Chrysostomus († 407) - Homilien über den II. Thessalonicher-Brief Zweite Homilie.
5. 8. Euch aber, den Bedrängten, sammt uns mit Ruhe, wann der Herr Jesus vom Himmel erscheinen wird mit den Engeln seiner Macht, in Feuerflammen, da er Rache nehmen wird an Denen, welche Gott nicht kennen und welche nicht gehorchen dem Evangelium unsers Herrn Jesu Christi. Wenn schon Diejenigen, welche dem Evangelium nicht gehorchen, von Gott gestraft werden, wie wird es erst Jenen ergehen, welche überdieß euch auch noch verfolgt haben? [S. 753] Beachte die Klugheit des Apostels! Er schreibt nicht: Gott wird Diejenigen bestrafen, welche euch verfolgt haben, sondern: „Diejenigen, welche dem Evangelium nicht gehorchen.“ Er muß sie also züchtigen, wenn nicht um euretwillen, schon um seiner selbst willen. Dieß hat der Apostel gesagt, um die Gläubigen zur ganz sichern Überzeugung zu bringen, daß ihre Verfolger ganz unzweifelhaft würden bestraft werden; das Vorhergehende indeß soll sie in der Überzeugung befestigen, daß ihrer glorreiche Vergeltung harre. Die sichere Überzeugung nun von der künftigen Bestrafung ihrer Verfolger befestigt sie im Glauben, der Gedanke aber, daß diese Bedränger büßen müssen für Das, was sie den Gläubigen Übles zugefügt, erfüllt diese mit Freuden. Dieß alles ist nun zwar zunächst zu den Thessalonikern gesagt, es findet aber auch Anwendung auf uns. Wenn wir daher in Bedrängnissen sind, wollen wir Dieß beherzigen und wollen uns freuen, nicht jedoch über die Bestrafung Anderer, als sahen wir darin eine Genugthuung für uns, sondern freuen wollen wir uns, daß wir selbst von solch herber Züchtigung verschont sind. Denn was nützt es uns, wenn Andere bestraft werden? Nein, so schadenfrohe Gedanken dürfen, ich bitte euch, in eurer Seele nicht aufkommen, die Rückficht auf das Himmelreich nur darf uns zum Guten antreiben. Denn wer wahrhaft tugendhaft ist, der wird nicht durch Furcht, noch durch die Ausficht auf den Himmel bestimmt, sondern er thut, wie St. Paulus, das Gute um Christi willen. Dessenungeachtet wollen wir die Freuden des Himmels und die Peinen der Hölle betrachten, wollen uns auf diese Weise bessern und bekehren und zur Übung der Tugend anspornen. Wenn du irgend etwas Gutes und Großes auf Erden wahrnimmst, so denke an den Himmel, und es wird dir klein und nichtig erscheinen. Begegnet dir etwas Schreckliches und Entsetzliches, so denke an die Hölle, und du wirst [S. 754] über jenes lachen. Wandelt dich sinnliche Begierde an, so denke an das Feuer und erwäge, daß die sündhafte Lust verächtlich und nicht einmal ein Vergnügen ist. Wenn schon die Furcht vor den weltlichen Gesetzen eine so große Macht ausübt, daß sie uns von schlechten Handlungen abhält, so ist das noch viel mehr der Fall, wenn wir an die Ewigkeit denken, an die unaufhörliche Strafe, an die immerwährende Pein. Wenn schon die Furcht vor einem irdischen Könige uns von so vielem Bösen abhält, um wie viel mehr wird dieß die Furcht thun vor dem ewigen Könige! Wie können wir nun aber diese Furcht unablässig in unserm Herzen bewahren? Wir können dieß, wenn wir stets auf die hl. Schrift hören. Wenn schon der Anblick einer Leiche einen gar mächtigen Eindruck auf uns macht, warum sollte die Vorstellung des ewigen, unauslöschlichen Höllenfeuers eindruckslos bleiben? Warum der Wurm, der nimmer stirbt? Ja, wahrhaftig, würden wir immer an die Hölle denken, wir würden nicht leicht in dieselbe gerathen! Darum hat Gott uns die Höllenstrafe angedroht, und wenn der Gedanke daran nicht etwas Heilsames hätte, so würde er das nicht gethan haben. Weil aber die Erinnerung an die Höllenstrafen so große Wirkungen hervorbringt, so hat Gott uns die Drohung wie eine heilsame Arznei eingegeben. Wollen wir daher den großen Gewinn, der aus der Betrachtung der Hölle entspringt, nicht verscherzen, sondern allzeit an dieselbe denken, beim Morgenimbiß (am Morgen) nicht minder, wie beim Abendessen (am Abende)! Gespräche über ergötzliche Dinge nützen der Seele Nichts, sondern rauben ihr nur ihre Spannkraft, Unterredungen aber über ernste und erschütternde Wahrheiten benehmen ihr allen Leichtsinn und alle Flatterhaftigkeit und führen sie von der Gedankenlosigkeit und Zerstreutheit zum Ernste und zur Besonnenheit. Unterhaltungen über Schauspiele und Possen bringen der Seele keinen Vortheil, sondern machen dieselbe nur lüsterner und dreister. Wer sich vorwitziger Weise um fremde Angelegenheiten kümmert und sich in Alles hineinmengt, der bringt seine Seele gerade durch seinen Vorwitz [S. 755] oft in Gefahr. Wer aber die Hölle zum Gegenstande der Unterhaltung macht, der braucht dabei keine Gefahr für seine Seele zu fürchten, nein, es ist das für sie von dem heilsamsten Einflusse.
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