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Chrysostomus († 407) - Homilien über den II. Thessalonicher-Brief

Zweite Homilie.

1.

Kap. I.

1. Paulus und Silvanus und Timotheus an die Gemeinde zu Thessalonike in Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus.
2. Gnade euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus.


I. Die meisten Menschen lassen sich keine Mühe und Anstrengung verdrießen, um bei Fürsten und Großen der Erde Gunst zu gewinnen. Sie schlagen das gar hoch an, und wenn sie ihr Ziel erreichen, so halten sie sich für überglücklich. Wenn es aber schon ein Glück ist, bei Menschen in Gunst zu stehen, um wie viel größer muß das Glück sein, bei Gott Gnade zu finden!

Darum stellt der hl. Paulus diesen Gruß stets an die Spitze seiner Briefe und wünscht den Gläubigen dieses [S. 744] Glück an; er weiß ja, daß, wenn die Gnade Gottes vorhanden ist, alle Trübsal und alles Leid ein Ende hat. Dieß lehrt uns auch die Geschichte des ägyptischen Joseph. Er war ein Sklave, jung an Jahren, unerfahren, ungebildet; bald ward ihm die Verwaltung des ganzen ägyptischen Königshauses übertragen und nur dem König allein war er verantwortlich. Ihr wisset, wie reizbar und unversöhnlich dieser Volksstamm ist, wenn nun Jemand von solcher Gemüthsbeschaffenheit auch noch Macht und Gewalt besitzt, so steigert sich gerade durch das Machtbewußtsein gar sehr die Zornmüthigkeit. Dieß zeigt sich denn auch in dem Benehmen des Ägypterkönigs. Als dessen Gemahlin Anklage gegen Joseph erhob, nahm der König dieselbe an; obwohl offenbar keine Gewalt gebraucht worden sein konnte gegen jene Person, welche den Mantel in Händen hatte, sondern vielmehr gegen Diejenige, welcher er entrissen wurde. Darum hatte er zu seinem Weibe sagen müssen: „Hättest du laut geschrieen, so wäre er entflohen;“ und hätte Joseph ein schlechtes Gewissen gehabt, so hätte er die Ankunft seines Herrn nicht abgewartet. Aber dem Könige kam Nichts von all Dem in den Sinn, sondern er überließ sich ohne alle Überlegung so sehr seinem Zorn, daß er jenen ins Gefängniß werfen ließ. Er hätte schon aus der sonstigen Aufführung Josephs auf dessen Tugend und Unschuld schließen können, aber weil er vor Zorn ganz außer sich war, war er zu keinem ruhigen, klaren Denken fähig. Obwoh es aber Joseph bei seiner Verwaltung des ganzen Hauses mit einem schlimmen Herrn zu thun hatte, obwohl er fremd war im Lande, hilflos und unerfahren, so kam er doch, weil Gott seine Gnade reichlich über ihn ausgegossen hatte, an all diesen Klippen, an der Verleumdung seiner Herrin, an der Todesgefahr, am Gefängnisse, kurz, an all diesen Klippen so glücklich vorbei, wie wenn sie gar nicht da gewesen wären, und stieg nach und nach sogar empor bis zum Throne des Königs selbst.

[S. 745] Gar gut wußte nun der hl. Apostel, was es Großes und Wichtiges um die göttliche Gnade sei, und darum wünscht er sie den Gläubigen an. Er hat aber dabei noch etwas Anderes im Sinne. Er will die Thessaloniker für den weiteren Inhalt des Briefes günstig stimmen, damit sie ihm nicht etwa ihre Ohren verschließen möchten, falls er mit Rügen und Zurechtweisungen käme. Darum erinnert er sie vor allem an die Gnade Gottes und versetzt dadurch die Gläubigen in die rechte Stimmung; sie sollten, auch falls er sie betrübte, der göttlichen Gnade eingedenk sein, durch welche sie von größeren Übeln befreit wurden, und darum bei kleineren Übeln den Muth nicht sinken lassen, sondern in der Gnade Gottes Trost suchen und finden. So schreibt er auch an einer andern Stelle: „Denn wenn wir, da wir noch seine Feinde waren, mit Gott versöhnt wurden durch den Tod seines Sohnes, so werden wir um so mehr als Versöhnte selig werden durch sein Leben.“1

… Gnade euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.
3. Wir haben Ursache, Gott allzeit euretwegen, Brüder, gebührend zu danken.

Beachtet die außerordentliche Demuth des Apostels, die in diesen Worten zum Ausdruck kommt! Mit den Worten: „Wir haben Ursache, Gott zu danken,“ will er den Gläubigen folgende Wahrheit zu verstehen und zu beherzigen geben: Wenn Andere wegen eurer Tugenden nicht zuerst euch, sondern Gott preisen, so geziemt sich Dieß für uns noch weit mehr. Überdieß lag für sie in diesen Worten noch der erhebende Gedanke, daß ihre [S. 746] Leiden, mochten sie auch noch so groß sein, doch nicht der Thränen und Klagen werth seien, sondern zum Danke gegen Gott veranlassen sollten. Wenn aber der Apostel für fremdes Glück Gott Dank sagt, wie wird es Denen ergehen, welche, weit entfernt, Gott dafür Dank zu sagen, voll des ärgsten Neides darüber sind?

1: Röm. 5, 10.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger