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Chrysostomus († 407) - Homilien über den I. Thessalonicher-Brief

Siebente Homilie.

1.

12. Wir wollen euch aber, Brüder, nicht in Unwissenheit lassen über die Entschlafenen, damit ihr nicht betrübt seid, wie die übrigen, die keine Hoffnung haben.

I. Viele Dinge gibt es, über welche wir uns nur aus Unwissenheit betrüben. Sobald wir sie genau kennen, so verlieren sie ihr Bitteres. Im Hinweis darauf sagt denn auch der heilige Paulus: „Ich will euch nicht in Unwissenheit lassen über die Entschlafenen, damit ihr nicht betrübt seid wie die übrigen, welche keine Hoffnung haben.“ Worüber nun will der Apostel die Thessalonikischen Christen nicht in Unwissenheit lassen? Über die Lehre von der Auferstehung. Warum spricht er aber nicht von der Strafe, welche Derjenigen wartet, die von dieser Lehre Nichts wissen wollen? Darum, weil diese Folge sich aus dem Gesagten von selbst ergibt und gar nicht bezweifelt wird. Indessen wird auch der Unterricht über die Auferstehung selbst vielleicht einen ähnlichen Nutzen haben, als wie wenn von der den Un- [S. 647] gläubigen drohenden Strafe ausdrücklich gehandelt würde. Der Apostel spricht von der Auferstehung, weil die Thessaloniker zwar an dieselbe glaubten, aber doch über die Verstorbenen trauerten. Er drückt sich ihnen gegenüber ganz anders aus, als solchen gegenüber, die noch nicht an die Auferstehung glaubten; daß aber die Thessaloniker daran glaubten, geht daraus hervor, daß sie eine Anfrage an den Apostel gerichtet hatten über die Zeit der Auferstehung.

13. Denn wenn wir glauben, daß Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird auch Gott Die, welche in Jesu entschlafen sind, mit ihm herbeiführen.

Was werden dazu Diejenigen sagen, welche die menschliche Natur Christi leugnen? Hat Christus nicht wahrhaft Fleisch angenommen, so ist er auch nicht gestorben; ist er aber nicht gestorben, so ist er auch nicht auferstanden. Wie kann nun aber der Apostel diese Thatsachen benutzen, um daraus einen Beweis für die Wirklichkeit der Auferstehung abzuleiten? Mußte eine solche Beweisführung in den Augen der Thessaloniker nicht als leeres Gerede und absichtliche Täuschung erscheinen? Wenn einerseits der Tod der Sünde Sold ist, andrerseits aber Christus nicht gesündigt hat, wie soll das ein Beweis für die Auferstehung sein? Und was soll das heißen: „Wie die Übrigen, die keine Hoffnung haben?“ Er scheint zu sagen: Was für Verstorbene beweint und betrauert ihr, o Menschen? Die Sünder oder Diejenigen, welche einfach gestorben sind? Und was für Todte betrauern dann jene „Übrigen“? Kurz, die ganze Lehre von der Auferstehung muß ihnen verworren und haltlos vorkommen. „Erstgeborener von den Todten,“ sagt er;1 es muß also auch noch Andere geben.

[S. 648] Hier muß nun vor Allem beachtet werden, zu wem denn hier der Apostel spricht. Und das sind hier die gläubigen und glaubenswilligen Thessaloniker. Bei diesen bringt er keine Vernunftbeweise zur Anwendung, wie er das wiederholt bei den Korinthiern thut und dann ausruft: „Du Thor, du magst säen, was du nur willst, es bekommt kein Leben, wenn es nicht zuvor stirbt!“2 Was der Apostel zu den Thessalonikern sagt, ist wohl beweiskräftig, aber doch nur für Solche, welche schon glauben. Welche Wirkung soll aber eine solche Beweisführung für Ungläubige haben?

So wird Gott auch Die, welche in Jesu entschlafen sind, mit ihm herbeiführen.

Der Apostel sagt wieder: „Die Entschlafenen“, nicht „die Abgestorbenen.“ Von Christus sagt er: „Er ist gestorben,“ weil er auch von seiner Auferstehung spricht. Hier aber sagt er: „Die, welche in Jesu entschlafen sind.“ Und mit den Worten: „In Jesu“ will der Apostel entweder sagen: Er wird hervorführen Diejenigen, welche im Glauben an Jesus entschlafen sind, oder: Er wird durch Jesus die Entschlafenen, d. h. die Gläubigen hervorführen.

Häretiker behaupten, daß hier unter den Entschlafenen nur die Getauften zu verstehen seien. Wie stimmt dazu der Beisatz „ebenso“? Jesus ist auch nicht durch die Taufe entschlafen. Was bedeuten die Worte: „Welche entschlafen sind?“ So spricht der Apostel, weil er hier zunächst von der Auferstehung Derjenigen spricht, welche längst gestorben sind, und erst später von dem Loose Derjenigen, welche zur Zeit der zweiten Ankunft Christi noch auf Erden leben werden.3

[S. 649] Er wird Die, welche in Jesus entschlafen sind, mit ihm herbeiführen.

Ähnlich drückt sich der Apostel auch an vielen andern Stellen aus.

1: Kol. 1, 18.
2: I. Kor. 15, 36.
3: Das ist eine der wenigen Stellen, bei welchen sich der Uebersetzer zu einer etwas freieren Uebertragung des Textes für berechtigt erachtete, weil die wörtliche Uebersetzung zu dunkel erschien. Jedermann wird Meister Nägelsbach recht geben, wenn er verlangt: „Die Uebersetzung sei die Blüthe des Verständnisses!“ Andrerseits wird auch die Behauptung richtig sein: „Eine, wenn auch freie, Uebersetzung, die das Verständniß erleichtert, braucht darum noch nicht schlecht zu sein.“

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger