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Chrysostomus († 407) - Homilien über den II. Thessalonicher-Brief

Vierte Homilie.

1.

6. Und nun wisset ihr, was ihn aufhält, bis er offenbar werde zu seiner Zeit.
7. Denn schon regt sich die geheime Bosheit, es darf nur, was ihn bis jetzt aufhält, aus dem Wege sein.
8. Und dann wird der Verruchte hervortreten, welchen der Herr Jesus mit dem Hauche seines Mundes tödten und durch den Glanz seiner Ankunft vernichten wird.
9. Seine Ankunft geschieht durch Satans Wirkung.

I. Mit Fug und Recht wird man zu allererst fragen, was denn „Das, was den Antichrist aufhält,“ eigentlich sei, und daran wird sich gleich die weitere Frage reihen, warum denn der hl. Paulus sich über diesen Punkt so dunkel äußere. Was hält ihn denn auf, was hindert ihn [S. 778] denn, zu erscheinen? Einige meinen nun, es sei die Gnade des hl. Geistes, Andere meinen, die römische Herrschaft. Den Letzteren möchte ich am ehesten beistimmen. Denn wenn Paulus den hl. Geist gemeint hätte, so hätte er nicht dunkel, sondern ganz deutlich und bestimmt gesagt, daß ihn auch jetzt die Gnade des hl. Geistes, d. h. seine Gnadengaben oder Charismen aufhalten. Wenn er aber mit dem Aufhören der Gnadengaben (Charismen) erscheinen sollte, so müßte er jetzt auch schon erschienen sein, denn die Charismen haben längst aufgehört. Weil aber der Apostel die römische Herrschaft meint, so ist es ganz am Platze, wenn er sich dunkel und verblümt ausdrückt. Denn er wollte keine unnöthigen Verfolgungen veranlassen, keine Gefahren, die zum Mindesten Nichts genützt hätten. Hätte der Apostel gesagt: Eine kleine Weile, und die römische Herrschaft wird verschwinden, so hatte man ihn als heillosen Hochverräther sammt allen Gläubigen als seinen Anhängern und Mithelfern getödtet. Darum sagt er nicht so, sagt auch nicht, wie sonst, daß dieß bald geschehen werde, sondern nur: „Bis er offenbar werde zu seiner Zeit.“
„Denn schon regt sich die geheime Bosheit.“ Damit meint er den Nero als das Abbild des Antichrists. Denn dieser gab sich als Gott aus. Ganz entsprechend sagt der Apostel: „Die geheime Bosheit.“ Denn Nero trat nicht so offen und schamlos hervor, wie der wirkliche Antichrist es thun wird. Wenn sich nun, will der Apostel sagen, schon in jener Zeit, in welcher der Antichrist erscheinen soll, Einer findet, welcher diesem an Bosheit nicht viel nachsteht, so ist es wohl kein Wunder, wenn der Antichrist in eigener Person bald nachfolgt. So verblümt also drückt sich der Apostel aus und will ihn nicht offen bezeichnen, nicht etwa aus Furcht, sondern weil er, — und das ist auch ein Wink für uns — nicht unnöthig und ohne zwingenden Grund sich Feind- [S. 779] schaften auf den Hals laden wollte. Und so fährt er denn weiter:

Es darf nur, was ihn bis jetzt aufhält, aus dem Wege sein.

Denn wenn die römische Herrschaft beseitigt ist, dann wird er kommen. Ganz natürlich. So lange nämlich noch Furcht vor dieser Gewalt herrscht, wird sich Jedermann hüten, seiner Fahne zu folgen. Ist aber jene vernichtet, dann wird er das alsdann verwaiste Reich an sich zu reißen und Gottes und der Menschen Thron in seine Hände zu bringen suchen. Gleichwie nämlich die Reiche der Vorzeit zerstört worden sind, das Medische durch die Babylonier, das Babylonische durch die Perser, das Persische durch die Mazedonier, das Mazedonische durch die Römer, so wird auch das römische Reich von dem Antichrist, dieser aber von Christus vernichtet werden und seine Macht nicht länger besitzen. Das prophezeit Daniel mit aller Bestimmtheit.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger