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Chrysostomus († 407) - Homilien über den I. Thessalonicher-Brief

Vierte Homilie.

1.

5. Darum, weil ich es nicht länger aushielt, schickte ich hin, um zu hören, wie es um euern Glauben stehe, ob nicht etwa der Versucher euch versucht habe, und unsere Arbeit vereitelt worden sei.
6. Nun aber, da Timotheus von euch zu uns zurückgekommen ist und uns so erfreuliche Nachricht bringt von eurem Glauben und eurer Liebe, und daß ihr uns noch immer in gutem Andenken haltet und Verlangen traget, uns zu sehen, wie auch wir euch,
7. so sind wir deßhalb, Brüder, durch euch getröstet bei all unserer Trübsal und Noth durch euren Glauben:
8. Denn nun leben wir, wenn ihr feststehet im Herrn.

I. Wir stehen heute vor einer Frage, die schon von gar Vielen aufgeworfen ward und gar vielseitig erörtert wurde. [S. 598] Sie wird veranlaßt durch die Worte des Apostels: „Da ich es nicht länger aushielt, schickte ich den Timotheus hin, um zu hören, wie es um euren Glauben stehe.“ Was soll das heißen? Er, der so große Wissenschaft besitzt, der unaussprechliche Worte gehört hat, der bis in den dritten Himmel entrückt war, er soll das nicht wissen, soll es nicht wissen, obwohl er sich nur in Athen befindet, obwohl ihn nur ein kleiner Zwischenraum von jenen Gläubigen trennt, obwohl er sie erst vor kurzer Zeit verlassen? („eine Zeit lang eurer beraubt,“ sagt er oben.) Nein, er kennt den Stand der Dinge in Thessalonich nicht, er ist genöthigt, den Timotheus hinzuschicken, um zu hören, wie es um ihren Glauben stehe, „ob nicht etwa,“ wie er sich ausdrückt, „der Versucher euch versucht habe und unsere Arbeit vereitelt worden sei.“ Was soll man nun da sagen? Etwa daß die Heiligen nicht Alles gewußt haben? Ja, so ist es. Und das läßt sich aus vielen Thatsachen der frühesten wie der spätesten Zeiten nachweisen. Elisäus kannte jenes Weib nicht (das sich an ihn wandte).1 Elias sprach zu Gott: „Ich bin allein übrig geblieben, und sie trachten mir nach dem Leben.“2 Darum hörte er von Gott die Antwort: „Ich habe mir noch siebentausend Männer aufbewahrt.“3 Zu Samuel sprach der Herr, als er ihn absandte, den David zu salben: „Achte nicht auf sein Aussehen noch auf die Größe seiner Gestalt, denn diesen habe ich verworfen. Gott sieht nicht, wie der Mensch: der Mensch sieht nur das äußere, Gott aber sieht ins Herz.“4 Dieses Nichtwissen der Heiligen beruht auf einer weisen Fürsorge Gottes, und zwar sowohl zum Besten der Heiligen selbst, als auch Derjenigen, die auf sie vertrauen. Wie Gott nämlich zuläßt, daß Verfolgungen entstehen, so [S. 599] läßt er auch die Heiligen über Vieles in Unwissenheit, damit sie demüthig bleiben. Darum sagt auch der heilige Paulus: „Es wurde mir ein Stachel ins Fleisch gegeben, ein Engel des Satans, daß er mir Faustschläge gebe, damit ich mich nicht überhebe.“5

Ein weiterer Zweck dieser Anordnung Gottes besteht darin, daß die andern Menschen keine allzu hohe Meinung von Jenen fassen sollten. Denn wenn man sie schon wegen ihrer Wunder für Götter hielt, um wie viel mehr erst dann, wenn sie immer Alles gewußt hätten. In dieser Beziehung spricht auch der Apostel: „Keiner soll mehr von mir halten, als was er an mir sieht oder von mir hört!“6 Und nach der Heilung des Lahmen spricht der heilige Petrus: „Was sehet ihr auf uns, als hätten wir aus eigener Kraft oder Frömmigkeit ihn gehen gemacht?“7 Wenn nun schon trotzdem, daß sie so redeten und Handelten, ihre geringen und unbedeutenden Wunder so gottlosen Wahn erzeugten, um wie viel mehr würde die Gabe der Allwissenheit einen solchen hervorgerufen haben! — Noch aus einem dritten Grunde hat Gott diese Unwissenheit zugelassen. Damit nämlich Niemand sagen könne, sie hätten nicht als Menschen solche Dinge gewirkt — ein Wahn, der allgemeine Gleichgiltigkeit und Erschlaffung hätte hervorrufen müssen — und um jeden Vorwand zu schnöder Undankbarkeit abzuschneiden, deßhalb zeigt er deutlich, daß auch sie schwache Menschen seien.

Darum weiß St. Paulus nicht, wie es um die Gläubigen in Thessalonich stehe ; darum kommt er trotz seines öftern Vorhabens nicht zu ihnen; daraus sollten sie erkennen, daß er gar Vieles nicht wisse. Und das war sehr nützlich; gab es ja noch Viele, die behaupteten: „Dieser ist [S. 600] die gewaltige Kraft Gottes selbst.“ Andere thaten ähnliche Äußerungen. Was hätten sie nun gedacht und gesagt, wären die Apostel und andere Heilige allwissend gewesen? In den oben angegebenen Worten des Apostels scheint eine Art von Tadel gegen die Thessalonikischen Gläubigen zu liegen. Allein bei genauerer Betrachtung sind darin zunächst zwei Punkte ausgedrückt, einmal eine bewundernde Anerkennung, und dann das außerordentlich hohe Maß ihrer Leiden. Inwiefern? Also merket auf! Man könnte einwenden: Du hast vorher gesagt: das ist unsere Bestimmung und Niemand lasse sich verwirren; warum schickst du dann den Timotheus hin, als befürchtest du, es möchte dort Etwas gegen Wunsch und Erwartung vorgefallen sein? Doch wisse, das thut der Apostel einerseits aus lauter Liebe! Denn wer innig liebt, der ist auch dann noch in Angst, wenn Alles in Ordnung ist. Andrerseits veranlaßt ihn dazu die Menge der Trübsale, welche sie zu bestehen hatten. Allerdings hat er gesagt, „das sei unsere Bestimmung,“ allein das Übermaß ihrer Leiden flößt ihm Besorgniß ein, darum schreibt er auch nicht: Ich schickte ihn zu euch, um euch Vorwürfe zumachen, sondern: „da ich es nicht länger aushalten konnte.“ Und das war mehr ein Ausdruck seiner Liebe.

Ob nicht etwa der Versucher euch versucht habe.

Darnach ist das Wanken in der Versuchung ein Werk des Teufels und seiner Bosheit. Und wenn er selber über uns Nichts vermag, dann macht er durch uns Schwächere wankend, und dieses durch Andere zum Wanken gebracht werden, das ist ein Zeichen großer Schwachheit und verdient keine Entschuldigung. Dieses Verfahren hat der böse Feind dem Job gegenüber versucht, indem er durch dessen Weib zu ihm sprach: „Lobe nur deinen Gott und stirb!“8

1: IV. Kön. 4, 1.
2: III. Kön. 19, 10.
3: Ebd. 19, 18.
4: I. Kön. 16, 7.
5: II. Kor. 12, 7.
6: Ebd. 12, 7.
7: Apostelg. 3, 12.
8: Job 2, 9.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger