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Chrysostomus († 407) - Homilien über den I. Thessalonicher-Brief
Zweite Homilie.

6.

Jawohl, in der That ist ein wahrer Freund höher zu schätzen als das Licht der Augen. Über diese Worte brauchst du dich nicht zu wundern. Denn besser, daß die Sonne uns verschwinde, als daß der wahre Freund geraubt werde. Besser, in der Finsterniß wandeln, als ohne Freunde leben. „Wie so?“ möchte ich fragen. Ja, das will heißen: Viele, die zwar die Sonne sehen, wandeln im Dunkeln, Diejenigen aber, welche Freunde haben, wandeln auch dann nicht im Dunkeln, wenn sie sich in Leiden und Trübsalen befinden. Ich spreche von den wahren und eigentlichen Freunden, welchen die Freundschaft über Alles geht. Ein solcher war Paulus, der, auch ungebeten, gerne sein Leben hingegeben hätte. Mit so feuriger Inbrunst muß man lieben. Ich will euch ein Beispiel anführen dafür, daß Freunde, im [S. 568] christlichen Sinne nämlich, einander näher stehen, als selbst Eltern und Kinder. Denke mir da keiner an die Christen jetziger Zeit, denn mit so vielen andern Tugenden ist auch die Tugend der christlichen Freundschaft seltener geworden. Darauf lenke vielmehr ein Jeder sein Augenmerk, daß zur Zeit der Apostel nicht etwa bloß die Vorsteher, nein, auch „die Gläubigen selbst ein Herz und eine Seele waren.“1 „Keiner nannte von seiner Habe Etwas sein eigen, sondern einem Jeden ward nach Bedürfniß zugetheilt.“2 Mein und Dein waren damals fremde Begriffe. Die wahre Freundschaft zeigte sich darin, daß Niemand sein Eigenthum als seinen Besitz ansah, sondern das des Nebenmenschen, daß er dagegen seinen Besitz als fremdes Gut betrachtete; sie zeigt sich darin, daß Jeder nicht weniger auf sein Wohl bedacht war, als auf das des Nächsten, und daß dieser umgekehrt wieder eine gleiche Gesinnung an den Tag legte.

„Ist es möglich,“ frägt man, „daß es Menschen von solcher Gesinnung gibt?“ Jawohl ist es möglich, wenn wir nur wollen. Gar leicht wäre es der Fall, wofern nur bei uns kein Hinderniß bestünde. Wäre es unmöglich, so hätte Christus es nicht befohlen und hätte nicht so viel gesprochen von der christlichen Liebe. Ja, es ist etwas Großes um die Liebe, etwas unaussprechlich Großes; mit Worten läßt sich von ihr kein Begriff geben, nur durch eigene Erfahrung lernt man sie begreifen. Der Mangel an wahrer christlicher Liebe ist es, der so viele Spaltungen hervorgerufen hat, er trägt die Schuld, daß die griechischen Heiden immer noch Heiden sind. Der wahre Freund will nicht gebieten und herrschen, sondern größere Freude macht es ihm, wenn er dem Freunde gehorchen und dienen kann. Er will lieber Wohlthaten erweisen als empfangen. Er ist von Liebe durchdrungen, und darum ist ihm immer zu Muthe, als hätte er seinem Drange noch nicht Genüge [S. 569] gethan. Wenn er dem Freunde Gutes thun kann, so bereitet ihm das mehr Vergnügen, als wenn ihm selbst Solches widerfährt. Er will den Freund eher sich verpflichten, als ihm Dank schulden, oder vielmehr, er will zugleich den Freund zum Schuldner haben und dessen Schuldner sein. Er will dem Freunde dienen, aber ohne davon viel Aufhebens zu machen, vielmehr soll es scheinen, als ob ihm selbst dadurch ein Dienst erwiesen würde.

1: Apostelg. 4, 32.
2: Ebd. 4, 35.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger