffene Menschen Liebe zu ihr gewinnen, sondern auch des Weltalls Herrscher und Gott selber, wie auch der Sänger der Psalmen,1 von dieser Schönheit redend, spricht: „Es begehrt der König deiner Schöne.“

Siehst du nicht, wie in den Häusern der Buhlerinnen den Häßlichen und Schamlosen kaum Fechter und entlaufene Sclaven und Thierkämpfer sich nahen, wie aber, wenn etwa Eine, schön und edelgeboren und ehrbar, durch ein Unglück in diese Noth gerathen, auch die größten und angesehensten Männer sich mit ihr zu vermählen nicht erröthen? Ist aber bei den Menschen das Erbarmen und die Gleichgültigkeit gegen üblen Ruf so groß, daß sie eine vielmals entehrte Buhlerin aus jener Sclaverei erlösen und zur rechtmäßigen Gemahlin nehmen, so ist dieß in noch größerem Maaß bei Gott der Fall und bei den Seelen, die von jenem Adel der himmlischen Abkunft durch des Teufels Gewalt in das schmachvolle Haus dieses irdischen Lebens herabgesunken sind.

Und solche Aussprüche finden sich überall bei den Propheten, wenn sie Jerusalem anreden, das ja auch in Ehebruch gefallen, und zwar in einen Ehebruch ungewöhnlicher Art, wie es heißt:2 „Allen Buhlerinnen gibt man Geschenke, bei dir aber ist es umgekehrt, nicht wie bei den andern Weibern.“ Und anderswo3: „Du sitzest da und wartest auf sie wie eine einsame Krähe.“

[S. 324] Sie nun, die auf solche Weise die Ehe gebrochen, ruft Gott wiederum zu sich. Denn auch die Gefangenschaft, die verhängt ward, zielte nicht so fast auf Strafe, denn auf Besserung und Bekehrung. Hätte Gott sie kurzweg strafen wollen, so hätte er sie nicht wieder heimgeführt und nicht Tempel und Stadt ihnen größer und prachtvoller wieder aufgebaut, wie es4 heißt: Dieses Hauses Pracht wird zuletzt größer sein als zuerst.“ Wenn Gott jene Stadt, die so oft gefallen war, von der Buße nicht ausgeschlossen hat, um wie viel mehr wird er deine Seele liebreich aufrichten, die jetzt das erstemal gefallen ist. Denn kein Liebender auf Erden, wie sehr er rase, erglüht so heiß für seine Geliebte, als Gott nach der Rettung unserer Seelen verlangt. Dieses läßt sich aus den täglichen Begebenheiten ersehen, sowie auch aus der heiligen Schrift. Nimm es ab aus den Worten Jeremias, gleich zu Anfang, und aus vielen Stellen der Propheten, wie er, obwohl mißachtet und verschmäht, dennoch wieder nach der Liebe derer, die von ihm sich abgewendet, eifrig trachtet, gleichwie er selbst es kundgab im Evangelium5 mit den Worten: „Jerusalem! Jerusalem! die du mordest die Propheten und jene steinigst, die an dich gesendet worden, wie oft hab ich deine Kinder sammeln wollen, wie eine Henne ihre Hühnlein unter ihre Flügel sammelt, und du hast nicht gewollt!“

Und Paulus sagt im (zweiten) Brief an die Corinthier6: „Gott war in Christo, mit sich die Welt versöhnend, ihre Sünden ihnen nicht anrechnend, und das Wort der Versöhnung in uns legend. Wir sind also Gesandte an Christi Statt, als ermahnete Gott durch uns. Wir bitten anstatt Christi, versöhnet euch mit Gott.“ Diese Worte haben unzweifelhaft auch für uns jetzt Geltung. Denn nicht allein der Unglaube, sondern auch das unreine Leben hat jene schreckliche Feindschaft zur Folge. Es heißt ja7: „Das [S. 325] Sinnen des Fleisches ist Feindschaft gegen Gott.“ Laß uns also diese Scheidewand niederreißen und zerstören und abtödten, damit wir die glückselige Versöhnung erlangen, damit wir wieder lieblich und anmuthig werden vor Gott.

1: Ps. 44, 12.
2: Ezech. 16, 33.
3: Jerem. 3, 2.
4: Aggaeus 2, 10.
5: Matth. 23, 37.
6: II. Cor. 5, 19.
7: Röm. 8, 7.

 

 

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Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Erster Brief an Theodor

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger