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Chrysostomus († 407) - Homilien über den I. Thessalonicher-Brief

Fünfte Homilie.

1.

Kap. IV.

1. Im Übrigen, Brüder, bitten und ermahnen wir euch im Herrn Jesus, daß ihr nach der von uns empfangenen Anleitung, wie ihr wandeln und Gott wohlgefallen sollet, auch so wandelt, auf daß ihr mehr und mehr vollkommen werdet.
2. Ihr wisset ja, welche Vorschriften wir euch gegeben haben durch den Herrn Jesus,
3. denn das ist der Wille Gottes, eure Heiligung.

Wenn der Apostel Paulus bei den dringenden und nächst gelegenen Punkten seiner Darlegung verweilt hat und zu Dem übergehen will, was nun weiter der Reihe nach folgt und zugleich mit diesem erörtert werden soll, so leitet er das Letztere immer mit dem Worte ein: „Im Übrigen.“

[S. 616] An dieser Stelle also will er sagen: Immer und allezeit bitten und ermahnen wir euch im Herrn. Höret und staunet! Nicht einmal beim Ermahnen stützt er sich auf seine eigene Autorität, — und doch, wer besaß eine solche in so hohem Grade! — nein, er beruft sich auf Christus und sagt: „Im Herrn,“ d. h. im Namen Gottes. So schreibt er auch an die Korinthier: „Gott selbst ermahnt euch durch uns, 1 daß ihr nach der von uns — nicht bloß durch unsern Unterricht, sondern auch durch unser Beispiel — empfangenen Anleitung, wie ihr wandeln — hierin zeigt er, wie unser Lebenswandel beschaffen sein soll — und Gott gefallen sollet, auch so wandelt, auf daß ihr mehr und mehr vollkommen werdet,“ d. h. daß ihr aus Streben nach höherer Vollkommenheit nicht bei der bloßen Erfüllung der Gebote stehen bleibet, sondern darüber hinausgehet.

Hat nun der Apostel im Vorhergehenden die wundersame Glaubensfestigkeit der Thessalonikischen Christen lobend anerkannt, so geht er jetzt daran, ihren Lebenswandel zu regeln. Die Vollkommenheit besteht nämlich darin, daß man nicht bloß Dasjenige thut, was die Satzungen und Gebote vorschreiben, sondern noch mehr; denn dann ist ersichtlich, daß man nicht bloß die Gebote erfüllt, weil man nach der einmal angenommenen Lehre des Evangeliums muß, sondern daß man alles auf das christliche Leben Bezügliche, sei es nun strenges Gebot oder nicht, gerne und mit Freuden vollbringt. Auch mit dem Erdboden ist man nicht zufrieden, wenn er bloß so viel hervorbringt, als in ihn hineingelegt worden ist. So darf auch die christliche Seele sich nicht damit begnügen, was durch die Gebote in sie hineingelegt ist, sondern muß viel mehr leisten. Ja, mit Recht verlangt der Apostel eine weitergehende Leistung. [S. 617] Die Tugend umfaßt zwei Dinge, nämlich das Böse meiden und das Gute thun. Die Enthaltung vom Bösen ist noch nicht selbst Tugend, sondern nur Anfang derselben und Weg dazu. Es gehört noch ein eifriges Streben nach dem Guten dazu.

Was man nun zu meiden habe, das gibt der Apostel den Gläubigen an in Form bestimmter Gebote. Und dieß mit Recht. Wer Verbotenes thut, zieht sich Strafe zu; wer es meidet, verdient darob eigentlich noch kein Lob. Die eigentlichen Tugendwerke aber, wie z. B. die Hingabe seines Vermögens u. dergl., fallen nicht unter die strengen Gebote, sondern unter die Räthe, und von diesen heißt es: „Wer es fassen kann, der fasse es!“2 An diese Gebote und die Art ihrer Mittheilung nun, die ihnen der Apostel mit Furcht und Zittern mitgetheilt hatte, will nun wohl der Apostel die Gläubigen erinnern. Darum führt er diese nicht mehr einzeln auf, sondern erinnert sie nur mit den Worten: „Ihr wisset ja, welche Vorschriften wir euch gegeben haben durch den Herrn Jesum Christum. Denn das ist der Wille Gottes, eure Heiligung.“ Beachtet, wie der Apostel sich über keinen andern Punkt so verblümt ausdrückt wie über diesen!

In einem andern Briefe schreibt er: „Strebet nach Frieden mit Allen und nach Heiligung, ohne welche Niemand Gott schauen wird!“3 Daß er aber doch darüber an seine Jünger schreibt, darf uns nicht wundern, wenn wir sogar in dem Briefe an den Timotheus lesen: „Halte dich selbst keusch!“4 Im zweiten Brief an die Korinther heißt es: „In vieler Geduld, im Wachen, in Keuschheit.“5 Und dasselbe findet sich noch in vielen andern Briefen des [S. 618] Apostels, so z. B. im Briefe an die Römer, kurz, in allen seinen Sendschreiben. Denn die Unzucht ist ein gemeinschädliches Übel. Wie ein schmutziges Schwein überall, wo es hinkommt, seinen Gestank verbreitet und Alles mit Unflath besudelt, so ist es auch mit der Unzucht. Und sie ist ein Laster, dessen Folgen kaum zu vertilgen sind. Wenn aber sogar verheirathete Männer demselben fröhnen, so ist das wohl das Übermaß von Verkommenheit.

3. Denn das ist der Wille Gottes, eure Heiligung, daß ihr euch enthaltet von aller Unkeuschheit.

Es gibt verschiedene Arten von Unkeuschheit; vielfältig sind die Erscheinungen der Sinnenlust, und man kann sie nicht wohl aufzählen. Der Apostel erwähnt daher die Unzucht überhaupt und überläßt das Weitere Denen, die sie kennen.

1: II. Kor. 5, 20.
2: Matth. 19, 12.
3: Hebr. 12, 14.
4: I. Tim. 5, 22.
5: II. Kor. 6, 6.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger