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Salvianus von Massilia († nach 480) - Briefe

V. Salvian an seine Schwester Cattura

Dieser Brief ist vor der Herausgabe der „Gubernatio" geschrieben, also vor 439/40 weil § 4 des Briefes in Gb. I 16 zitiert wird. Cattura ist nicht Salvians leibliche Schwester, sondern eine gottgeweihte Jungfrau, eine alumna Christi.

Zwar wissen wir nach der Lehre des Apostels Paulus1 nicht, um was zu bitten uns frommt; und so kommt es zuweilen, daß wir nicht wissen, was wir wollen oder worüber wir uns freuen dürfen; und doch: aus dem Gefühl der allgemeinen, dem Menschengeschlecht eigenen Liebe heraus - und mit ihr wünschen ja wir Menschen so ziemlich alle, vielleicht mehr gütig als verständig, daß unserem Herzen Nahestehende so lang wie möglich unter uns leben - aus dieser Liebe heraus freue ich mich, daß du nach einer schweren, langwierigen Krankheit auch wieder die Hoffnung für das irdische Leben gewonnen hast; für das kommende Leben war sie ja schon immer dein eigen! Gebenedeit sei also der Herr, unser Gott, der immer schon der Beschützer deines Geistes, jetzt in vorzüglichem Maße auch der deines Fleisches war und der, in dir weilend und dich behütend, seine Vaterhand von deinem inneren Leben her segnend auch über dein äußeres Dasein breitete! Nicht allein das Allerheiligste, auch die Vorhalle seines Tempels und den Vorhof hat er erhalten; seinen Schutz hat er weiter ausgedehnt und bewirkt, daß das Heil deiner Seele sich auch auf die Gesundheit deines Leibes erstrecke. Indessen möchte ich annehmen, daß auch diese von dir überstandene Schwäche des irdischen Gefäßes dir kei- [S. 398] neswegs geschadet hat; denn wie du weißt, gerade seine Stärke ist dem Geiste immer feind; so darf ich wohl mit Recht dich jetzt um so stärker im Geiste vermuten, je mehr dein Körper schwach zu werden beginnt. „Denn das Fleisch", so sagt der Apostel,2 „begehrt wider den Geist und der Geist wider das Fleisch. Diese befeinden sich nämlich gegenseitig, daß ihr nicht das tut, was ihr wollt."3 Wenn wir also infolge des Widerstandes unseres Leibes unseren Willen nicht ausführen können, müssen wir am Fleische schwach werden, um nach unserem Wunsche zu handeln. Und so ist's in Wirklichkeit. Denn die Schwäche des Fleisches schärft die Spannkraft des Geistes; und wenn die Glieder teilweise gelähmt sind, übertragen sich die Kräfte des Körpers auf die Fähigkeiten der Seele; so scheint es mir als eine Art Gesundungsprozeß, wenn der Mensch bisweilen nicht gesund ist. Denn dann gibt es so gut wie kein Ringen mehr für den Geist gegen den Leib, d. h. kein Ringen mehr für das Göttliche in uns gegen den irdischen Feind. Dann glüht nicht unser innerstes Mark4 in den Flammen des Lasters, dann setzt nicht verborgener Zündstoff den kranken Geist in Glut, dann tollen nicht die ausschweifenden Sinne in allen Lüsten umher; nein, dann triumphiert einzig und allein die Seele, froh über das Leiden des Leibes, wie über einen unterjochten Gegner. Freue dich also, Pflegetochter Christi! Öffne die Pforte deines Geistes, der ja immer schon so einfältig und befriedet war, jetzt aber noch mehr geläutert und freigemacht ist, und ziehe an dich, wie du liest,5 den Heiligen Geist! Niemals, glaube ich, konntest du Gott würdiger empfangen, daß er bei dir wohne; je schwächer am Körper, desto reiner im Sinn. Als die Krankheit dein Fleisch besiegte, [S. 399] hast du im Geiste gesiegt; und glücklich wärest du, wenn du am Tode des Leibes immer so festhieltest zum Leben des Geistes. Vielleicht, wenn in dir aller Zündstoff der menschlichen Versuchungen erloschen ist, hast du schon begonnen, das Wesen der Seele sogar im Fleische zu tragen; und daher möchte ich glauben, du seiest eigentlich nicht so durch eine große Fügung als vielmehr durch eine große Gnade Gottes zuvor krank geworden und jetzt genesen. Denn du bist bis jetzt krank gewesen zur Stärkung deiner geistigen Kraft und erlangst vielleicht jetzt gesicherte Gesundheit, da das Fleisch bezwungen ist. So kannst du, wenn späterhin dem Leibe dies Wohlergehen wiedergegeben ist, dieses ohne jede Schwächung für die Seele zu eigen nehmen: das Fleisch wird zwar allmählich wieder stark, aber die Versuchung erhebt sich nie wieder. Leb wohl!

1: Röm. 8, 26.
2: Gal 5, 17. (Mit ganz unwesentlichen Änderungen gegenüber der Vulgata).
3: Die gleiche Bibelsteile in ähnlichem Gedankenzusammenhang Gub. 1 3 (o. S. 49),
4: Vgl. Ep. IX 12: aestuantibus sacro affectu medullis.
5: s. 118, 131: Os meum aperui et attraxi spiritum.

 

 

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Inhaltsverzeichnis
Allgemeine Einleitung zu Salvianus Leben und Werk

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger