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Chrysostomus († 407) - Homilien über den I. Thessalonicher-Brief
Erste Homilie.

5.

7. So daß ihr ein Vorbild geworden für alle Gläubigen in Macedonien und Achaia.

Der Apostel war erst spät zu den Thessalonikern gekommen. „Und dennoch,“ will er sagen, „habt ihr euch jetzt so ausgezeichnet, daß Solche, die vor euch das Christenthum annahmen, sich an euch ein Beispiel nehmen können.“ Das ist eine Äußerung, des Apostels ganz würdig. Er sagt nicht: „Daß ihr ein Vorbild geworden seid in Annahme des Glaubens,“ sondern: „Daß ihr den schon Glaubenden ein Vorbild geworden seid, d. h. wie man glauben müsse das habt ihr sie gelehrt, die ihr gleich beim Beginne eures Glaubens auch schon Kampfe in Betreff desselben zu bestehen hattet.“

[S. 547] Und in Achaia, d. h. in Griechenland. Seht ihr, was der Eifer vermag? Er verlangt nicht lange Zeit, nicht langes Nachdenken, nicht Aufschub; genug, daß er selbst da ist, und Alles ist vollbracht. So haben auch diese erst später den Glauben empfangen und sind doch Vorbilder Solcher geworden, die ihn erst später erhalten. Darum soll Keiner verzagen, wenn er auch bisher in langer Zeit nichts (Rechtes) gewirkt hat! Ist es ihm ja doch immerhin möglich, in kurzer Frist mehr zu Stande zu bringen, als er in langer Zeit versäumt hat. Denn wenn es Denen, die noch gar nicht geglaubt haben, möglich ist, gleich beim Beginne ihres Glaubens so Glanzvolles zu leisten, warum nicht auch Denen, die schon früher geglaubt?

Aber es darf auch andrerseits Niemand sorglos werden bei dem Gedanken, er könne in kurzer Zeit alles Versäumte wieder einholen. Denn die Zukunft ist ungewiß, und der Tag des Herrn ist wie ein Dieb, der plötzlich kommt, während wir schlafen. Wenn wir aber wachen und nüchtern sind, dann wird er uns nicht wie ein Dieb überraschen und nicht unvorbereitet treffen, sondern wie ein Bote des Königs, welcher uns beruft zum Genusse der uns bereiteten Freuden. Schlafen wir dagegen, dann überrascht uns der Tag des Herrn wie ein Dieb. Darum sei Keiner schläfrig, Keiner träge im Gutesthun! Denn das ist zu verstehen unter dem „Schlafen“. Wisset ihr nicht, wie unsicher unser Besitzthum ist, wie vielen Gefahren ausgesetzt, wenn wir schlafen?

Wofern wir aber wachsam sind, bedürfen wir solcher Hut nicht. Ergeben wir uns dagegen dem Schlafe, so können wir trotz vieler Wachen Schaden leiden, denn trotz vieler Thüren, Riegel, Wachen und Vorwachen ist schon oft der Dieb eingedrungen. Wozu aber diese meine Worte? Deßhalb, damit ihr folgende Wahrheit wohl beherzigt: Sind wir wachsam, so bedürfen wir keiner fremden Hilfe. Sind [S. 548] wir es aber nicht, dann nützt uns auch fremde Hilfe Nichts, sondern wir können sammt derselben ins Verderben stürzen. —

Schön ist es, der Fürbitte der Heiligen theilhaftig zu werden; aber nur dann, wenn wir selbst es an uns nicht fehlen lassen. „Was bedarf ich aber der Fürbitte Anderer, wenn ich selbst meine Schuldigkeit thue und dafür sorge, daß ich ihrer Fürbitte nicht bedarf?“ Eine solche Zumuthung wird dir auch von mir keineswegs gemacht; allein, wenn wir nur die Sache recht betrachten, es ist nun ebenso, daß wir diese Fürbitte allzeit nöthig haben. St. Paulus hat nicht gesagt: „Was bedarf ich der Fürbitte?“ Und doch waren Jene, so für ihn beteten, seiner nicht würdig, ja nicht einmal ihm gleich. Du aber sagst: „Was bedarf ich der Fürbitte?“ St. Petrus hat nicht gesagt: „Was bedarf ich der Fürbitte?“ Denn „ohne Unterlaß wurden von der Gemeinde für ihn gebetet.“1 Du aber sagst: „Was bedarf ich der Fürbitte?“ Gerade darum bedarfst du der Fürbitte, weil du ihrer nicht zu bedürfen wähnst.

Und wärst du auch ein zweiter Paulus, du hättest dennoch die Fürbitte nöthig. Erhebe dich nicht, auf daß du nicht gedemüthigt werdest! Aber, wie schon gesagt, die Fürbitten sind uns nur dann von Nutzen, wenn wir selber auch das Unsrige thun. Höre die Worte des heiligen Paulus: „Ich weiß, daß Dieses mir zum Heile gereichen wird durch euer Gebet und den Beistand des Geistes Jesu Christi.“2 Und an einer andern Stelle sagt er: „Damit für die Gabe, die uns um Vieler willen verliehen ist, durch Viele von uns Dank gesagt werde.“3 Und du sagst: „Was bedarf ich der Fürbitte?“

[S. 549] Wenn wir es dagegen an uns fehlen lassen, so kann uns Niemand mit seiner Fürbitte helfen. Was konnte Jeremias den Juden helfen? Ist er nicht dreimal vor Gott hingetreten und hat er nicht dreimal die Worte hören müssen: „Bitte nicht für dieses Volk und lege nicht Fürbitte für dasselbe ein, denn ich werde dich nicht erhören!“4 Was konnte Samuel dem Saul helfen? Und doch hat er für diesen nicht bloß gebetet, sondern auch geweint und getrauert bis zu seinem letzten Tage.5 Was konnte derselbe den Israeliten nützen, von denen er doch gesagt: „Fern sei es von mir, mich so zu versündigen, daß ich von dem Gebete für euch ablassen sollte!“6 Sind nicht dessenungeachtet Alle zu Grunde gegangen?

„Also nützen die Fürbitten Nichts?“ wendest du ein. Allerdings nützen sie und zwar in hohem Grade, allein, wohlgemerkt, nur dann, wenn wir auch das Unsrige thun. Denn die Fürbitten helfen und unterstützen nur; gerade der Begriff helfen und unterstützen aber setzt schon nothwendig voraus, daß Derjenige, dem Hilfe und Unterstützung zu theil wird, sich nicht ganz unthätig verhält, sondern daß er auch Etwas thut. Wer ganz unthätig bliebe, bei dem bliebe jede sogenannte Hilfe wirkungslos.

1: Apostelg. 12, 5.
2: Phil. 1, 19.
3: II. Kor. 1, 11.
4: Jerem. 7, 16.
5: I. Kön. 15, 35.
6: Ebd. 12, 23.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger