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Chrysostomus († 407) - Homilien über den II. Thessalonicher-Brief
Erste Homilie.

3.

II. Darum wollen wir alle dieses Laster recht sorgfältig meiden, damit wir nicht Gottes Gericht anheimfallen, nicht dieselbe Strafe und Züchtigung uns zuziehen. „Der Bischof,“ heißt es, „soll kein Neubekehrter sein, damit er nicht hochmüthig werde und darob in das Gericht des Teufels falle.“1 Demnach wird der Hochmüthige ebenso gestraft werden wie der Teufel. „Denn der Anfang der Hoffart ist, Gott nicht kennen.“2 Der Anfang der Sünde, d. h. der erste Schritt und Anlauf zur Sünde, vielleicht auch die Wurzel und das Fundament derselben ist die Hoffart. Unter „Anfang“ des Bösen versteht man entweder den ersten Schritt zum Bösen oder dessen Quelle, wie man z. B. sagt, Anfang der Keuschheit sei, jeden unstatthaften Blick vermeiden, d. h. das ist der erste Schritt zur Keuschheit. Wenn wir aber sagen: Der Anfang der Keuschheit ist die Nüchternheit, so ist hier Anfang soviel wie Grundbedingung und Fundament. So ist auch die Hoffart der Anfang der Sünde. Denn von ihr geht jede Sünde aus und jede Sünde erstarkt durch sie. Von diesem Laster kommt es, daß Nichts von dem Guten, das wir wirken, Bestand und Dauer hat, dieses ist wie ein schädliches Unkraut, welches Nichts gedeihen läßt. Beachte, was der Pharisäer alles gethan hat! Aber es war umsonst, weil er die Wurzel des Bösen nicht ausgerottet hatte, die Alles wieder ver- [S. 738] nichtete. Aus der Hoffart entspringt Übermuth gegen die Armen, Habgier, Herrschsucht, Ehrgeiz. Wird der Hoffärtige beleidigt, gleich sinnt er auf Rache; nicht einmal von Höheren, geschweige denn von Niedereren will er sich eine Beleidigung gefallen lassen. Wer aber keine Beleidigung ertragen kann, der kann auch kein Leiden ertragen. So also ist die Hoffart der Anfang der Sünde.

Inwiefern aber ist der Anfang der Hoffart „den Herrn nicht kennen“?3 Ganz einfach: Wer Gott kennt, wie er ihn kennen soll, wer weiß, daß der Sohn Gottes so überaus demüthig gewesen ist, dem kommt kein Stolz. Wer aber dieses nicht weiß, der wird stolz; denn die Hoffart führt zur Verblendung. Oder sage mir, wie kommt es, daß sogar die Verfolger der Kirche noch behaupten, sie kennen Gott! Ist das etwa nicht Verblendung? Siehe also, in welchen Abgrund des Verderbens sie der Umstand stürzt, daß sie Gott nicht kennen. Denn wenn Gott einen demüthigen Sinn liebt, so widerstrebt er einem hochmüthigen, und nur den Demüthigen verleiht er seine Gnade. Darum gibt es kein anderes Laster, das so groß wäre, wie die Hoffart. Sie macht den Menschen zum Teufel, zum Tyrannen, zum Gotteslästerer, zum Meineidigen, gibt ihm Gedanken an Mord und Todschlag ein. Der Hoffärtige ist immer geplagt von Unmuth, Groll und Bitterkeit. Nichts kann seine Leidenschaft befriedigen. Würde er einen König demüthig zu seinen Knieen hinsinken sehen, es wäre ihm nicht genug, er würde sich nur noch mehr überheben. Wie den Habsüchtigen nur immer um so mehr fehlt, je mehr sie bekommen, so begehren auch die Stolzen immer mehr Ruhm und Ehre, je mehr ihnen zu Theil wird. Der Ehrgeiz wächst eben immer mehr, denn er ist eine [S. 739] Leidenschaft, und die Leidenschaft hat keine Grenzen, sondern hört erst dann auf, wenn sie Denjenigen, der von ihr besessen ist, zu Grunde gerichtet hat. Weißt du nicht, daß die Säufer immer Durst haben? Das ist Leidenschaft, kein natürliches Bedürfniß, sondern ein naturwidriger Zustand. Hast du nie gehört, daß die sogenannten Heißhungrigen allzeit Hunger haben? Das ist ein krankhafter Zustand, eine Begierde, welche die Grenzen der Natur überschreitet, wie die Ärzte sagen. Neugierige und vorwitzige Menschen können sich mit Dem, was sie hören und erfahren, nicht begnügen. Sie stehen unter dem Einflusse einer krankhaften Sucht, die kein Maß und Ziel kennt.

Auch Diejenigen, welche der Unzucht ergeben sind, kommen nicht zur Ruhe; „denn dem Unzüchtigen,“ heißt es, „schmeckt jeder Bissen süß.“4 Er läßt nicht davon ab, bis er denselben verzehrt hat; es wirkt eben die Leidenschaft. Das sind nun Leidenschaften, krankhafte Zustände, aber nicht unheilbare, nein, sie können noch weit eher geheilt werden als körperliche Krankheiten. Wenn wir nur ernstlich wollen, können wir sie ganz ausrotten und ersticken. Wie kann man demnach z. B. den Hochmuth ersticken und ausrotten? Durch die Erkenntniß Gottes. Denn wenn der Hochmuth durch die Unkenntniß Gottes entsteht, so muß er durch die Kenntniß Gottes ausgerottet werden.

1: I. Tim. 3, 6.
2: Ekkli. 10, 14.
3: Jes. Sir. 10, 14.
4: Sir. 23, 20.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger