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Chrysostomus († 407) - Homilien über den I. Thessalonicher-Brief

Neunte Homilie.

1.

Kap. V.

1. Über die Zeit und Stunde aber habt ihr, Brüder, nicht nöthig, daß wir euchschreiben;
2. denn ihr wisset selbst wohl, daß der Tag des Herrn kommen wird wie ein Dieb in der Nacht.

I. Kein Wesen scheint so begierig zu sein, verborgene und geheimnißvolle Dinge zu erforschen, als der Mensch. Diese Neigung besitzt er besonders dann, wenn sein Verstand noch nicht recht entwickelt und ausgebildet ist. Und so belästigen solch unentwickelte Knaben ihre Eltern, Lehrer und Erzieher mit einer Menge von Fragen, wann Dieß und Jenes geschehe. Der Grund davon mag einerseits in ihrem von den ernsten Fragen des Lebens unberührten Zustande liegen, andrerseits darin, daß sie nichts Wichtiges zu thun haben. Unter den verschiedenen Dingen, welche wir gerne [S. 678] wissen möchten, steht obenan die Zeit des jüngsten Tages. Und es ist gar kein Wunder, daß wir diesen gerne wissen möchten, denn es ist ja den heiligen Aposteln auch so ergangen. Schon lange bevor das Leiden Christi begann, traten sie vor den Herrn mit den Worten: „Sag’ uns doch, wann wird Dieß geschehen, und welches wird das Zeichen von deiner Ankunft und vom Ende der Welt sein?“1 Nach seinem Leiden aber und seiner Auferstehung sprachen sie zu ihm: „Sage uns, wirst du in dieser Zeit das Reich Israel wieder herstellen?“2 Und das war das Erste, um was sie ihn fragten. Ganz anders später. Nach der Ausgießung des heiligen Geistes nämlich haben sie nicht nur selbst nicht mehr gefragt und ihre Unkenntniß in diesem Punkte nicht als drückend befunden, sondern sie wiesen auch Diejenigen zurecht, welche sich mit derlei unzeitigen Grübeleien abquälten. So sagt denn z. B. der heilige Paulus:

Über die Zeit aber und Stunde habt ihr, Brüder, nicht nöthig, daß wir euch schreiben.

Warum sagt er nicht: „Das weiß Niemand?“ oder warum heißt es nicht: „Das ist nicht geoffenbart,“ sondern: „Darüber habt ihr nicht nöthig, daß wir euch schreiben?“ Dadurch hätte er sie nur noch mehr aufgeregt, so aber enthält seine Antwort etwas Beruhigendes für sie. Mit den Worten: „Ihr habt es nicht nöthig“ lenkt er sie ab von dieser Frage als einer überflüssigen und unnützen. Und was sollte es uns auch nützen, wenn wir die Zeit des jüngsten Tages kennen würden? Gesetzt, das Ende der Welt komme nach zwanzig, nach dreißig, nach hundert Jahren. Was hilft das [S. 679] uns? Ist nicht für Jeden das Ende seines eigenen Lebens auch der jüngste Tag? Was grübelst und brütest du also über das Ende der Welt? Aber es geht eben hier wie sonst auch, wo man die eigenen Fehler nicht steht und sich dafür sehr um Andere kümmert, und sagt: Dieser oder Jener ist unzüchtig, der Andere ein Ehebrecher oder ein Dieb oder ein Betrüger. An seine eigenen Untugenden denkt man nicht und Jeder kümmert sich um fremde Dinge mehr als um die eigenen Angelegenheiten. So also geht es auch in diesem Stücke, und statt unser eigenes Lebensende zum Gegenstande unserer eifrigsten Sorge zu machen, verlieren wir uns in eitle Grübeleien über das Weltende. Welcher Zusammenhang besteht zwischen diesen beiden Dingen? Sorge nur für ein gutes Ende deines Lebens, dann wird dir das Weltende nichts Schlechtes bringen; ob es dann bald kommt oder erst in fernen Zeiten, kann dir dann ganz gleichgiltig sein. Und Christus hat auch darum Nichts darüber geoffenbart, weil die Kenntniß dieses Zeitpunktes nicht von Nutzen ist. Warum aber nicht von Nutzen? Das weiß nur Derjenige, der es uns verborgen hielt. Höre, was er selbst zu den Aposteln sagt: „Es steht euch nicht zu, die Zeit oder Stunde zu wissen, welche der Vater in seiner Macht festgesetzt hat.“3 Wenn nun schon Petrus, der Apostelfürst, und die um ihn versammelten Jünger Solches hören mußten, da sie ungeeignete Fragen stellten, was soll deine Grübelei dir nützen? Aber, sagt man, damit könnte man den Ungläubigen den Mund stopfen. Wieso? Diese behaupten, diese Welt sei Gott. Wüßte man nun die Zeit ihres Unterganges, so könnte man Jene zum Schweigen bringen. Gut; wann werden diese zum Schweigen gebracht werden, dann, wenn man ihnen sagt, daß die Welt einmal untergehe, oder wenn man ihnen sagt, wann sie untergehe? Wollt ihr ihnen den Mund stopfen, so saget ihnen zuerst, daß die Welt untergehen [S. 680] werde. Und wenn sie Dieß nicht glauben, dann werden sie auch das Andere nicht glauben.

1: Matth. 24, 3.
2: Apostelg. 1, 6.
3: Apostelg. 1, 7.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger