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Chrysostomus († 407) - Homilien über den I. Thessalonicher-Brief

Zweite Homilie.

1.

8. Denn von euch aus erscholl das Wort des Herren nicht nur in Macedonien und Achaia, sondern überallhin ist euer Glaube an Gott gedrungen, so daß wir nicht nöthig haben. Etwas zu sagen.
9. Denn sie selbst verkündigen von uns, welchen Eingang wir bei euch gefunden, und wie ihr euch von den Götzen zu Gott bekehrt habt, um dem lebendigen und wahren Gott zu dienen
10. und seinen Sohn vom Himmel zu erwarten, den er von den Todten auferweckt hat, Jesum nämlich, der uns vom zukünftigen Zorne erlöst hat.

Gleichwie eine wohlriechende Salbe ihren Duft nicht in sich verschließt, sondern ihn ausströmt und die Luft weitumher mit ihrem Wohlgeruche erfüllt, so daß Alle, welche sich in der Nähe befinden, ihn wahrnehmen, so halten edle [S. 555] und bewunderungswürdige Männer ihre Tugenden nicht verborgen, sondern dadurch, daß die Kunde davon sich in weiteren Kreisen verbreitet, wirken sie fördernd und bessernd auf gar viele Menschen ein. Das ist auch hier der Fall gewesen und mit Beziehung darauf sagt der Apostel: „So daß ihr Vorbilder geworden seid aller Gläubigen in Achaia und Macedonien. Denn von euch aus erscholl das Wort des Herrn nicht nur in Macedonien und Achaia, sondern überallhin ist euer Glaube an Gott gedrungen.“ Euer Fortschritt im Glauben, will der Apostel sagen, hat die ganze Umgegend mit Staunen erfüllt, eure wundervollen Thaten aber den ganzen Erdkreis. Denn das bedeutet der Ausdruck „überallhin“ . Und er sagt auch nicht: „Euer Glaube ist bekannt geworden,“ sondern er bedient sich des Ausdrucks „erschollen“ . Gleichwie nämlich von dem Schall einer gewaltigen Posaune die ganze Gegend widerhallt, so ist der Ruf von eurer Glaubensstärke, gleich einer Posaune weithinschallend, im Stande, den ganzen Erdkreis zu durchdringen und mit gleicher Stärke überall an Aller Ohren zu schlagen. Große Thaten werden an den Orten, wo sie geschehen, wohl auch laut gepriesen, in der Ferne aber weniger. Bei euch nun ist dem nicht also: euer Ruf ist mit weitem Schalle über die ganze Erde hin gedrungen. Diese Worte soll Niemand für Übertreibung halten. Denn dieses Volk der Macedonier war schon vor der Erscheinung Christi auf Erden hochberühmt und mehr noch gefeiert als selbst die Römer, welche gerade dadurch hohen Ruhm erlangten, daß sie die Macedonier unterjochten. Die Thaten, welche der Macedonierkönig vollführte, können mit Worten gar nicht beschrieben werden; aus einem kleinen Lande hervorgehend, hat er die ganze Welt bezwungen. Darum sah ihn auch der Prophet als geflügelten Panther,1 indem er durch dieses Bild seine [S. 556] Schnelligkeit, seine Thatkraft, seinen Siegesmuth bezeichnete, mit dem er unter lauter Siegen und Trophäen den Erdkreis durchzog.

Von ihm wird erzählt, er habe einst, als ein Philosoph behauptete, es gebe unzählige Welten, schmerzlich geseufzt, daß er noch nicht einmal eine einzige Welt erobert habe. So hochstrebenden Sinnes war dieser Mann und in Sage und Sang ward er allüberall gefeiert. Und zugleich mit dem Ruhme des Königs stieg auch das Ansehen des Volkes; jener Macedonierkönig nämlich war Alexander. Da nun dessen Ruhm überallhin drang, so wurde auch Alles, was in seinem Lande vorging, in der weiten Welt bekannt. Denn was mit hervorragenden Männern in Verbindung steht, kann nun einmal nicht in Verborgenheit bleiben. Die Thaten der Macedonier aber standen denen der Römer nicht nach.

„Euer Glaube an Gott,“ heißt es weiter, ist überallhin gedrungen.“ Der Apostel drückt sich aus, wie wenn er von einem lebenden Wesen sprechen würde und gebraucht den Ausdruck „überallhin gedrungen“. Das thut er im Hinblick auf ihren heiligen Eifer. Und um zu bezeichnen, daß sie ihren Glauben lebendig und thatkräftig gezeigt hätten, fügt er bei: „So daß wir nicht nöthig haben, Etwas zu sagen, denn sie selbst verkünden von uns, welchen Eingang wir bei euch gefunden.“ Sie warten es nicht ab, Etwas von euch zu hören, sondern Diejenigen, welche weder Augenzeugen noch Ohrenzeugen waren von euren Leistungen kommen mit deren Lobe den Augenzeugen derselben zuvor. So weit hat sich euer Ruhm verbreitet.

Darum brauchen wir auch ihnen gar nicht von eurem Verhalten zu erzählen, um sie zur Nacheiferung anzuspornen. Denn was sie erst aus unserm Munde vernehmen sollten, das erzählen sie als etwas längst Bekanntes. Sonst [S. 557] hängt sich bei derartigen Dingen Mißgunst an. Aber die Größe eurer Tugenden hat diese überwunden, und so sind sie selbst die Herolde eurer Trefflichkeit. Und obwohl sie euch nachstehen müssen, so schweigen sie doch nicht, sondern verkünden vor mir euer Lob. Bei dem Vorhandensein einer solchen Gesinnung nun können sie gewiß auch meinen Worten den Glauben nicht verweigern.

Was will der Apostel nun sagen mit den Worten: „Welchen Eingang wir bei euch gefunden?“ Das will heißen: Gefahrvoll war er, voll Todesnöthen, allein von all Dem hat euch Nichts wankend gemacht, ihr hieltet zu uns, wie wenn gar Nichts geschehen wäre. Wie wenn euch gar nichts Schlimmes widerfahren wäre, sondern wie wenn ihr tausend Wohlthaten empfangen hättet, also habt ihr uns dann später wieder aufgenommen. Das war nämlich der zweite Besuch. Als sie (nämlich Paulus und Silas) von ihnen weg nach Beröa gegangen waren,2 brach Verfolgung über die Gläubigen herein. Als dieselben später zurückkehrten, wurden sie von den Gläubigen so ehrenvoll aufgenommen, daß diese sogar ihr Leben für sie einsetzten. In den Worten nun: „Welchen Eingang wir bei euch gefunden“ ist ein doppeltes Lob ausgesprochen, das des Apostels und der Thessalonicher. Paulus aber deutet das Wort lediglich zu ihrem Lobe.

1: Dan. 7, 6.
2: Apostelg. 17, 10.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger