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Salvianus von Massilia († nach 480)
Briefe

I. Eine Empfehlung

Dieser Brief wurde wohl um 438 geschrieben, als Köln von den Barbaren eingenommen worden war.1

O Liebe, ich schwanke, wie ich dich nennen soll, gut oder böse, süß oder bitter, lieblich oder abstoßend? Denn von beidem bist du so voll, daß du beides zu sein scheinst. Daß die Unsrigen von uns geliebt werden, ist ehrenvoll, daß sie verletzt werden, bitter. Und doch entspringt bisweilen beides ein und derselben Gesinnung, ja ein und demselben frommen Wunsch: dem Schein nach mag ein Widerspruch vorhanden sein, dem Wesen nach herrscht Einklang. Ist's doch die Liebe, die uns die Unsrigen lieben heißt; und diese Liebe wiederum, die uns manchmal zwingt, sie zu kränken. Beides ist ein und dasselbe: und doch hat das eine den Dank der Liebe für sich, das andere muß die Ungnade des Hasses dulden. Wie drückend ist dies, ich bitte euch, Geliebteste, oder wie bitter, daß Liebe zwangsweise zum Grund für den Haß wird? Diese Erfahrung haben andere schon oft gemacht. Nun muß ich mit gutem Grunde fürchten, gleichfalls in die Lage geraten zu sein, daß ich für einen sorge und dabei vielen zur Last falle, wenn ich den Jüngling, den ich euch schickte, meinen unzertrennlichen Freunden anzuvertrauen wünsche, und daß die Liebe zu ihm ein Verstoß gegen die anderen sei; doch, sagt man, die wahrhaft Liebenden sind so schnell nicht zu beleidigen. Aber da ich fürchte, daß meine [S. 382] Empfehlung von einem oder dem andern nicht besonders günstig aufgenommen werde,2 halte ich auch schon die Verringerung der Gunst für ein Zeichen von Verstimmung. Beseelt von dem redlichen Wunsche, den Meinigen zu Gefallen zu sein, nehme ich in Gedanken die Schuld an ihrer Verstimmung auf mich; und wenn ich nicht in genügender Weise ihren Beifall finden kann, trage ich auch schon die Strafe ihres Mißfallens. Doch das habe ich bei euch überhaupt nicht zu fürchten, bei euch, die ihr mich ganz und gar in eure Mitte aufnehmt und sogar bei anderen Leuten für mich bekümmert seid. Denn es ist gar nicht möglich, daß ich je bei eurer liebreichen Gesinnung Mißfallen erregen könnte; im Gegenteil, ihr habt mit mir Angst davor, daß ich etwa zufällig bei dem oder jenem Mißfallen erregte, ihr meine liebsten, besten Freunde! Der junge Mann nun, den ich zu euch sandte, geriet zu Köln3 mitsamt seinen Angehörigen in Gefangenschaft; ehedem hatte in seinen Kreisen sein Name einen guten Klang; er gehörte zu einer sehr angesehenen Familie und stammte aus hochachtbarem Hause; vielleicht würde ich über ihn etwas weitschweifiger mich verbreiten, wenn er nicht mein Anverwandter wäre. So aber fasse ich mich kurz, um nicht durch allzulanges Reden über seine Person den Anschein zu erwecken, als redete ich über die meine. Seine Mutter nun ließ der Besagte in Köln zurück, eine rechtschaffene, ehrbare Witwe, und, wie ich vielleicht etwas kühn von ihr sagen kann, wahrhaft eine Witwe.4 Denn abgesehen von den Tugenden der Keuschheit und Weisheit zeichnet sie sich aus durch den Glauben, der stets allen Zierden wieder eine Zierde ist; ohne ihn ist ja nichts so schmuckvoll, daß es einen [S. 383] Schmuck bilden könnte. Sie also lebt nach der mir gewordenen Kunde dort in solcher Armut und Not, daß sie weder zum Bleiben noch zum Wegziehen die freie Wahl hat; denn sie besitzt tatsächlich nichts, was ihr zum Leben oder zur Flucht helfen könnte. Einzig und allein durch Taglöhnerdienste kann sie ihren Lebensunterhalt suchen; und so muß sie sich denn unterwürfig mit ihrer Hände Arbeit an die Frauen der Barbaren verdingen. Und mag sie allerdings durch Gottes Barmherzigkeit frei sein von den Fesseln der Kriegsgefangenschaft - sie ist doch Sklavin; zwar nicht ihrem Stande nach, aber doch Sklavin infolge ihrer Armut. Diese Frau nun vermutete nicht mit Unrecht, ich besäße dahier die Gunst einiger ehrwürdiger Personen - und ich will es nicht leugnen, um nicht, als Verleugner der Gnade, mich dem Danke für die Gnade zu entziehen: aber, so sicher ich nicht in Abrede stellen kann, sie zu besitzen, ebenso sicher weiß ich, daß ich sie nicht verdiene, so zwar, daß ich der Gnade Ursache nicht bin, obschon so etwas wie Gnade in mir wohnt; wenn nämlich wirklich in mir ein Stück Gnade ist, dann ist es unverkennbar um derentwillen in erster Linie verliehen, denen an meiner Begnadung gelegen sein mußte; so läge denn vielleicht die Gefahr nahe, ich möchte, wenn ich ihnen das, was ich um ihretwillen empfangen habe, ableugne, weniger mein Eigentum als vielmehr das ihre abzuleugnen scheinen. Diese Frau nun, mochte sie Wirkliches oder mehr als Wirkliches bei mir suchen, schickte den Jungen, den ich zu euch sende, an mich und hoffte dabei, er könnte auf meine Fürsprache hin mit der Fürsorge und Gunst meiner Freunde eine Stütze meiner Verwandten sein. Ich tat also, worum ich gebeten ward, jedoch nur in beschränktem Maße und nur an wenigen Türen, um nicht eine dankenswürdige Gunst durch ihren undankbaren Gebrauch zu verscherzen. Ich habe ihn anderswo empfohlen; ich empfehle ihn auch euch, freilich andern nicht ebenso wie euch: denn erstens brauche ich euch [S. 384] ihn, der der meine ist, doch nicht lange zu empfehlen, so wenig wie mich selber; und dann müßt ihr doch, da ihr mich als einen Teil von euch selbst betrachtet, auch ihn, der ja ein Teil meines Ichs ist, in gewissem Maße als einen Teil von euch ansehen; und endlich darf die Empfehlung in ihrer Art von den übrigen sich unterscheiden, weil sie sich auch durch den höheren Grad der Liebe abhebt. Denn den anderen Leuten habe ich den Jüngling anvertraut dem Leibe, euch dem Geiste nach; den anderen im Hinblick auf den Nutzen in der Gegenwart, euch mit der Hoffnung auf die Zukunft; den andern um kurzer irdischer Freuden, euch um ewiger, göttlicher Güter willen. Und so habe ich richtig gehandelt: ich habe nämlich eher das von euch erbeten, woran ihr größeren Überfluß habt, da ja die Güter des Fleisches euch weniger5 zu Gebote stehen als die des Geistes. Nehmt ihn also, ich bitte euch, auf wie mein Herzblut und tut, so weit es an euch liegt, euer Möglichstes! Zieht ihn an euch, mahnt, lehrt, unterrichtet, bildet ihn, zeuget ihn auf's neue! Unseres Herrn Christus Barmherzigkeit möge es fügen, daß zu seinem Heile er, der jetzt noch mein und meiner Angehörigen Verwandter ist, anfange, eher der Eurige zu sein als der der Seinigen! Laßt ihn ein, ich bitte euch, in jene seligmachenden ewigen Häuser, nehmt ihn auf in die heiligen Scheuern! Öffnet ihm die himmlischen Schatzkammern, und in steter Mühe mühet euch darum, daß ihr ihn beim Bergen in eure Schatzkammer zu einem Bestandteil des Schatzes selbst umbildet! Mächtig ist ja jene unaussprechliche Güte Gottes! Ihr nehmt ihn in die Gemeinschaft euerer geistlichen Güter auf; zu gleicher Zeit vermehrt ihr den Reichtum, den ihr über ihn ausschüttet, eben durch ihn. Und das ist sicher: wenn nur ein Funke guter Anlage in ihm steckt, wird es euch nicht schwer zu fallen brauchen, das Beste von seiner Zukunft zu [S. 385] hoffen; wenn er auch kein Wort von euch hört, er wird genügend Gewinn aus dem einen Umstand davontragen, daß er euch sieht. Lebt wohl!

1: Vgl. Hämmerle I 27/28 und 16.
2: Vielleicht legt diesen Worten ein Zerwürfnis mit einigen Brüdern zugrunde; vgl, Schäfer a.a.O. S. 30.
3: Die Stelle ist für die Frage nach der Herkunft Salvians von großem Gewicht; vgl. Einleitung S. 16.
4: Vgl. 1 Tim. 5, 3 und 5.
5: Die Hs. hat plus, wofür schon die Ausgabe von Pithou „minus" einsetzt, Brakman a.a.O. S. 173 vermutet non plus.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger