Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus (In Matthaeum homiliae I-XC) Zweiunddreißigste Homilie. Kap IX, V.27 - Kap. X, V.15.
5. Damit sie sodann nicht sagen: Willst du also, dass wir vom Betteln leben? und sich dessen schämten, so zeigt er, dass es sich hier um eine Pflicht handle, indem er sie Arbeiter und die gebotene Gabe einen Lohn nennt. Glaubet nicht, will er sagen, weil eure Wohltat im Reden besteht, sie sei deshalb von eurer Seite gering; es sind ja vielleicht Mühen damit verbunden. Und was immer eure Schüler geben wollen, sie geben es nicht als Gnade, sondern als Entgelt. "Denn der Arbeiter ist seiner Nahrung wert." So hat er aber geredet, nicht als ob ihre apostolischen Mühen nur soviel wert seien; nein, durchaus nicht, vielmehr wollte er ihnen als Regel einschärfen, nicht mehr zu verlangen und die Geber darüber belehren, dass ihre Gabe kein Akt der Liebe sei, sondern die Erfüllung einer Pflicht. V.11: "So oft ihr in eine Stadt oder in ein Dorf kommt, so fragt, wer in ihr ein rechtschaffenes Leben führe, und dann bleibet so lange dort, bis zu eurem Weggang." Der Herr will sagen, mit den Worten: "Der Arbeiter ist seiner Nahrung wert" habe ich euch nicht auch schon alle Türen geöffnet; vielmehr will ich, dass ihr auch hierin große Vorsicht an den Tag legt. Das ist ja auch für euren Ruf von Vorteil, sowie für eure leiblichen Bedürfnisse. Denn wer rechtschaffen ist, wird ganz gewiß auch für eure Nahrung sorgen, zumal wenn ihr nicht mehr verlangt, als notwendig ist. Doch befiehlt der Herr, nicht allein rechtschaffene Leute aufzusuchen, er verbietet auch, von einem Haus ins andere zu wandern, damit nicht so ihre Gastgeber beleidigt und sie selbst sich den Ruf von schwelgerischen und genußsüchtigen Menschen zuzuziehen. Das gab er ihnen zu verstehen mit den Worten: "Bleibet dort bis zu euren Weggang." Dasselbe können wir auch aus den anderen Evangelisten lernen1 . Siehst du also, wie der Herr auch in dieser Beziehung dafür sorgt, dass das Ansehen der Jünger gewahrt bleibe, und wie er doch zugleich die Gastgeber zum Eifer anspornt, indem er zeigt, dass eigentlich mehr sie es sind, die dabei zu gewinnen haben, sowohl an Ehre als auch an Vorteil? Dann betont er im folgenden dasselbe Gebot und sagt: V.12: "Wenn ihr aber in das Haus eintretet, so entbietet ihm euren Gruß; V.13: und wenn das Haus würdig ist, so komme euer Friede über dasselbe; wenn es nicht würdig ist, so möge euer Friede zu euch selbst zurückkehren." Siehst du, bis zu welchem Grade es der Herr sich nicht nehmen ließ, seine Anordnungen zu treffen? und dies ganz mit Recht. Er wollte ja die Jünger zu Helden des Glaubens und zu Herolden der ganzen Welt machen. Deshalb lehrt er sie auf diese Weise, Maß zu halten und sich damit selbst zu empfehlen; deshalb fährt er fort: V.14: "Und falls euch jemand nicht aufnimmt, und auf eure Worte nicht hört, so verlaßt jenes Haus oder die Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen. V.15: Wahrlich sage ich euch, Sodoma und Gomorrha werden ein erträglicheres Los finden an jenem Tage, als solch eine Stadt. Wartet nicht, will der Herr sagen, bis ihr als Lehrer von anderen zuerst gegrüßt werdet, sondern erweiset ihr ihnen zuerst die Ehrenbezeigung. Daraufhin will er ihnen zeigen, dass dies kein leerer Gruß sei, sondern ein Segen; Deshalb sagt er: Wenn das Haus würdig ist, wird der Segen auf dasselbe kommen; ist es aber gottlos, so wird es schon dadurch gestraft, dass es die Gnade des Friedens nicht erlangt; sodann aber auch dadurch, dass es ihm ergehen wird wie Sodoma. Aber was nützt es uns, wenn jene gestraft werden, fragen sie? Die Häuser der Würdigen werden euch dafür offen stehen. Welches ist aber der Sinn dieser Worte: "Schüttelt den Staub von euren Füßen"? Entweder sollen sie damit andeuten, dass sie von ihnen nichts erhalten haben, oder ihnen zeigen, welch langen Weg sie um ihretwillen gemacht haben. Du aber beachte, wie der Herr seinen Jüngern noch immer nicht die Fülle seiner Gaben verleiht. So hat er ihnen noch nicht die Gabe des Vorauswissens erteilt, so dass sie etwa schon zum voraus wußten, wer würdig ist und wer nicht: vielmehr will er, dass sie sich selbst umsehen und Erfahrungen machen. Warum ist er aber selbst bei dem Zöllner zu Gast gewesen? Weil ihn seine Bekehrung dessen würdig machte. Bemerke sodann auch, wie er ihnen zuerst alles nimmt und ihnen dann alles gibt, indem er ihnen befiehlt, in den Häusern der Schüler zu bleiben und hineinzugehen, ohne etwas in der Tasche zu haben. So wurden sie eben frei von Sorgen und konnten zugleich die anderen überzeugen, dass sie nur wegen ihres Seelenheiles gekommen seien, da sie ja nichts mit sich führten und nur das von ihnen verlangten, was durchaus notwendig war, auch nicht bei allen ohne Unterschied eintraten. Der Herr wollte eben, dass sie sich nicht bloß durch ihre Wundertaten auszeichneten, sondern schon vor den Wundertaten durch ihre eigene Tugend. Denn nichts charakterisiert die wahre Tugend so sehr, als wenn man nichts überflüssiges hat und so weit als möglich keine Ansprüche macht. Das wußten auch die falschen Apostel. Deshalb sagt auch der hl. Paulus: "Damit sie in dem, worin sie sich rühmen, erfunden würden wie auch wir"2 . Wenn aber schon diejenigen, die in der Fremde sind und in unbekannte Gegenden wandern, nicht mehr verlangen sollen, als die tägliche Nahrung, dann um so mehr jene, die zu Hause bleiben.
1: Mk 6,10; Lk 10,7 2: 2 Kor 11,12
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