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Chrysostomus († 407) - Homilien über den I. Thessalonicher-Brief

Zehnte Homilie.

1.

12. Wir bitten euch aber, Brüder, anzuerkennen Die, so sich mühen unter euch, und euch vorstehen im Herrn und euch zu Herzen reden,
13. und sie gar hochzuhalten in Liebe ob ihres Werkes.

I. Wer ein Vorsteheramt inne hat, der ist vielen Unannehmlichkeiten ausgesetzt wegen des unvollkommenen Zustandes Derjenigen, mit welchen er zu thun hat. Gleichwie die Ärzte oft den Unwillen der Kranken erregen, wenn sie heilsame, aber widerlich schmeckende Speisen und Arzneien verordnen, und gleichwie die Väter oft das Mißfallen der Söhne hervorrufen müssen, so geht es auch den Lehrern und zwar in einem viel höheren Grade. Denn wenn der Arzt auch oft den Unwillen des Kranken verursacht, so besitzt er doch die Gunst der Angehörigen und Verwandten desselben, oft aber auch sogar die des Kranken selbst. Auch der Vater kann, gestützt auf die natürlichen und bürgerlichen Gesetze, von seiner väterlichen Machtvollkommenheit gegenüber seinem Sohne ohne Schwierigkeit [S. 700] Gebrauch machen, und wenn er je gegen einen Widerspenstigen mit Wort oder That einschreitet, so legt ihm Niemand ein Hinderniß in den Weg, und auch der Sohn selbst wird es nicht wagen, ihn darob scheel anzusehen. Bei dem Priester aber sind die Schwierigkeiten in dieser Beziehung groß. Eigentlich sollte man sich gerne seiner Leitung überlassen und ihm dankbar sein für seine Führung. Das tritt aber nicht so leicht und schnell ein. Denn wenn Einer getadelt und zurechtgewiesen wird, so verwandelt sich bei ihm — und es braucht keineswegs der Schlechteste zu sein, — auf einmal alle Dankbarkeit in Gehässigkeit. So macht es auch Jeder, dem man einen Rath oder eine Ermahnung gibt, an den man eine Bitte richtet. Wenn ich sage: Gib den Armen Almosen, so ist das ihnen eine beschwerliche und lästige Zumuthung. Ich sage: Bekämpfe deinen Zorn, dämpfe deine Leidenschaft, beherrsche deine schlimme Neigung, vermindere ein wenig deine Bequemlichkeit! Sie finden diese Mahnungen drückend und unbequem. Wenn ich einen Ausschweifenden bestrafe, ihn aus der kirchlichen Gemeinschaft ausschließe und ihm die Theilnahme am öffentlichen Gottesdienste verwehre, so berührt ihn das allerdings schmerzlich, aber nicht wegen der erfolgten Ausschließung, sondern wegen der öffentlichen Beschämung. Das ist aber schon ein neues bedenkliches Stadium der Seelenkrankheit, wenn sich Einer, der aus der kirchlichen Gemeinschaft ausgeschlossen wird, nicht kränkt über den dadurch erlittenen Verlust an geistlichen Gütern, sondern wegen der äußeren Schande, während die Strafe selbst keinerlei Eindruck auf ihn macht.

Der heilige Paulus kommt daher in seinen Briefen immer wieder und wieder auf diesen Punkt zu sprechen. Auch Christus der Herr selbst schärft so nachdrücklich den Gehorsam gegen die geistlichen Vorsteher ein, daß er sogar sagt: „Auf den Stühlen Mosis sitzen die Schriftgelehrten und Pharisäer; Alles, was sie euch vorschreiben, das thuet [S. 701] nach ihren Werken aber sollet ihr nicht handeln!“1 Und als er den Aussätzigen heilte, sprach der Heiland: „Gehe hin, zeige dich dem Priester und bringe die Gabe dar, die Moses vorgeschrieben hat, ihnen zum Zeugniß!“2 Dagegen kannst du dich nicht berufen auf das Wort des Herrn: „Ihr machet ihn zu einem Kinde der Hölle, nocheinmal so bös, als ihr seid.“3 „Darum,“ spricht der Herr, „habe ich gesagt: Was sie thun, das sollt ihr nicht thun.“ Mit diesen Worten hat Christus den Gläubigen jede Einwendung abgeschnitten.

1: Matth. 23, 2.
2: Luk. 5, 14.
3: Matth. 23, 15.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger