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Chrysostomus († 407) - Homilien über den I. Thessalonicher-Brief

Sechste Homilie.

1.

9. Was aber die Bruderliebe betrifft, so habt ihr nicht nöthig, daß wir euch schreiben, denn ihr seid selbst von Gott belehrt, einander zu lieben;
10. denn ihr thut es ja auch gegen alle Brüder in Macedonien.

I. Der heilige Paulus hat unmittelbar vorher nachdrucksamft von der Keuschheit gesprochen und schickt sich eben an, von der Verpflichtung zur Arbeit und von der Unstatthaftigkeit der (allzugroßen) Trauer über die Verstorbenen zu reden. Von der Verpflichtung zur Liebe aber, welche doch die vorzüglichste Tugend ist, sagt er fast Nichts und macht nur die kurze Bemerkung: „Darüber brauche ich euch nicht zu schreiben.“

In diesem Verfahren können wir wieder seine Klugheit und Lehrweisheit erkennen, denn er erreicht dadurch [S. 630] einen doppelten Zweck. Erstens nämlich deutet er dadurch an, die Liebe sei eine so nothwendige und darum Allen wohlbekannte Sache, daß jede weitere Belehrung darüber überflüssig sei; zweitens wird durch diese Art des Ausdrucks die Aufmunterung viel wirksamer, als wenn er sie direkt ermahnt hätte. Denn wenn er von der Voraussetzung ausgeht, sie hätten diese Pflicht längst erfüllt, und wenn er sie aus diesem Grunde gar nicht mehr eigens zur Erfüllung dieser Pflicht auffordert, so spornt er sie dadurch, auch für den Fall, daß sie es bisher nicht gethan hätten, viel mehr an, als wenn er sie ausdrücklich erst dazu aufgefordert hätte. Beachtet aber, daß er nicht von der Liebe gegen Alle, sondern nur von der Bruderliebe spricht!

Ihr habt nicht nöthig, daß wir euch schreiben.

Wenn es wirklich überflüssig gewesen wäre, so hätte der Apostel eigentlich ganz davon schweigen sollen. Dadurch aber, daß er sagt: „Ich brauche euch nicht zu schreiben,“ bringt er einen viel größeren Eindruck hervor, als durch eine ausdrückliche Ermahnung.

Denn ihr seid ja selbst von Gott belehrt.

Beachtet, was für ein Lob darin liegt, daß der Apostel zu den Thessalonikischen Christen sagt, Gott selbst sei ihr Lehrer gewesen. „Es ist nicht nothwendig,“ sagt er, „daß ihr darüber erst von irgend Jemand belehrt werdet.“ Auf euch bezieht sich das Wort des Propheten: „Und sie werden von Gott selbst belehrt werden.“1

Ihr seid von Gott selbst über die Pflicht der gegenseitigen Liebe belehrt worden, und ihr erfüllt ja auch diese [S. 631] Pflicht schon, indem ihr eure Liebe zu den Brüdern in ganz Mazedonien so schön zeigt.

„Und auch zu den Andern“ fährt er weiter. — Diese Bemerkungen sind sehr geeignet, die Thessalonikischen Christen noch mehr anzuspornen, auf daß sie mit Eifer auch fürderhin die Pflichten erfüllten, denen sie bisher schon nachgekommen waren. Es ist, sagt der Apostel, nicht eine bloße Behauptung, daß ihr (über die Pflicht der Nächstenliebe) von Gott belehrt worden seid, sondern ich sehe den Beweis davon deutlich in euern Werken. Und dieses Zeugniß gibt er ihnen wiederholt.

10. Wir bitten euch aber, Brüder, wachset darin mehr und mehr,
11. und bestrebet euch, ein stilles Leben zu führen, euer eigen Geschäft zu treiben, mit euren eigenen Händen zu arbeiten, wie wir es euch befohlen haben, ehrbar zu wandeln vor Denen, die draußen sind und von Niemand Etwas zu begehren.

1: Is. 54, 13.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger