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Chrysostomus († 407) - Erster Brief an Theodor (Ad Theodorum lapsum I)

11.

Erwäge mir nur den Zustand jenes Lebens, in so weit der Gedanke ihn fassen kann. Denn um ihn nach Gebühr darzustellen, dazu wird unser Wort schlechterdings nicht hinreichen, sondern aus dem, was wir hören, wollen wir, wie in einem Räthsel, ein dunkles Schattenbild davon entnehmen: „Entwichen ist,“ heißt es,1 „Trauer und Weh und Seufzen.“ Was kann es nun Seligeres geben als ein solches Leben? Dort hat man keine Armuth zu fürchten und keine Krankheit; dort gibt es keinen Beleidiger zu sehen und keinen Beleidigten: keinen Erbitternden, keinen Erbitterten, keinen Grollenden, keinen Neider; dort glüht in Keinem die ungeordnete Begierde, Keiner entbehrt des nothwendigen Unterhalts, Keiner plagt sich um Amt und Macht.

Denn der ganze Sturm der Leidenschaften in uns erlischt und verschwindet, Alles wird in Frieden und in Jubel und Freude sein. Alles heiter und ruhig. Alles Tag und Helle und Licht, und zwar nicht ein solches wie dieses jetzt, sondern ein um eben soviel helleres, als hinwiederum dieses selbst eine Lampe überstrahlt. Dort gibt es keine Nacht; keine Ansammlung von Gewölk verdüstert dort den Lichtglanz, kein Sonnenbrand versengt den Leib; denn weder Nacht gibt es dort, noch Abend, weder Frost, noch Hitze, noch außerdem einen Wechsel der Jahreszeiten; sondern ein anderer Zustand tritt ein, dergestalt, daß die Erwählten allein ihn erfassen werden. Dort gibt’s kein Alter und des Alters Uebel auch nicht; sondern Alles, was der Vergänglichkeit angehört, wird weggeräumt und die unvergängliche Glorie waltet überall.

Und, was noch größer ist als alles dieß, wir werden die Gemeinschaft mit Christo immerwährend genießen, bei den heiligen Engeln und Erzengeln und den himmlischen Mächten. Sieh jetzt den Himmel an und durcheile in Ge- [S. 315] danken das, was über dem Himmel ist: denke an die Verwandlung der gesammten Creatur. Denn sie wird nicht bleiben, sondern viel herrlicher werden und glänzender; und so groß der Unterschied zwischen dem Glanz des Bleies und des Goldes ist, um so viel wird der künftige Zustand besser und vorzüglicher sein als der gegenwärtige, wie auch der selige Paulus2 sagt: „Diese Schöpfung wird erlöset werden aus der Knechtschaft des Verderbens.“ Jetzt, weil die Verwesung ihr Antheil ist, widerfährt ihr Manches, was solchen Leibern eben anhaftet; dann aber zieht sie alles dieses aus und wird uns in unverweslicher Glorie erscheinen. Denn weil die Schöpfung unverwesliche Leiber erhalten wird, wird sie selber in einen besseren Zustand verwandelt werden. Dann ist nirgend Zwist und Widerstreit; vollkommen ist die Eintracht der Schaar der Heiligen, indem alle immerdar mit einander gleichen Willens sind. Dort haben wir auch den Teufel nicht zu fürchten, noch die Nachstellungen der bösen Feinde, auch nicht das Drohen der Hölle, noch den Tod, weder diesen zeitlichen da, noch den zweiten, den viel jammervolleren: alle solche Furcht ist weggenommen. Wie ein königlicher Knabe vorerst in unansehnlicher Art erzogen und unter Furcht und Drohungen gehalten wird, damit er nicht durch die Fahrläßigkeit schlecht gerathe und des väterlichen Erbes unwürdig werde; dann aber, wann er zur königlichen Würde gelangt, dieses allzumal ablegt und alsbald mit dem Purpurgewand und der Krone geschmückt, von der Schaar der Leibwächter umgeben, mit hohem Sinne herrscht, die Schüchternheit und Blödheit der Seele abstreift und das Entgegengesetzte anstatt dessen annimmt: ebenso wird es an allen Heiligen dann geschehen.

Und daß diese Worte nicht leerer Schall sind — begeben wir uns in Gedanken auf den Berg, wo Christus verklärt worden, schauen wir ihn in seinem Lichtglanze; und dennoch hat er uns damals nicht den vollen Glanz der zukünftigen Welt gezeigt.

[S. 316] Denn daß die Erscheinung eine Herablassung gewesen und nicht eine vollkommene Darstellung der Wirklichkeit, das geht aus den Worten des Evangelisten selbst hervor. Denn was sagt er? „Er leuchtete wie die Sonne.“ Aber die Glorie der unverweslichen Leiber strahlt nicht bloß ein solches Lichtmaaß aus als dieser vergängliche Körper, die Sonne, und nicht ein Licht solcher Art, wie es die sterblichen Augen ertragen können, sondern ein solches, das unverwesliche und unsterbliche Augen zum Anschauen erfordert. Damals aber auf dem Berge enthüllte er ihnen nur so viel, als möglich war anzuschauen, ohne das Gesicht der Schauenden zu verderben; und nicht einmal so ertrugen sie’s, sondern sie fielen auf ihr Angesicht.

Sage mir, wenn jemand dich an einen glänzenden Ort hinführte, wo Alle dasäßen mit goldenen Gewanden umhüllt, und in der Mitte der Schaar zeigte er dir einen Anderen, der einen Mantel und auf dem Haupte eine Krone aus lauter edlen Steinen hätte, und wenn er dann sich erböte, in jene Schaar dich einzureihen: würdest du nicht Alles thun, um dieser Verheißung theilhaft zu werden? Schlag nun auch jetzt im Geiste die Augen auf und blicke bin auf jenen versammelten Kreis, der nicht aus Männern von solcher Art nur besteht, sondern aus solchen, die noch viel herrlicher sind als Gold und edle Steine und die Strahlen der Sonne und aller Glanz in der ganzen Sichtbarkeit, und nicht aus Menschen allein, sondern auch viel vornehmer und höher an Würde, aus Engeln, Erzengeln, Thronen, Herrschaften, Gewalten, Mächten. Was endlich den König selbst betrifft, so vermögen wir’s nicht auszusprechen, wie er ist; so sehr übersteigt an ihm die Schöne und die Kraft, der Glanz, die Herrlichkeit, die Hoheit und der Adel alle Rede und allen Gedanken.

Sprich nun, werden wir uns selbst diese großen Güter rauben, nur um nicht eine kurze Zeit uns mühen zu müßen? O wenn wir jeden Tag tausendfachen Tod, ja die Hölle selber ausstehen müßten, um Christum kommen zu sehen in seiner Herrlichkeit und in die Schaar der Heiligen aufge- [S. 317] nommen zu werden, müßte man nicht dieß alles gern erdulden? Höre wie der selige Petrus redet: „Hier ist für uns gut wohnen!“

Wenn er also, nachdem er nur ein dunkles Bild der Zukunft gesehen, plötzlich Alles aus der Seele wegräumte wegen der Lust, die aus jenem Anblick in seine Seele eingeströmt: was werden wir sagen, wann die wirkliche Wahrheit selber naht, wann wir im offenen Königshaus den König selber sehen dürfen, nicht mehr im Räthsel und wie in einem Spiegel, sondern von Angesicht zu Angesicht, nicht mehr im Glauben, sondern im Schauen?

1: Isaias 51, 11.
2: Röm. 8, 21.

 

 

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Einleitung: Erster Brief an Theodor

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger