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Salvianus von Massilia († nach 480) - Des Timotheus vier Bücher an die Kirche (Ad ecclesiam)

IV. Buch

1. Man muß Gott im Leben wie im Sterben gleichermaßen dienen

Wohl weiß ich, o Kirche, du meine Herrin, du Spenderin seliger Hoffnung, daß unsere Ausführungen in den vergangenen Büchern einigen von deinen Kindern, die Christus zu wenig lieben, mißfallen müssen. Aber wir schätzen ihre Stimmungen nicht hoch ein; ist es doch gar nicht verwunderlich, daß Worte, die von Gott sprechen, solchen nicht gefallen, denen vielleicht Gott selbst nicht gefällt; und ist es doch auch nicht zu erwarten, daß solche Menschen, die selbst ihr Heil und ihre eigene Seele nicht lieben, eine Rede lieben würden, die ihnen ihr Heil und ihre Seele empfiehlt! So muß uns, wie anderswo, auch hier die Zustimmung und das Urteil der Frommen genügen; wenn diese das gleiche fühlen wie wir, dann sind wir wahrlich sicher, daß auch Gott selbst mit uns fühlt; denn da in seinen Heiligen der Geist Gottes weilet, steht ohne Zweifel Gott auf der Seite derjenigen, von denen der Geist Gottes nicht weicht. Die Gedanken schlechter Menschen, der Heiden wie der Weltdiener, darf man also gering oder für gar nichts wert achten; denn „wenn ich", sagt der Apostel, „den Menschen gefallen wollte, wäre ich kein Knecht Christi". 1Das aber ist härter und beschwerlicher, daß, wie ich glaube, manche deiner Kinder unter dem Namen des religiösen Lebens mit diesem religiösen Leben in Zwiespalt sind und mehr ihrem Gewand als ihrer Gesinnung nach die Welt verlassen haben; wenn ich mich nicht [S. 363] täusche, drückt sich ihre Meinung dahin aus, daß jeder Christenmensch schlechthin beim Sterben seine Verwandtschaft mehr berücksichtigen müsse als Christus. Und weil dies eine ganz gottlose, fluchwürdige Meinung wäre, versuchen sie, wie ich glaube, dieselbe durch einen Zusatz gleichsam in einen verdunkelnden Schatten zu hüllen, indem sie sagen, alle Gottgläubigen müßten nur in gesundem und kräftigem Zustand sich Christus verpflichtet fühlen; aber dann, wenn sie aus der Welt wandern, müßten sie mehr an ihre leibliche Verwandtschaft als an den Dienst Gottes denken. Als ob ein Christ ein anderer sein müßte, wenn er bei vollen Kräften ist, und ein anderer, wenn er diese Welt verläßt! Als ob er sich Christus gegenüber anders erweisen müßte in der Vollkraft, anders im Tode, anders im früheren, anders im späteren Leben! Wenn dem so ist, dann müßte also ein Mensch als Jüngling von Christus etwas anderes halten denn als Greis, und die Menschen müßten gerade so oft ihren Glauben wechseln wie ihr Alter. Wenn nämlich einer zum Dienste Gottes sich anders stellt als kräftiger Mensch, anders als Schwacher, anders als Gesunder, anders als Kranker, so wird in den Augen des Menschen Gott in dem Grade veränderbar, wie der Zustand des menschlichen Leibes ein ungleicher sein wird; und so oft das Befinden des Menschen sich ins Gegenteil verkehrt, ebenso oft wird auch sein religiöses Denken ein anderes sein; als ob diejenigen, die im vollen Leben Christus gehören müssen, beim Sterben nicht mehr Christo gehören müßten! Und wo bleibt da jenes Wort: „Wer ausharrt bis ans Ende, der wird gerettet werden", 2oder jene andere Prophezeiung des göttlichen Wortes in den Sprüchen: „Die Weisheit wird beim Sterben verkündigt"- 3Dadurch soll doch gezeigt werden: Wenn [S. 364] die Weisheit auch in jedem Lebensalter etwas Heilsames ist, so müssen doch alle vornehmlich bei ihrem Sterben weise sein, weil alle Klugheit des verflossenen Lebens keinerlei Verdienst haben wird, wenn sie nicht mit einem guten Ende abschließt; denn die Weisheit kündet sich beim Sterben. Warum sagt die Schrift nicht ,,in der Jugend", nicht ,,im mannbaren Alter", nicht „in einer gefestigten Lebenslage", nicht ,,im Zustand des Glücks"? Eben weil in all diesen Zeiten jegliches Lob auf unsicherem Boden stünde, Solange nämlich ein Mensch dem Wechsel unterworfen ist, kann er nicht mit voller Sicherheit gelobt werden; und so ,,kündet sich", wie es heißt, ,,die Weisheit erst beim Sterben". Was ist nun, so frage ich, die Weisheit eines Christen? Was anderes als die Ehrfurcht und Liebe zu Christus? „Der Anfang der Weisheit", heißt es, „ist die Furcht des Herrn;" 4und anderswo: „Vollkommene Liebe verdrängt die Furcht." 5Wir sahen also: Der Anfang der Weisheit liegt in der Furcht, die Vollendung in der Liebe Christi. Wenn daher die Weisheit eines Christen Ehrfurcht und Liebe zum Herrn ist, so sind wir erst dann wirklich weise, wenn wir Gott immer und über alles lieben, und dies zwar zu jeder Zeit, aber ganz besonders bei unserem Sterben, denn: die Weisheit kündet sich beim Sterben.

1: Gal 1, 10. Vulgata etwas anders.
2: Matth. 10, 22.
3: Sprichw. 1, 20. Nach Halm ist dieses Bibelzitat eine falsche Interpretation der Worte xxxxx xxxxx (Die Vulgata hat: sapientia foris praedicat.) Ullrich a. a. 0. S. 9 läßt Salvians Auffassung auf der „afrikanischen" Bibelübersetzung beruhen und führt zum Beweise Stellen aus Tertullian, Faustus, Vigilius von Thapsus und der (nach Roensch auch in Afrika entstandenen) Irenaus-Interpretation an.
4: Ps. 110, 10.
5: Joh. 4, 18, Vulgata: Caritas statt dilectio bei Salvian.

 

 

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Allgemeine Einleitung zu Salvianus Leben und Werk

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger