Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Chrysostomus († 407) - Erster Brief an Theodor (Ad Theodorum lapsum I)

12.

Ueberaus Viele von denen, die wenig denken, geben sich gern damit zufrieden, wenn sie nur der Hölle entrinnen. Ich behaupte aber, daß es eine viel härtere Strafe als die Hölle sei, nicht in jene Herrlichkeit einzugehen, und daß, wer die Seligkeit verloren, nicht so fast über die Peinen in der Hölle wehklagen müße, als über den Verlust des Himmels. Denn dieser ist für sich schon die härteste Pein. Nun aber, wenn wir manchmal den König mit zahlreichem Gefolg in die Burg einziehen sehen, pflegen wir jene, die in seiner Nähe sind, die mit ihm reden dürfen, die seine Entschlüsse kennen und überhaupt an seiner Herrlichkeit Theil nehmen, glücklich zu preisen. Und wenn wir auch Hab und Gut ohne Maß besitzen, wir halten uns für unglücklich und haben keinen Genuß von unserm Besitz im Hinblick auf die Herrlichkeit derer, die um den Fürsten sind, wiewohl wir wissen, daß solcher Glanz unsicher und unbeständig sei, wegen Krieges und hinterlistigen Verraths und Neides und weil er zudem an, sich keiner Beachtung werth ist. Aber gegenüber dem König des Weltalls, der nicht einen bloßen Theil, sondern den ganzen Umkreis der Erde beherrscht oder vielmehr sie völlig mit der Hand umspannt und in seiner Handfläche die Himmel trägt, der Alles hält mit dem Worte seiner Kraft, vor dem alle Völker für nichts und für Speichel geachtet werden: dem gegenüber werden wir’s nicht als die höchste Strafe erkennen, in jene Schaar um ihn nicht eingereiht zu sein, sondern wir werden uns zufrieden geben, wenn wir [S. 318] nur der Hölle entrinnen! Was gäbe es Kläglicheres als eine solche Seele?

Denn dieser Fürst wird nicht mit einem Gespann von weißen Mäulern, nicht mit goldenem Wagen, nicht mit Purpur und Krone geschmückt, nein, nicht also wird er kommen zu richten den Erdkreis. Wie dann? Höre der Propheten Ruf, wenn sie’s aussprechen, wie Menschen es vermögen. So heißt es1: „Gott wird sichtbar erscheinen, unser Gott, und nimmer schweigen; Feuer entbrennt vor seinem Angesicht, und rings um ihn her heftiger Sturm; den Himmel oben ruft er auf und die Erde, zu richten sein Volk.“

Isaias setzt noch die Strafe hinzu und spricht2: „Sieh, der Tag des Ewigen kommt grausenvoll, in Grimm und Zorn, um wüst zu legen alle Lande und die Sünder daraus zu vertilgen. Die Sterne des Himmels und der Orion und alle Himmelszierden lassen nicht ihr Licht mehr leuchten; finster ist die Sonne bei ihrem Aufgang, und der Mond läßt seinen Schein nicht mehr schimmern. Und ich lasse Drangsal kommen auf den ganzen Erdkreis und über die Gottlosen ihre Sünden. Vertilgen will ich den Frevel der Ungerechten und den Trotz der Hoffärtigen niederbeugen. Und die übrig bleibenden werden kostbarer sein als gediegenes Gold, und ein Mensch wird kostbarer sein als das Kleinod aus Saphir. Denn der Himmel wird erschüttert werden, und die Erde aus ihren Grundfesten weichen bei dem Grimm des Herrn der Heerschaaren an dem Tag, da einbricht sein Grimm.“

Und wiederum3 heißt es: „Die Schleusen des Himmels werden aufgethan, und die Grundfesten der Erde bewegt werden. Erschüttert wird die Erde, zersplittert wird die Erde, hilflos stehet sie, heftig wankt die Erde wie der Trunkene und der Berauschte, sie bebet wie die Gartenhütte; die Erde fällt und vermag sich nicht aufzurichten; denn schwer lastet auf ihr die Ungerechtigkeit. Und Gott legt [S. 319] seine Hand an jenem Tag an die Zierde des Himmels in der Höhe und an die Reiche der Erde; und sie versammeln sie zu Haufen in’s Gefängniß und schließen sie ein in den Kerker.“

Malachias sagt übereinstimmend mit diesem:4 „Sieh, es kommt der Ewige, der Allmächtige. Wer mag den Tag seiner Ankunft aushalten, wer bestehn vor seinem Anblick? Denn er kommt wie das Feuer des Schmelzofens und wie die Lauge der Wäscher; er wird sitzen schmelzend und läuternd wie das Silber oder das Gold.“ Und wiederum5: „Der Tag des Ewigen kommt, brennend wie ein Ofen, und verbrennt sie. Alle Fremdlinge und alle Missethäter werden Stoppeln seyn, und der einbrechende Tag entzündet sie, spricht der Ewige, der Allmächtige. Keine Wurzel und kein Ast wird übrig bleiben.“

Und jener Mann des Sehnens spricht6. „Ich schaute, bis Throne wurden hingestellt, und ein Alter an Jahren setzte sich, sein Gewand weiß wie Schnee, das Haar seines Hauptes wie reine Wolle; sein Thron Feuerflammen, und sein Wagen flammendes Feuer, die Räder daran brennende Glut. Ein Feuerstrom ging aus von ihm. Tausendmal tausend dienten ihm, und zehntausendmal zehntausend standen vor ihm. Man saß zu Gericht, und die Bücher wurden aufgethan.“

Und gleich darnach heißt es: „Ich schaute im Gesichte der Nacht, und siehe, mit den Wolken des Himmels war er gekommen wie ein Menschensohn, und er trat hin vor den Alten an Jahren und wurde hingeführt vor ihn, und ihm ward gegeben Herrschaft und Würde und Macht, und alle Völker, Stämme und Zungen dienen ihm. Seine Gewalt ist eine ewige Gewalt, die nicht vergeht, und sein Reich wird nicht zerstört. Mein Geist erschauderte, ich Daniel in meinem Leibe, und die Gesichte um mein Haupt erschreckten mich.“

[S. 320] Da werden aufgethan alle Pforten der Himmelsbogen, oder vielmehr der Himmel selber wird hinweggenommen. Aufgerollt, heißt es7 wie ein Buch wird der Himmel und wie eines Zeltes Decke und Vorhang zusammengethan, damit er in Besseres verkläret werde. Da ist Alles voll Beben, Schauder und Angst; da faßt die Engel selber schwere Furcht, und nicht die Engel allein, auch die Erzengel, die Throne, die Herrschaften, die Fürstenthümer und die Mächte. Denn es heißt: „Es werden erschüttert die Gewalten des Himmels“, weil die Mitknechte zur Rechenschaft gezogen werden über ihr Leben auf Erden.

Wenn eine einzige Stadt dem Gericht verfällt, erschrecken Alle vor diesen irdischen Gewalthabern, auch Solche, die außer der Gefahr stehen: und wenn der ganze Erdkreis gerichtet wird von einem Richter, der keines Zeugen, keines Beweises bedarf, der ohne diese Hilfsmittel die Werke und die Worte und die Gedanken Aller offenbar macht, der den frevelnden Sünden: und denen, die nichts mehr davon wissen, alle ihre Thaten wie in einem Abbild vorhält, wie sollen da nicht alle Mächte wanken und beben? Wenn auch kein Feuerstrom ausginge, und wenn nicht furchtbare Engel dastünden, wenn nur die Menschen vorgefordert und entweder gelobt und gepriesen oder ohne Ehren entlassen würden, daß sie die Glorie Gottes nicht anschauen (wie es heißt: „Hinweggenommen soll der Gottlose werden, auf daß er Gottes Herrlichkeit nicht schaue“), und wenn dieß allein die Strafe ausmachte: müßte nicht der Verlust solcher Güter die Seelen der Verlorenen heftiger peinigen als jedwede Hölle? Denn was dieß für ein großes Uebel sei, läßt sich jetzt mit Worten nicht darstellen, dann aber werden wir’s in der Wirklichkeit auf das Genaueste erfahren. Dazu nimm du nun auch noch die Strafe, daß sie nämlich nicht bloß vor Schmach vergehen möchten und sich verbergen und das Haupt senken, sondern auch zum Feuer hinweg geschleppt [S. 321] werden und zu den Foltern hingezogen und den grimmigen Mächten übergeben, und daß ihnen dieß zur nämlichen Zeit widerfährt, da Alle, die Gutes gewirkt und das ewige Leben verdient haben, gekrönt, verkündet und um den königlichen Thron geschaart werden.

1: Psalm 49.
2: Isai. 13, 9—13.
3: Isaias 24, 18—22.
4: Malachias 3, 1—3.
5: Malach. 4, 1.
6: Dan. 7, 9, 10.
7: Isaias 34.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Erster Brief an Theodor

Navigation
. . Mehr
. . 2.
. . 3.
. . 4.
. . 5.
. . 6.
. . 7.
. . 8.
. . 9.
. . 10.
. . 11.
. . 12.
. . 13.
. . 14.
. . 15.
. . 16.
. . 17.
. . 18.
. . 19.

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger